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Experiment III: Varianten und Durchführung

15.1 Typen von Experimenten

Die bisher dargestellten Beispiele experimenteller Anordnungen beziehen sich alle auf sogenannte Laborexperimente. Es gibt allerdings noch weitere Möglichkeiten, unter experimentellen Bedingungen kausale Zusammenhänge zwischen einem Stimulus und einer abhängigen Variablen aufzudecken. Dies soll im Folgenden systematisch dargestellt werden. Bleiben wir zunächst beim Laborexperiment.

15.1.1 Laborexperimente

Als Labor, in dem ein Experiment durchgeführt wird, bezeichnet man die Untersuchungsräume, die speziell für den Forschungszweck ausstaffiert werden. Die strikte Kontrolle bzw. Gleichhaltung der Versuchsbedingungen erfordert, dass ein Labor in der Regel relativ einfach ausgestattet ist, so dass die Versuchspersonen nicht abgelenkt werden. Wird die Reduktion auf die grundlegenden Elemente des Experiments allerdings zu stark, leidet die Übertragbarkeit auf die Realität (externe Validität). Man kann daher die Situation auch so gestalten, dass die Versuchspersonen sich möglichst natürlich verhalten können. Für Fernsehexperimente bedeutet dies beispielsweise, dass man einen Tisch oder eine Couch aufstellt und damit ein „Wohnzimmer“ nachstellt, vielleicht sogar Snacks und Chips auslegt und den Versuchspersonen die Möglichkeit gibt, etwas zu trinken.

Laborexperimente zeichnen sich in erster Linie durch die Manipulation der unabhängigen Variablen und eine starke Kontrolle der Versuchssituation aus.

Die experimentellen Bedingungen sind in einer Laborsituation also vollkommen standardisiert. Gerade weil jedes Detail bis auf den experimentellen Stimulus für alle Versuchspersonen gleich sein soll, ist man mit dem Problem einer eher niedrigen externen Validität konfrontiert. Man stellt eine Situation her, in der jedes Detail festgelegt ist, die interne Validität also hoch ist. Wenn also Chips und Getränke, dann für alle. Wegen der Künstlichkeit der Situation muss man jedoch Abstriche bei der Generalisierbarkeit der Ergebnisse machen.

15.1.2 Feldexperimente

Sogenannte Feldexperimente unterscheiden sich in einigen wesentlichen Punkten vom Laborexperiment. In einem Feldexperiment wird die natürliche Umgebung, in der Leute sich bewegen, weitgehend beibehalten. Feldexperimente finden an Orten statt, an denen sich Menschen normalerweise aufhalten. Die experimentelle Variation, die vorgenommen wird, sowie die Teilung von Versuchspersonen in Experimentalund Kontrollgruppe sind weitgehend in diese Lebenssituation mit eingebaut. In der Regel wissen die Versuchspersonen nicht, dass sie an einem Experiment teilnehmen, sie verhalten sich also vollkommen natürlich.

Feldexperimente zeichnen sich durch eine hohe externe Validität aus.

Der Nachteil ist spiegelbildlich, d. h., der Versuchsleiter kann weder den experimentellen Stimulus aktiv variieren, noch die Situation und den Ablauf kontrollieren, was zu Lasten der internen Validität geht. Problematisch ist insofern auch die Interpretation solcher Untersuchungen, weil eine unbekannte Zahl von Störvariablen auf das Ergebnis Einfluss nehmen kann.

Zur Verdeutlichung der Unterschiede zwischen Laborund Feldexperimenten sind oben die Kriterien schematisch zusammengefasst (Tab. 15.1). Die Frage, ob man eine Laboroder eine Feldsituation wählt, hängt natürlich in erster Linie vom Erkenntnisinteresse ab. Mit Kindern wird man beispielsweise eher in ihrer natürlichen Umgebung (Kindergarten) arbeiten. Die Situation während des Experiments ist dann allerdings sehr anfällig für Störungen. Ähnliches gilt, wenn man Experimente in Fußgängerzonen oder an anderen öffentlichen Orten durchführt. Zentral ist für Feldexperimente auch, dass sich die Versuchspersonen nicht durch Selbstselektion für die Experimentaloder Kontrollgruppe entscheiden können. Eine Unterform des Feldexperiments ist das soziale Experiment.

In einem sozialen Experiment werden natürliche Veränderungen der Lebensbedingungen genutzt, um Experimentalund Kontrollgruppen zu schaffen.

In der Literatur häufig erwähnt sind Untersuchungen, die in den 1950erund 1960erJahren zum Einfluss des Fernsehens auf die Lebensverhältnisse von Menschen gemacht wurden (vgl. z. B. Williams 1986). In dieser Studie wurden die Lebensgewohnheiten von Menschen zweier Orte untersucht. Die Orte glichen sich in ihrer soziodemografischen Struktur, unterschieden sich aber dadurch, dass in einem Dorf der Empfang von Fernsehen möglich war, im anderen noch nicht, jedoch in Kürze

Tab. 15.1 Vergleich zwischen Laborund Feldexperimenten hinsichtlich ihrer Versuchsplanung

seinen Einzug halten sollte. Williams fand also eine Lage vor, in der durch diese technische Bedingung zwei Populationen in Experimentalund Kontrollgruppe geteilt werden konnten. Ein Versuchsplan zu dieser Untersuchung könnte etwa so aussehen (Abb. 15.1).

Der gravierende Nachteil dieser Methode und allgemein von Feldexperimenten ist die mangelhafte Kontrolle möglicher intervenierender Variablen. Dies kann in Konfundierungen münden, durch die eine kausale Interpretation der Unterschiede zwischen den Orten unmöglich gemacht wird. Selbst wenn Einwohnerzahl, Familienzusammensetzung und Einkommen, also der sozioökonomische Status, in beiden Populationen ähnlich ist, kann man nicht ausschließen, dass sie sich generell in einer wesentlichen Variablen unterscheiden, so dass das Anliegen, den Einfluss des Fernsehens kausal zu interpretieren, deutlich beeinträchtigt ist. Vielleicht gibt es in einem Dorf einen Pfarrer, der das Gemeindeleben stark prägt oder einen Sportverein, der seine Mitglieder jeden Samstag aufs Spielfeld ruft.

Abb. 15.1 Versuchsanordnung in einem sozialen Experiment

Die Ausgangssituation solcher Forschung ist dennoch ausgesprochen reizvoll. Man konnte unter natürlichen Bedingungen untersuchen, was passiert, wenn im zweiten Dorf das Fernsehen eingeführt wird. Wie verändern sich Einstellungen und Meinungen zur politischen Lage, Konsumund Freizeitverhalten, überhaupt die Lebensgewohnheiten bis hin zu familiären Aktivitäten gegenüber der fernsehlosen Zeit? Die Messung erfolgte durch Befragungen, und zwar zu zwei Zeitpunkten t1 und t2 in beiden Dörfern. Zeitpunkt t1 in der Experimentalgruppe ist sozusagen eine Nullmessung, die als Maßstab für spätere veränderte Messwerte gilt. Die Messungen t1 und t2 in der Kontrollgruppe dienen der Überprüfung: Wenn die Ergebnisse beider Messungen gleich sein würden, könnte man etwaige Unterschiede aus den Erhebungen im Experimentaldorf tatsächlich auf die Einführung des Fernsehens zurückführen. Würden sich die Messungen im Kontrolldorf signifikant voneinander unterscheiden, wäre dies ein Hinweis auf eine oder mehrere intervenierende Variable(n). Denkbar wäre zum Beispiel, dass eine Präsidentenwahl, eine Naturkatastrophe oder die Olympischen Spiele systematisch auf die sonst üblichen Lebensverhältnisse Einfluss nehmen könnten.

Auch in Deutschland sind derartige Feldexperimente gemacht worden, beispielsweise bei der Einführung des privaten Fernsehens in den sogenannten Kabelpilotprojekten in Ludwigshafen, Berlin, Dortmund und München. Die Experimentalgruppe bestand aus Haushalten, die bereits an das Kabel angeschlossen waren oder sich anschließen lassen wollten, die Kontrollgruppe aus Haushalten, die weiterhin nur über Antenne Fernsehen empfangen und die privaten Kanäle nicht sehen konnten. Dadurch konnten Untersuchungen des Fernsehund Freizeitverhaltens in einer Experimentalund einer Kontrollgruppe mit Messwiederholungen (Vorher-Nachher-Messung) durchgeführt werden. Die zentrale Forschungsfrage war, wie sich durch die Vervielfältigung der Kanäle die Sehgewohnheiten verändern, wie sich dies wiederum auf das familiäre Zusammenleben auswirkt und wie sonstige Freizeitgewohnheiten beeinflusst werden. Man fand heraus, dass bestimmte Zuschauersegmente, die sehr unterhaltungszentriert fernsehen, in einer Vielkanalumgebung systematisch um Informationsprogramme „herumkurven“ und Nachrichtensendungen zugunsten von Talkshows, Quizoder Sportsendungen regelrecht vermeiden (Unterhaltungsslalom). Die wichtigste Variable war natürlich die Nutzungsdauer. Sie hat tatsächlich zugenommen, allerdings nicht so deutlich wie angenommen. Seit damals, 1984, nimmt sie übrigens noch bis heute langsam, aber stetig zu und liegt momentan durchschnittlich bei mehr als drei Stunden täglich.

 
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