The fault in our stars – systematische, soziologische und ethische Aspekte normierter Kindheit

Es gehört zum menschlichen Lebenslauf, auch dem von Kindern und Jugendlichen, dass er durch besondere Situationen oder besondere Erlebnisse zeitweise oder dauerhaft geprägt sein kann . Dieses Besondere, was auch immer es sei, fordert dann sowohl Individuen als auch Systeme dazu heraus, die Frage nach dem Sinn zu stellen und das Geschehen in eine Ordnung zu bringen . Das kann zu einer religiöse Verortung führen, den Rekurs auf die Unausweichlichkeit des Schicksals bedienen, der Vorbestimmung menschlichen Daseins – der englische Titel von Greens Roman lautet nicht ohne Grund „The fault in our stars“ – oder der persönlichen Schuld angelastet werden .

Normierung lässt sich folglich als Versuch verstehen, das prinzipiell Unverfügbare und die damit verbundene Offenheit und Unsicherheit in den Griff zu bekommen . Eine solche Leistung ist nicht zu unterschätzen, denn auch in einer existenziellen Situation, wie sie Hazel Grace erlebt, besteht in der Spannung zwischen Normierung und Abweichung die Chance zu etwas Neuem . Die Mutter greift auf ihr Alltagswissen über ‚normale Jugendliche' zurück, diese liegen nicht den ganzen Tag im Bett, lesen ein und dasselbe Buch immer wieder und denken an den Tod . Wohl wissend, wodurch die Gefühle und Stimmungen ihrer Tochter mit geprägt sind und was ihren Alltag zu einem Ausnahmezustand macht, sucht sie in der Denkfigur des normalen Jugendlebens ein passgenaues Angebot, ein Selbsthilfegruppe erkrankter Jugendlicher .

Die Frage, die ich hier stellen möchte, ist die nach den Funktionen von Normierungen, und zwar im Sinne von Normalitätskonzepten und –erwartungen, regelhaft gedachten Prozessen und Abläufen oder Verläufen bei Heranwachsenden . Damit verbunden ist die Anfrage an unsere kritischen Diskurse, verbunden mit dem Hinweis, ob die bislang formulierte Kritik es sich vielleicht zu leicht macht und dabei durch die Hintertür ein romantisches Konzept von Kindheit als dem goldenen Zeitalter hinein lässt, indem die normierte Kindheit als die böse, die ungeregelte, freie Kindheit als die gute erscheint . Dabei ist zudem zu fragen, was denn eigentlich das andere der normierten Kindheit ist und wie es beschaffen ist .

Daran schließt ein weiterer Gedanke an, denn zu prüfen ist, ob durch das Bestreben in den mit Kindern und Jugendlichen befassten Wissenschaften und Handlungsfeldern möglichst einheitliche Standards zu formulieren und so zur Normierung mit beizutragen der Blick für das Besondere eigentlich verloren geht . Das klingt vielleicht zunächst widersprüchlich, weil die normierte Kindheit ja eigentlich dazu einlädt, das Besondere im Sinne der Abweichung z . B . von Sprachentwicklungsverläufen zu diagnostizieren. dennoch: Das Besondere identifizieren und erfahren zu können, ist auf einen Vergleich angewiesen, also etwa auf die Bestimmung des Verhältnisses vom Besonderen und Allgemeinen, die Betrachtung besonderer Lebensumstände im Vergleich zu den normalen Lebensumständen, die Messung besonderer Armutslagen im Unterschied zu einer durchschnittlichen Lebenslage oder der persönliche Umgang mit meinem Leben ,vorher' und ,nachher' . Um Letzteres an Bildung festzumachen, sie ermöglicht im besten Fall die Hervorbringung des Neuen für den einzelnen Menschen ebenso wie für eine Gruppe oder gar für die Gesellschaft (Bildungserlebnis) . In „Vita Activa“ führt Hannah Arendt (1958) aus, dass es darauf ankomme in der Natalität die Möglichkeit des Neuen zu sehen, aber es gebe auch einen Anspruch des Bestehenden, weshalb das Neue sich nicht ungebremst entfalten dürfe, also normiert werden müsse . Worauf ich hier also hinaus möchte ist, in welchem Verhältnis die Normierung zu den Möglichkeiten des Neuen, der Veränderung steht und wie das mit der Kategorie Zeit zusammenhängt .

Schließlich geht es drittens um Kindheit als ‚sozialen Ort' – eine Formulierung von Siegfried Bernfeld bezogen auf Jugend (Andresen 2005) . Was heißt das? Normierungen finden immer in einem sozialen Kontext statt, als solche haben sie auch eine Funktion, etwa die der Distinktion oder aber der Integration . Auf zwei Aspekte sei hier aufmerksam gemacht: Erstens stellt sich die Frage, ob und wie Normierung Ausgrenzung mit produziert, wer davon wie betroffen ist und welche sozialen Praktiken im Feld der Pädagogik, der Medizin, der Therapie mit zur Ausgrenzung beitragen . Dies wäre, wenn man so will, eine politische Dimension des Themenfeldes . Zweitens aber ist systematisch zu prüfen, ob wir Gefahr laufen, die Bedeutung des Besonderen, also besondere Situationen, Erlebnisse, Daseinsformen, Anforderungen im menschlichen Lebenslauf zu tabuisieren und die Spannung zwischen dem Besonderen und Allgemeinen zu banalisieren . Dabei ist Letzteres, das Besondere und das Allgemeine, ein traditionelles Thema pädagogischer Theoriebildung . Auch die Kindheits- und Jugendtheorien verhandeln genau dieses Verhältnis . Auf den Punkt gebracht hat das etwa Michael-Sebastian Honig in seinem „Entwurf einer Theorie der Kindheit“ (1999) mit der Formulierung, man müsse dem Besonderen der Kinder als Kinder und dem Allgemeinen der Kinder als Menschen gleichermaßen gerecht zu werden versuchen .

Damit bin ich bei meinem nächsten Fragenkomplex, wie verhalten sich die Bestrebungen der Normierung von Kindheit zu der Vulnerabilität in der Kindheit einerseits und dem Streben nach Selbstbestimmtheit andererseits oder anders gefragt, was macht die Normierung mit der dem Menschen innewohnenden Spannung von Autonomie und Abhängigkeit .

 
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