< Zurück   INHALT   Weiter >

4 Das Konzept des Wohlbefindens und sein Beitrag zur Normierung von Kindheit

Der Hinweis auf das ‚gute Leben' ist bereits die Überleitung zu dem Konzept des Wohlbefindens. Was haben beide mit dem Auftrag inklusiver Erziehung, Bildung und Betreuung zu tun, welche Erkenntnisse lassen sich nutzbar machen, aber welche Grenzen zeigen sich auch? Um einen Aspekt an den Anfang zu stellen: es geht hier immer auch um Normativität und damit um Entscheidungen . Aus erziehungswissenschaftlicher Sicht ist der normative Rahmen der Forschungen zu kindlichem Wohlbefinden durchaus kritisch zu reflektieren, weil häufig Vorstellungen von ‚guter Kindheit', von einem „normalen“ Aufwachsen oder ‚gelingenden' Beziehungen zwischen Kindern und Eltern implizit mit transportiert werden (Richter & Andresen 2012; Betz 2012) . Well-Being hat folglich auch eine Art Gegenüber, nämlich das ,Ill-Being' . Dieses zu bestimmen, kann wissenschaftlich und ethisch primär auf der Ebene der Rahmenbedingungen, der Strukturen und der Fachlichkeit angesiedelt sein und nicht als Negativfolie mittelschichtsorientierter, westlicher Werte über das, was die britische Familienforscher_innen Carol Vincent und Stephen Ball (2007) als „Making up the middle class child“ bezeichnet haben . Sie rekonstruieren die Praktiken von Eltern, insbesondere für die über die Schule hinaus gehende Bildung ihrer Kinder zu fördern . Dabei werden verschiedene Ressourcen zur Geltung gebracht – Geld, Zeit, Informationen, Mobilität – um eine Distinktion sozialer Art erreichen zu können .

Doch darüber hinaus sind mit der Bestimmung und Messung von Wohlbefinden auch Perspektiven auf die Befähigung von Menschen egal welchen Alters, welcher Herkunft, welcher Möglichkeiten oder Beeinträchtigungen möglich . Innerhalb der interdisziplinär agierenden Kindheitsforschung hat sich das Forschungsinteresse am Wohlbefinden von Kindern und auch Jugendlichen – von manchen als „Bewegung“ charakterisiert (Ben-Arieh 2014) – etabliert und es entfaltet sich im Schnittfeld von Forschung, Politik und Pädagogik . Insbesondere die international vergleichende Indikatorenforschung, wie sie etwa von UNICEF (Bertram 2013) verantwortet wird, zielt neben den Rankings der beteiligten Länder auch auf eine kindheits- und sozialpolitische Diskussion der Ergebnisse (Adamson 2013) . Demnach geht mit der Forschung und ihrer Veröffentlichung auch die politische und damit normative ‚Verwertung' der Ergebnisse einher . Dieses Interesse resultiert nicht zuletzt aus einer Kritik an der gesellschaftlichen Position von Kindern und einer Orientierung an den Kinderrechten, durch die die Child Well-Being Forschung mit geprägt ist . Methodologisch schließen zudem zahlreiche Studien an psychometrische Skalen an und erheben die Zufriedenheit der befragten Kinder . Dies kann entweder aus einer primär psychologischen Perspektive und dem damit verbundenen Interesse an den Sichtweisen des Individuums erfolgen oder aber in einer engen Verschränkung mit den sozialen Rahmenbedingungen, in denen Kinder unter je unterschiedlichen Bedingungen Zufriedenheiten ausprägen .

In diesem Abschnitt soll exemplarisch der Problematik nachgegangen werden, dass sich je nach normativer Rahmung die Dimensionen für Well-Being bestimmen ließen und Normierungen stattfinden. Um das am Beispiel wiederum von Inklusion zu entfalten . Die World Vision Kinderstudien (2007; 2010) haben das Konzept des Wohlbefindens für die Befragung von Kindern und die Analyse ihrer Erfahrungen, Wahrnehmungen und Sichtweisen zugrunde gelegt . Normativ zielen die Studien auf die Beteiligung aller Kinder . Das multidimensionale Konzept des Wohlbefindens 2013 setzt sich u. a. aus folgenden Dimensionen zusammen:

• Fürsorge durch die Elternteile/Eltern, gemessen an der Zeit, die sie für die Kinder da sind,

• Freiheiten im Alltag, gemessen daran, wie zufrieden Kinder mit den durch Eltern gewährten Freiheiten sind,

• Anerkennung und Mitbestimmung, gemessen daran, wer nach ihrer Erfahrung ihre Meinung respektiert und wie sie in Alltagsentscheidungen einbezogen werden,

• Generelle Zufriedenheit mit den Institutionen, gemessen an der Zufriedenheit in der Schule und im Hort,

• Freizeit, gemessen an der Zufriedenheit mit den Freizeitmöglichkeiten,

• Freundschaften zu anderen Kindern, gemessen an der Zufriedenheit mit dem Freundeskreis .

• Ausgehend von dieser Konzeption stellt sich nun systematisch die Frage, ob diese Dimensionen und vor allem die Indikatoren letztlich mit einem Konzept eines ,normalen', ,durchschnittlichen' Kinderlebens operieren . Stellt man sich eine inklusive Einrichtung oder Schule als Ort der Befragung vor, dann kämen es vielleicht zu anderen Bestimmungen, etwa:

• Fürsorge durch die Elternteile/Eltern, gemessen an der Zeit, die die Mutter eines chronisch kranken Kindes für ihre Selbstsorge hat oder kindorientierter, gemessen an der Zeit, die das Kind in seiner Freizeit außerhalb der Familie verbringen kann,

• Freiheiten im Alltag, gemessen daran, welche Bewegungsmöglichkeiten, welche Mobilität einem gehbehinderten Kind zur Verfügung stehen,

• Anerkennung und Mitbestimmung, gemessen daran, wie einem Kind ermöglicht wird, sich jenseits der sprachlichen Artikulation einzubringen,

• Generelle Zufriedenheit mit den Institutionen, gemessen an der Zufriedenheit

mit der Qualität der Pflegepraktiken während des Unterrichts,

• Freizeit, gemessen an der Realisierung echter Interessen und Möglichkeiten, sich zu erproben,

• Freundschaften zu anderen Kindern, gemessen an Erfahrungen, in der Schule oder der Kita nicht als der/die ,andere' angesehen zu werden .

Dieser zugegeben kursorische Versuch soll primär dafür sensibilisieren, dass das Potenzial des Konzeptes Wohlbefinden bei der Frage nach Beteiligung und Rechten von Heranwachsenden im Zeitalter der Inklusion sich nur dann entfalten kann, wenn die gängigen Dimensionen und Indikatoren kritisch geprüft werden . Dies nicht im Sinne einer etwa ,behindertenoder armutsgerechten' Version, sondern so, dass sich das Besondere im Allgemeinen wiederfindet. Es geht folglich um den Perspektivwechsel, dies auch, weil sich Fragen der Gerechtigkeit stellen . Darüber hinaus stellt sich theoriesystematisch die Frage, wie sehr Normierungen implizit in die Konzeptionen Einzug halten, ohne reflektiert zu werden.

 
< Zurück   INHALT   Weiter >