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Experiment II: Validität und Fehler

Gerade weil es beim Experiment darauf ankommt, eine kausale Beziehung zwischen zwei Sachverhalten zu belegen und zugleich aber klar ist, dass es in der Kommunikationswissenschaft keine monokausalen Zusammenhänge gibt, nimmt die Begutachtung der Randbedingungen einen breiten Raum ein. Experimente sind immer unter dem Aspekt zu prüfen, ob ein Ergebnis tatsächlich ein Ursache-Wirkungs-Verhältnis abbildet oder möglicherweise durch andere, unkontrollierte Variablen zustande gekommen sein könnte. Bevor die eigentliche Durchführung eines Experiments ansteht, muss man sich deshalb größtmögliche Klarheit über denkbare Interventionen verschaffen, die das Ergebnis verfälschen könnten.

14.1 Repräsentativität experimenteller Ergebnisse

Experimente und ihre Ergebnisse leben vom Vergleich. Der Unterschied zwischen Experimentalund Kontrollgruppe ist es, der ein Experiment aussagekräftig macht. Die absolute Höhe der gemessenen abhängigen Variablen kann nicht von der verwendeten Stichprobe auf die Grundgesamtheit hochgerechnet werden. Wie bereits bei den Ausführungen über die Auswahlverfahren dargestellt (Kap. 4), ist ein Repräsentationsschluss nur dann zulässig, wenn die untersuchte Stichprobe ein verkleinertes Abbild der Grundgesamtheit darstellt. Bei einem Experiment werden die Teilnehmer zwar nach einem Zufallsprinzip der Experimentalbzw. Kontrollgruppe zugeschlagen (vgl. dazu Parallelisieren, Randomisieren in Kap. 15.3.3). Sie stehen jedoch in der Regel nicht für eine Grundgesamtheit, d. h., die Summe der Teilnehmer der Experimentalund Kontrollgruppe ist nicht repräsentativ und muss dies auch nicht sein. Bis auf den Sonderfall, dass innerhalb einer repräsentativen Befragung bestimmte Frageformulierungen experimentell variiert werden (Split-Ballot), handelt es sich bei experimentellen Stichproben in der Regel um eine bewusste Auswahl. Während das generelle Ziel von repräsentativen Bevölkerungsumfragen verallgemeinerbare Aussagen über eine bestimmte Population ist, will das Experiment relative Aussagen machen: Wie hat sich eine Variable aufgrund eines experimentellen Stimulus verändert? Dafür ist hinsichtlich der Zusammensetzung von Experimentalund Kontrollgruppe lediglich von Bedeutung, dass sie zufällig und nicht aufgrund individueller Vorlieben zustande kommt.

Man darf auf der Grundlage von experimentellen Untersuchungen also sagen, dass Alkohol am Steuer die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigt oder dass unter bestimmten Bedingungen Gewaltfilme die Gewaltbereitschaft erhöhen. Man darf nicht unbedingt sagen, um wie viel Prozent die Fahrtüchtigkeit verringert wird, da das Experiment beispielsweise nur bei bestimmten sozialen Gruppen durchgeführt wurde und insofern die Ergebnisse nicht generalisierbar sind. Die Verfügbarkeit von Versuchspersonen ist in der Tat ein Problem, weshalb sich bewusste Auswahlverfahren nicht vermeiden lassen. Immer dort, wo Menschen zumeist aus beruflichen Gründen zusammenkommen und deshalb verfügbar sind, liegt es für die Forschung nahe, diese Gruppe für ihre Untersuchung zu rekrutieren. Auf diese Weise werden besonders häufig Studierende, Soldaten, Schüler oder Arbeiter in einem großen Betrieb in Experimenten untersucht.

Die Kritik bleibt nicht aus: Man messe ja nur Mediennutzungsverhalten, Aggressivität oder ähnliche Merkmale von Studierenden und nicht von der Bevölkerung. Studierende seien in ihrem Mediennutzungsverhalten aber völlig anders als die allgemeine Bevölkerung, deshalb seien einschlägige Ergebnisse nicht verallgemeinerbar. Unter bestimmten Umständen ist der Vorwurf berechtigt. Man muss allerdings differenzieren: Messergebnisse sind generalisierbar, wenn der zu untersuchende Sachverhalt unabhängig von der jeweiligen Teilgruppe existiert, an der er untersucht wird. Dies ist etwa bei den klinischen Tests für neue Schmerzmittel der Fall, in der eine Gruppe die Schmerzsubstanz, die andere ein Placebo bekommt. Wenn man dann feststellt, dass bei denjenigen, die die Schmerzsubstanz erhalten hatten, sechzig Prozent und bei denjenigen, die das Placebo nahmen, nur dreißig Prozent von einer Linderung ihrer Schmerzen sprechen, dann kann man feststellen, dass das Medikament wirkt. Und es gäbe in so einem Fall keinen Grund, anzunehmen, dass das Schmerzmittel bei Studierenden anders als bei der allgemeinen Bevölkerung wirkt. Ob das Schmerzmittel in der Bevölkerung im Durchschnitt in 60 % der Fälle wirkt, darf man allerdings nicht verallgemeinern.

Ähnliches gilt für unser Beispiel der Bebilderung von Fernsehnachrichten. Vermutlich wird sich der Unterschied in der Erinnerungsleistung zwischen bebilderten und nicht bebilderten Nachrichten, der bei Studierenden gefunden wurde, auch bei anderen Bevölkerungsgruppen finden, wenn auch auf einem anderen Niveau. Ein anderes Beispiel sind Experimente zur Werbewirksamkeit von Tandemspots. Die Versuchspersonen werden in Gruppen eingeteilt und bekommen einen Film mit Werbeunterbrechung zu sehen. Der Werbeblock besteht aus zehn Spots und wird allen Versuchsgruppen vorgeführt. Die Variation besteht darin, dass ein Teil (Experimentalgruppe) sogenannte Tandemspots zu sehen bekommt, während dem anderen Teil (Kontrollgruppe) die zweite Hälfte des Spots vorenthalten wird. Dieses Experiment wurde mit studentischen Versuchspersonen durchgeführt. Man kann annehmen, dass Menschen Werbung unterschiedlich aufmerksam verarbeiten, und dabei beispielsweise ihr Interesse an dem beworbenen Produkt eine Rolle spielt. Rentner werden sich kaum für einen Bausparvertrag, Studierende kaum für eine Haftcreme interessieren. Die Erinnerung an Werbung kann somit auch von bestimmten sozialen Merkmalen abhängig sein. Es gibt aber keinen Grund, zu vermuten, dass die gemessenen Unterschiede zwischen der Experimentalgruppe (Tandemspot) und der Kontrollgruppe (einfacher Spot) von sozialen Merkmalen abhängen. Es mag allerdings sein, dass die Unterschiede bei Studierenden auf einem anderen Behaltensniveau auftreten als beispielsweise bei Rentnern. Auch in diesem Fall könnte man die Ergebnisse also generalisieren.

 
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