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Entstrukturierung und Entgrenzung der Jugendphase

Prozesse der retroaktiven Erziehung und Sozialisation

Wilfried Ferchhoff und Bernd Dewe

In diesem Beitrag werden vor dem Hintergrund sozialhistorischer Deutungshorizonte der frühen Neuzeit in alteuropäischen Gesellschaften vornehmlich soziologische und sozialisationstheoretische Analysen zum Strukturwandel der Jugendphase sowie wesentliche Aspekte der altersaffinen Entstrukturierung und Entgrenzung insbesondere der Jugendphase im Rahmen heutiger gesellschaftlicher Strukturentwicklungen rekonstruiert .

1 Einleitung

In den alteuropäischen Gesellschaften des späten Mittelalters und der Neuzeit gab es vornehmlich für männliche Jugendliche gewisse traditionale Zäsuren der Jugendphase und eine rituelle Ausgestaltung der Statusübergänge jenseits umfassender und abrupter Initiationsriten von der Jugendin die Erwachsenenphase, wie etwa Konfirmationsentwicklung „der Ritterweihe, dem Gesellenmachen, verschiedenen Riten am Arbeitsbeginn und Aufnahme in Jugendgruppen“ (Mitterauer 1986, S . 92) . Diese und andere rituelle Übergangsformen sind bis auf die Reifeprüfung/Abitur und die Heirat im Laufe der Zeit nahezu verschwunden, wobei freilich letztere auch erheblich an Bedeutung eingebüßt haben, gleichwohl das Heiraten insbesondere in den letzten beiden Jahrzehnten jenseits von Mündigwerden und Autonomieentwicklung eine neu-ritualisierte Inszenierungsthematik gewonnen hat .

Noch bis in die 60er Jahre des 20 . Jahrhunderts galt bspw . die autonome Haushaltsgründung, die in aller Regel mit der Heirat zusammenfiel, eindeutig als Beendigung der Jugendphase . Seit jener Zeit „ist dies nicht unbedingt mehr der Fall . Viele Jugendliche verlassen das Elternhaus und gründen einen eigenen Haushalt, „noch lange bevor sie eine Ehe, eine Dauerbindung (oder eine Bindung auf Zeit) eingehen . In ihren Lebensverhältnissen, Gruppenbildungen, Konsumgewohnheiten, Freizeitaktivitäten [… ] unterscheiden sich solche selbständig wohnenden Jugendlichen in nichts von anderen Jugendlichen“ (Mitterauer 1986, S . 46), die etwa noch in der Herkunftsfamilie wohnen . Sie gehören seit den letzten Jahrzehnten freilich zweifelsfrei zur Gruppe der Jugendlichen .

In der Sozialgeschichte der Jugend hat es in den Verlaufsformen und Stationen der Jugendbiographie in der jüngeren Vergangenheit eine geschlechtsspezifische Angleichung gegeben . Dieser allgemeine Trend zu einer Aufweichung der ehemals stark separierten zu einem tendenziellen Ausgleich führenden Geschlechterrollen in der neueren Zeit lässt sich auch vor dem Hintergrund der für beide Geschlechter inzwischen geltenden generellen Scholarisierung der Jugendphase aber auch angesichts der zunehmenden Wahlfreiheit in persönlicher und sachlicher Hinsicht sowie auch angesichts der individuellen Verfügbarkeit von jugendspezifischen Räumen (nicht nur ein eigenes Zimmer zu besitzen) und informellen Gesellungsformen beobachten . Die Wahl der FreundInnen, PartnerInnen und informellen Jugendgruppen im Freizeitbereich ist im Zuge vielfältiger Optionen gegenüber den historisch bindenden Gemeinschaftsformen und unter Konformitätsdruck stehenden Gruppenzwängen heute für beide Geschlechter weitgehend frei und erscheint nur insofern eingeschränkt, als durch „institutionelle Vorgaben bestimmte Verkehrskreise präformiert sind“ (Mitterauer 1986, S . 243; Schulkontakte, Milieus, Lebensstile etc . und vor allem muss die emotionale Basis stimmen) . Männliche und weibliche Jugendkommunikation stand „traditionell im Spannungsfeld von Haus und Straße“ (ebd .) . Die Treffen der männlichen Jugendlichen fanden in der Regel jenseits des Elternhauses außerhäuslich auf der Straße, in öffentlichen Räumen, auf öffentlichen Plätzen, in Gasthäusern, Trinkstuben, in Kaffehäusern, auf Kirmesbzw . Rummelplätzen etc . statt . In der neueren Entwicklung der letzten Jahrzehnte zeigt sich auf der einen Seite die Tendenz, dass sich nicht nur weibliche, sondern auch männliche Jugendliche oder gemischte Gruppen „verstärkt innerhäuslich treffen“ . Die seit den 50er Jahren des 20 . Jahrhunderts sich entwickelnde Party-Kultur kann als Auslöser dieser innerhäuslichen Treffen gesehen werden . Auf der anderen Seite erschloss die weibliche informelle Jugendgruppenkultur zusehends die öffentlichen Räume . Auch Mädchen können sich einander in öffentlichen Räumen, Lokalen, Discos und Club-Szenen treffen . Es ist seit einigen Jahrzehnten sogar möglich geworden allein auszugehen, allein zu shoppen und – im Zuge der Aufweichung des Tanzzwangs – gar nicht zu tanzen, aber auch – im Lichte der Aufweichung des Paar-Tanzes bzw . der Individualisierung des Tanzes – allein Tanzen zu gehen . „Im Jugendtourismus, an dem Mädchen völlig gleichberechtigt teilnehmen“, findet diese sich entwickelnde Aufweichung der Geschlechterrollenstereotypen „besonders anschaulich Ausdruck“ (Mitterauer 1986, S . 245) .

Und die Hochzeit, aber auch das Abitur sowie andere historisch ehemalige, mit hohen Graden ausgestatteten Ritualisierungen in allen Lebensbereichen besitzen ihren eindeutigen Status als Übergangsriten in das Erwachsenenalter für beide Geschlechter schon lange nicht mehr . Infolge solcher Prozesse der Entritualisierung sind der punktuelle Charakter sowie die äußere Symbolträchtigkeit und Zeichenhaftigkeit der Zäsuren verlorengegangen. Die Übergänge werden unsichtbarer und fließender. Feste Anfangs- und Endpunkte der Jugendphase verschwimmen . An deren Stelle ist eine komplexe „Vielfalt sukzessive aufeinanderfolgender und einander überschneidender Teilübergänge“ (Mitterauer 1986, S . 93) entstanden, die inzwischen seit einigen Jahren mit inszenierten partikularen neuen Ritualisierungen aufwarten .

Darüber hinaus widmen wir uns in diesem Zusammenhang vornehmlich auch den beidseitigen (Wirkungs)Zusammenhängen der Sozialisations- und Erziehungsprozessen von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen . Zudem werden auch jugendkulturelle Entwicklungen und ihre Verwurzelungen und Einbettungen in einer sich wandelnden hochgradig individualisierten Gesellschaft rekonstruiert . In den vielen gemixten und remixten, sehr unterschiedlichen Jugendkulturen dominieren im Medium von nicht nur musikalisch-popkulturellen und autonomieaffinen, vielfach körperbezogenen Ästhetisierungen, Stilisierungen und Selbstinszenierungen nicht selten konsumaffine, erotisierende, sportive und modische Embleme, Accessoires, Markenklamotten und bestimmte, ebenfalls diffundierende globalisierte aber auch nationale, regionale und lokale Musikstile .[1]

Die jeweils jugendkulturspezifischen Symbol- und Zeichensysteme werden im heutigen jugendlichen Gemeinschaftsleben szenengemäß präsentiert, wertgeschätzt, spaß- und genussvoll eingesetzt . Zugehörigkeiten und Distinktionen können angezeigt und präsentiert werden – oftmals in einer Ästhetik des vermeintlich Schönen, Erhabenen mit Anmut, Perfektion und Stärke . Im Zuge der insgesamt in vielen – übrigens nicht in allen – informellen Jugendgruppierungen und Jugendkulturen zu beobachtenden Prozesse der Funktionsdifferenzierung, der Deinstitutionalisierung, der Entgrenzung, Enttraditionalisierung, Entritualisierung und der Individualisierung haben Stilmixvarianten und Paradoxien in Mode, Medien, Musik und auch in digitalisierten und realen Selbstinszenierungen sowie in verschiedenen habituellen Praxen Konjunktur. Historisch puristische Traditionen mit umfassenden, multifunktionalen und alle Lebensbereiche einschließenden Gemeinschaftsformen überleben nur noch in einigen religiösen und politisch fundamentalistischen Jugend-Strömungen und Jugendgruppierungen .

Sicherlich haben sich in den heutigen vorherrschenden tendenziell entritualisierten, eher informellen Jugendgruppierungen neue identitätsstiftende Jugendriten entwickelt . Diese sind allerdings nicht mehr nur in formale und starre, rigidisierte, gesellschaftlich institutionell vorgezeichnete und quasi zwangsnormierte Bindungs- und Verhaltensreglements mit Präsenzpflicht eingewoben. Sie sind als Ausdruck einer Gruppengemeinsamkeit offener, pluraler, spontaner, kontingenter, individualisierter und so gesehen für die Jugendlichen jenseits des sozialen Zwangs des Mitmachen-Müssens wählbarer geworden . Es gibt in den informellen Jugendgruppierungen in der Regel keine formalisierten Ordnungen, „keine rituelle Aufnahme mit Treueschwüren oder formalen Versprechen, die auf eine bestimmte Lebensweise festlegen . Es gibt keine rituellen Feiern wie etwa die Stiftungsfeste von Vereinen oder die Kirchweihveranstaltungen der ländlichen Burschenschaften . Es gibt keine Rituale des gemeinsamen Essens und Trinkens, der Werbung um den/die PartnerIn oder des Tanzes“ . Informelle Jugendgruppen und Jugendkulturen können in der Regel auf ältere Gruppensymbole wie bspw . Trachten, Uniformierungen, Fahnen, Wimpel, Wappen usw . verzichten“, wie sie historisch bei verschiedenen Formen von Jugendorganisationen verbreitet waren oder auch noch heute in Restelementen vorhanden sind . Dennoch: bei aller tendenziell freiwilligen Wählbarkeit von Kleidungsstilen, freilich seit einigen Jahrzehnten als expressive, warenförmige internationale Modestile, scheint sie „ihre Signalwirkung als Ausdruck von Einstellungen und Werthaltungen sicher nicht ganz verloren“ zu haben . Dass sich in informellen Gleichaltrigengruppierungen eher Jugendliche mit ähnlichen Lebensvorstellungen zusammenfinden, „stellt trotz des radikalen Bedeutungsverlusts“ traditioneller „weltanschaulich orientierter Jugendorganisationen doch eine Kontinuitätslinie zu jugendlichen Gemeinschaftsformen der Vergangenheit dar . Übereinstimmungen in der Kleidung – darüber hinaus aber auch sehr stark in der Frisur, in der Kosmetik, im Habitus und in anderen Accessoires – wurden in den letzten 60 Jahren immer mehr zum Ausdruck globaler und internationaler Jugendstile . Von den Hipstern, Teddy Boys und Halbstarken in den 50erJahren, über die GammlerInnen, RockerInnen, Mods, Skinheads und Hippies in den 60er Jahren, über die Punks und Popper, die Heavy Metals in den 70er Jahren, über die HipHopperInnen, Gothics in den 80er Jahren, über die Technos, GrungerInnen, Hardcores in den 90er Jahren . bis zu den Emos, Nerds und den neuen Hipstern in den nuller und zehner Jahren, hat in häufig wechselseitiger jugendkultureller Abgrenzung zunächst die territoriale, regionale und auch die – medial unterstützte – globale soziale Vernetzung und das Identitätsbewusstsein von Jugendkulturen zu mehr oder minder gesellschaftliche Alarmstimmungen erzeugenden „extremen Sonderformen im äußeren Erscheinungsbild geführt“ (Mitterauer 1986, S . 238f .; siehe ausführlicher und detaillierter hierzu: Ferchhoff 2007, S . 25ff .) .

Wir möchten vornehmlich Überlegungen und Reflexionen in interdisziplinärer und globaler Perspektive – freilich immer noch in zu engen nationalen Horizonten – zu den sich wandelnden jugendaffinen Inszenierungspraktiken (Popmusik, Mode, Accessoires, Kleidung, Sprache, Kommunikationsstrukturen, Bewegungsformen, Treffpunkte, neue Rituale, Teenagerbilder, insbesondere auch ästhetisch mit-beeinflussten Lebenslagen, Lebenswelten und Lebensstilen sowie zum veränderten Aufwachsen von Jugendlichen nicht nur in Deutschland nach der ersten Dekade im 21 Jahrhundert aufgreifen und neue Möglichkeiten und Grenzen des Aufwachsens präsentieren .

  • [1] Dies zeigt sich in vielen Varianten: Von den manieristischen Schönen, Coolen und WaverInnen der Diskotheken, Clubs und Dancefloors, den Kathedralen der Gegenwart, über die Action-Szenen der wilden Cliquen, über die elegischen, Düsternis, Tod und Vergänglichkeit anzeigenden Gothic-Szenen, der RapperInnen, der Skater und SurferInnen, der fußballaffinen Ultras, Supporters und Hooligans, der verschiedenen Varianten der MetallerInnen (Heavy-Metal, Dark-Metal, Satan-Metal, Pagen-Metal etc .) – auch der virtuellen Szenen vornehmlich im Internet ganz unterschiedlicher Couleur – nicht nur auf den Straßen, der mit vielen Mangas und anderen, vornehmlich ostasiatischen Comic-Bildern durchwobenen Visuell-Kei-Szenen und den nur modisch auffallenden sehr jungen und stilbewussten Emos, über die religiösen (im Christentum (etwa in manchen evangelikalischen Milieus) und im Islam (SalafistenInnen, Islamischer Staat) etc . und politischen FundamentalistInnen (vor allen in manchen Szenen des Rechtsradikalismus) bis zu den sozialen Bewegungen der altlinken Autonomen, der bürgerrechtlich Engagierten von Attac, der netzwerkenden Snapchat-, Tumblr-, Facebook-, Instagram-, Twitter- und WhatsApp-Manie (in nahezu allen Jugendkulturen) bis zu den vermeintlich ganz normalen neobiedermeierlich wirkenden, selbstbezogenen, mit egotaktischen, zugleich aber auch mit altruistischen Zügen ausgestatteten, zuweilen auch institutionell-integrierten Jugendlichen der Vereine und Verbände und den eher partikular zusammengesetzten und mit flüchtigem Charakter aufwartenden vielfältigen informellen Jugend- und Gleichaltrigengruppen (ohne eindeutige jugendkulturelle Zuordnungen) . Auf den Plattformen im Internet kommt es inzwischen zu einem enorm beschleunigten, trendsetzenden Culture-Mix, manche meinen sogar zu einem Culture-Clash, aus Mode, Musik und vor allem visueller Ästhetik, wie ihn die ehemals jugendkulturellen Strömungen und Straßenszenen seit Jahren nicht mehr gesehen und erlebt haben . Letztes netzbasiertes Erfolgsmodell: „Health Goth“ – schwarz, sportiv und futuristisch . Vor mehr als dreißig Jahren beschäftigte man sich jugendkulturell obsessiv in den bleichen und existenzphilosophisch aufgeladenen Gothic-Szenen mit allem, was dunkel, düster und tiefschwarz war und zur Musik von „The Cure“, „Siouxsie & The Banshees“ oder „Depeche Mode“ tanzten, In den zehner Jahren des 21 . Jahrhunderts gibt man sich in den „Health-GothSzenen“ mit dezidiert körperbetonter Funktionskleidung aus pechschwarzem Neopren (Boxer-Pullover und Tanktops) fitnessgestählt, durchtrainiert, gesundheitsbewusst . zukunftsorientiert und lebensbejahend (Haupt, C . J . & Roth, D . K . K .: Black Power: In: Der Tagesspiegel vom 4 . Januar 2015, S . 3) .
 
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