Zur systematischen und kritischen Berücksichtigung von Vulnerabilität in der Erziehungswissenschaft

„Der große Überseekoffer stand hochkant und war einen Spalt offen, wie ein riesiges Buch, das darauf wartete, gelesen zu werden . An einer Seite reihten sich tiefe Fächer aneinander . Auf der anderen Seite hingen Anzüge und Kleider . Sie sahen aus, als seien sie durch den Raum geworfen und im Flug von kleinen Bügeln an einer Metallstange aufgehalten worden, an der sie sich festhielten, halb daran hängend, halb heruntergerutscht .

Nie zuvor hatte ich so viele Frauenkleider gesehen . Ich berührte sie, befühlte sie, drückte mich an sie, sog ihren verschwiegenen Körpergeruch in mich ein, bis mir schwindelig wurde . Ich zog eine Schublade auf und entdeckte Dosen voller Kosmetika . Ich wusste kaum, wozu sie da waren …

Plötzlich war meine Mutter im Zimmer, wie von einem gewaltigen Wind hier abgesetzt . Vor Verlegenheit und Angst stockte mir der Atem . Sie begann zu reden; ich sah, wie ihre Lippen sich bewegten . Ich beugte mich zu ihr und spürte die glühende Haut meines Gesichts .

‚Was machst du da?' fragte sie mich wieder und wieder . Ich hörte sie in immer demselben abgemessenen Ton ‚machst…machst' wiederholen, während sie meine Stirn anstarrte, die bedeckt war von ihrem Puder, meinem Mund, der vergrößert und verdickt war mit Lippenstift, den ich in einer kleinen runden Dose entdeckt hatte .

Ich fing an, tonlos zu weinen. Ihr Gesicht tauchte wie ein dunkler Mond drohend vor mir auf. Sie senkte ihre Stimme und flüsterte mit einer Art wilder Erbitterung: ‚Wein nicht! Hör auf damit! Nicht! Wein nicht!'

Ich schlug die Hände vors Gesicht . Sie schob die Bügel in den Koffer zurück und glättete die Kleider . Ich fühlte, dass sie mich getötet hätte, wenn sie die Tat hätte verbergen können .

Ich stand da und wartete auf die Erlaubnis zu bleiben oder zu gehen . Sie verließ das Zimmer, als wäre ich nicht da .“ (Fox 1997, S . 57f .)

In ihrem autobiografischen Roman „In fremden Kleidern. Geschichte einer Jugend“ beschreibt Paula Fox Spuren der Verletzlichkeit von Kindern durch Unberechenbarkeit der Erwachsenen, durch Missachtung, Traumatisierung, Vereinsamung und materiellen Mangel (s . a . Andresen 2012) . Es ist die Literatur, in der wir fündig werden, wenn es um die Wunden des Kindes und ihre Geschichten, um kindliche Gefühle angesichts der Ohnmacht in der generationalen Ordnung, um Schutz oder aber physische und seelische Obdachlosigkeit, um Gegenwehr und Erleiden geht .

Die Verwundbarkeit als einen Ausgangspunkt wissenschaftlichen Denkens und praktisches Handeln zu definieren, liegt der „Advokatorischen Ethik“ (1992) des Frankfurter Erziehungswissenschaftlers Micha Brumlik zugrunde . Dieses Buch bietet eine ethische Grundlegung pädagogischen Handelns und wissenschaftlicher Reflexion angesichts der Angewiesenheit des Menschen und besonders des Kindes auf die Achtung seiner Integrität und Würde . Ein damit verbundener zentraler Gedanke wird mit einem gerechtigkeitstheoretischen Anspruch konfrontiert, den Brumlik drei Jahre später in „Gerechtigkeit zwischen den Generationen“ (1995) formuliert hat, und zwar als Anfrage an Pädagogik und Politik, wie es gelingen kann, die Neuankömmlinge zum Bleiben zu bewegen .

Wie Kinder in ihrer anthropologischen Angewiesenheit auf Zugewandtheit, Responsivität, Pflege und Schutz anerkannt und zugleich den Anspruch auf Autonomie nicht verlieren, weist darüber hinaus auch in die bildungsphilosophische Tradition . Die sozialwissenschaftliche Kindheitsforschung mit ihrer starken Akteursperspektive und die Erziehungswissenschaft haben Verletzlichkeit als mögliches, vielleicht unausweichliches Phänomen von Kindheit tendenziell ausgeblendet und anderen Disziplinen wie der Medizin, der Evolutionstheorie, den Neurowissenschaften oder der Psychologie zu überlassen (Andresen 2014) . Dabei liegt ein Zugang besonders nahe, nämlich kritisch zu prüfen, ob das pädagogische Setting, die Arrangements Verletzlichkeit mit verursachen . Das heißt, zu klären: wie vulnerabel sind auch Institutionen oder die dort Tätigen und wie wirkt sich das auf das fachliche Handeln aus oder wie bedingen bestimmte hartnäckige Strukturen die Vulnerabilität von Kindern und ihren Familien .

Gila Schindler (2014) hat dies am Beispiel der Rechtsunsicherheit bei der Verwirklichung von Teilhabechancen sehr deutlich aufgezeigt . Wie es dazu kommt, dass eine Familie mit einem durch eine Geburtsschädigung verursachten geistig und körperlich behinderten Kind zu einer ,vernachlässigten Familie' wird, weil das Kind unter das SGB XII fällt und die Eltern nach Einkommen an den Kosten für seine Teilhabe und Freizeitgestaltung beteiligt werden (teils bis zu 100 %), verdeutlich die strukturell bedingte Vulnerabilität . Schindler und Maysen zeigen beide die Absurdität der rechtlichen Divergenzen bei der Kostenbeteiligung ambulanter und stationärer Hilfen auf . Diese bedingen in verschiedenen Fällen einen erheblichen Mangel an Unterstützung in einer familiär krisenhaften Situation, verschärfen das Ausmaß an Verletzlichkeit des Kindes und seiner Eltern und verhindern die Realisierung seiner Teilhabe . Und das unter dem programmatischen Dach der Inklusion . Maysen (2014) reagiert mit der Frage, ob sich in den Gesetzen und Verfahren unterschiedliche ‚Werte' eines Kindes manifestieren . Zumindest belegen sie die oben bereits diagnostizierte normative Diffusität, deren Wirkung aber die Verletzlichkeit von Kindern und Familien verschärft .

Diese skizzenhafte Ausführung soll genügen, um an dieser Stelle dafür zu plädieren, dass sich die Erziehungswissenschaft mit den sozialen Kontexten, in denen Vulnerabilität verschärft wird, auseinandersetzen muss und mit ihrem Wissen ein Potenzial einer Bestimmung für ein ‚gutes Leben' im Sinne Martha Nussbaums (1999) für alle Kinder und Jugendlichen nutzen sollte .

 
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