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2 Gesellschaftliche Umbrüche und Hintergründe

Komplexe Prozesse der Individualisierung, Pluralisierung, Flexibilisierung, Mobilisierung, Globalisierung, Internationalisierung, Glokalisierung, Verdichtung, Medialisierung und Kommerzialisierung scheinen die heutigen gesellschaftlichen catch all terms zu sein, die im Zusammenhang vieler Enttraditionalisierungs- und Entritualisierungsprozesse nicht nur die Warenmärkte umschreiben . [1] Aufwachsen nach der ersten Dekade des 21 . Jahrhunderts bedeutet nur noch für einen vergleichsweise geringen Teil der Jugendlichen, in personen- und ortsgebundenen direkten und dichten sozialen Kontrollnetzen mit geschlossener weltanschaulicher und religiöser Sinngebung, eindeutigen paternalistischen Autoritätsverhältnissen und eingewobenen und eingelebten Pflichtenkatalogen (etwa im Sinne des Senioritätsprinzips) erwachsen zu werden . Vornehmlich die technologischen Entwicklungsschübe (neue Verkehrsmittel, neue Medien, Computer-Technologien, Digitalisierung der (Lebens-)Welten, Internet, soziale Netzwerke wie Google, Facebook, YouTube, WhatsApp etc .; populäre Hashtags) und die Hyper-Ökonomisierung und Kommerzialisierung nahezu aller Lebensverhältnisse haben u . a . zu einer Universalisierung heterogener (Lebens-)Sinnangebote geführt . Die größere Mobilität offline und online hat die individuell zu verantwortenden Entscheidungen für Bekannte, FreundInnen, PartnerInnen und jugendliche Gemeinschaften, für Interessen, für politische Weltbilder und Parteien, aber auch für Schule, Ausbildung, Studium und Beruf, für Sinnfindung, für Medien-, Mode-, Sport-, Kultur und Konsumpräferenzen – und schließlich auch im Sinne des Reflexivwerdens – für die eigene Lebensbiographie, für den eigenen Lebensweg und den eigenen Lebenserfolg gefördert . Es ist eine Tendenz zur Autonomiesierung, Selbstindividualisierung, mit viel Spielraum für autonomes, individuelles Handeln, oder anders ausgedrückt, eine Tendenz zur Biographisierung, aber gleichsam auch eine Tendenz der Enttraditionalisierung, Entritualisierung und Entgrenzung der Jugendphase zu beobachten . Gleichwohl tritt mit der Entfaltung des Weltanschauungspluralismus und der Wertevielfalt konkurrierender überregionaler Lebenspläne und internationaler Lebensstile eine historisch gesehen relativ junge Kompetenz, eben namentlich lebenswichtige Entscheidungen der Lebensplanung mit zunehmender Wahlfreiheit in eigene Regie zu nehmen und auch – nicht immer stressfrei -nehmen zu müssen, in ein paradoxales Spannungsverhältnis zu der erheblich verlängerten – zumindest im ökonomischen Sinne – Abhängigkeit des/der Jugendlichen von Elternhaus und Schule . Und diese Abhängigkeitsphase auch noch als separierten Schonraum zu betrachten, scheint der wohl „zunehmenden Verantwortlichkeit“ zu widersprechen, „die durch die Notwendigkeit der Weichenstellungen für den weiteren Lebensweg entstanden ist“ (Mitterauer 1986, S . 40) . Dennoch: Obgleich sehr wohl gesellschaftliche Sozialisations- und Kontrollinstanzen wie Medien, Konsum, Werbung, Jugendidole und Stars im Sport, im Internet, in Serien, bei YouTube, im TV, in Filmen, Videos, Musik und Gleichaltrigengruppen im Binnen- und Innenraum agieren und oftmals an die Stelle der elterlichen Autoritäten und den Autoritäten von LehrerInnen, PolizistInnen und PolitikerInnen getreten sind, federn diese selbstsozialisatorischen inneren Kontrollen die eigene Biographie, das eigene Leben nach außen ab . Im Zuge der Selbstgestaltung des eigenen Lebens muss, wie Fend es schon vor über 25 Jahren ausgedrückt hat, „innere Kontrolle“ oftmals die „fehlende äußere Kontrolle ersetzen“ (1988, S . 295) . Hinzu kommt, dass mit der konzeptionellen Vorstellung: Jugend sei eine dynamische Phase der Entwicklung einer eigenständigen Persönlichkeit, die mit dem Ende der Jugendzeit persönlichkeitsbildend weitgehend an ein Ende gekommen sein soll, die zentralen Lebensentscheidungen sind getroffen, die Weltanschauung, der Lebensplan und die Identität sind abgeschlossen und gefestigt, während die Erwachsenenphase bis in die jüngere Vergangenheit jenseits von alternativ konkurrierenden Entwicklungsoptionen allzu statisch betrachtet wurde . Geht man allerdings von einer mittlerweile üblichen lebenslangen dynamischen Sozialisation (flexible Autonomieentwicklung in allen Phasen der Lebensbiographie) auch im Erwachsenenalter aus, dann gerät auch der traditionelle Jugendbegriff von dieser Seite entgrenzend ins Wanken . „Persönlichkeitsbildung als Prozess der Entfaltung in allen Phasen des Lebenslaufs lässt (die) bisher zwischen Jugend- und Erwachsenenalter gezogene Grenzen zusehends verschwimmen und teilweise auch verschwinden“ (Mitterauer 1986, S . 40) .

Und diese gesellschaftlichen Prozesse der Individualisierung, Entgrenzung, Entritualisierung und Enttraditionalisierung führen unter anderem auch dazu, dass habituell der Körper und das Körperbewusstsein (z . T . auch als Leib; als Erfahrungen von Körperzuständen, die eine enggeführte Betrachtung und Wahrnehmung transzendieren können) in den Mittelpunkt gerückt werden . Dabei zeichnen sich, verwoben mit gesellschaftlichen Einbettungen, mehrere Prozesse ab: [2]

• Das Design bestimmt das Bewusstsein

• Es hat eine Popularisierung des Ästhetischen stattgefunden. Waren, Gebrauchsgegenstände, Medien und auch Körper werden wie alle anderen alltäglichen und nicht alltäglichen Dinge des Lebens im Medium von Zeichen, Symbolen, Codes etc . ästhetisiert .

• Verhübschungstendenzen von Körper, Seele und Geist haben stattgefunden . (Weitgehend unthematisiert bleibt hier die leibphänomenologisch komplexe Relationierung zwischen Leib sein (Natur) und Körper Haben (Kultur) . Es kommt zu einer Modellierung und Statusaufwertung weiblicher und männlicher Jugendkörper . Die Körper werden als Bühne der Selbstdarstellung, der Selbstinszenierung, der ästhetischen Präsentationen von Codes, Zeichen, Symbolen, Sportivität, Bewegung usw ., aber auch als Medien der Anschlusskommunikation und zur Darstellung von Identität genutzt (Niekrenz und Witte 2011, S . 7ff .) . Es ist zu einer Aufwertung des attraktiven jugendlichen schmalen, knabenhaften, weiblich-dauerhaft-pubertierenden Körperkapitals gekommen . Der Körperkult geht mit einem Jugendlichkeitskult einher . In diesem Zusammenhang ist schon in den 60er Jahren des 20 . Jahrhunderts von einer Verjugendlichung („Puerilismus) der Gesamtkultur“ gesprochen worden (Tenbruck 1962) . Zudem wird Androgynität wertgeschätzt (bspw . qua Schminken, in Kleidung, Habitus etc .)nicht nur in vielen historischen und gegenwartsorientierten Jugendkulturen: etwa bei den Mods, in bestimmten Hippie-, Punk-, New-Romantics-, Gothic-, Visual-Kei- und Emoversionen . Auch die gesellschaftlichen Erwartungen an eine männliche Körperkultur erfährt eine deutliche sportive Ästhetisierung. Jenseits von traditionalen männlichen Subkulturen (Rocker, Neo-Nazis, Skinheads, Metaller, Hardcore, HipHop, teilweise auch Jugendliche mit Migrationshintergrund aus Ost- und Südosteuropa und aus der arabischen Welt in Deutschland) veralten die schwergewichtigen Arbeitskörper, gleichwohl insbesondere auch jenseits der historisch abnehmenden schweren körperlichen Arbeit gezielte – auch dopingaffine – Muskelaufbauprogramme in manchen jugendlichen Milieus hoch im Kurs stehen .

• Es kommt darüber hinaus zu verschiedenen Varianten einer ästhetisch normierten und standardisierten sowie oftmals idealisierten (sexualisierten) attraktiven Körperlichkeit – der jugendliche, gesunde und leistungsorientierte Körper für alle Altersklassen als Aufwertung und Statussymbol . Trotz einiger Differenzen gibt es in Gesellschaften unseren Typs ein relativ enges und normatives Körperschönheitsideal – schlank, unbehaart (nahezu alle Haare, auch die Intimrasur, bis auf die Kopfhaare, oftmals auch diese, werden entfernt) tendenziell für beide Geschlechter usw . Normalisierte Körper werden autonomisiert, artifiziell bearbeitet – nicht nur schicksalhaft hingenommen, sondern gestylt, geschmückt, gepflegt, modelliert. So gesehen findet trotz vieler Handlungsoptionen ein dennoch quasi normierter genereller Inszenierungstrend statt .

Die Anforderungen, Erwartungen, aber auch die Unterwerfungen an das Äußere, an das Outfit, an die Erotik, an das Schönheits- und Erfolgsideal in die Richtung konfektionierter Jugendlichkeit (attraktiv, schlank, sportiv, fit, gesund, wohlgeformt, dynamisch, vital, in Grenzen muskulös, makellos glatt rasierter Körper, manchmal mit Körperschmuck, variantenreiche Tattoos, Piercing) sowie die ständige, mindestens latente Provokation durch jugendlich perfekte Körper in den Medien, in den sozialen Netzwerken, gerade auch durch die vielen Selfies, in der Werbung und in der Mode, lösen nicht nur bei vielen jungen Menschen Probleme aus, sondern manchmal sogar Lebenskrisen . Neben Selbstkasteiung, verkniffener Askese und verkrampfter Kalorienzählerei quälen sich nicht selten viele schon in jungen Jahren miesepetrig mit allerlei Diäten herum – ohne allerdings mittel- und langfristig die lästigen Pfunde zu verlieren . Paradox genug: Der Anteil der übergewichtigen Kinder und Jugendlichen wird trotz Schlankheitswahn immer größer . Viele Teenager haben ohnehin das Gefühl, zu dick, nicht attraktiv, nicht schön, nicht sexy genug zu sein . Sie wissen ganz genau, welche Pop-, Medien- und Musik-Stars welche Diät- und Hungerkuren machen . Nahrungsverweigerung und Fressattacken wechseln sich ab . Anorexie (Magersucht) und Bulimie sind weltweit weitverbreitete Krankheiten unter zumeist weiblichen Teenagern, die ihren Idolen mit Kleidergröße XXS, 32 oder 34 nacheifern . Und auch das bei manchen, meistens weiblichen Teenagern in Mode gekommene und nicht unproblematische Ritzen scheint ein Indiz für ein zumindest problematisches Verhältnis zum Körper zu sein . Und selbst die traditionelle, von innen kommende wahre Schönheit gilt nicht mehr als Trostpflästerchen für diejenigen, die beim Aufpolieren des äußeren Scheins nicht mithalten können und wollen .

  • [1] Diese soziologisch gesehen komplexen gesellschaftlichen Entwicklungs- und Wandlungsprozesse werden von Wilfried Ferchhoff in dem 2011 im VS-Verlag, Wiesbaden erschienenen Band: „Jugend und Jugendkulturen im 21,Jahrhundert . Lebensformen und Lebensstile“ vor allem im zweiten Kapitel, S . 59ff . entfaltet .
  • [2] Hier und im Folgenden werden Überlegungen aufgegriffen, die Wilfried Ferchhoff in einem Beitrag über „Jugend und Jugendkulturen“ in einem Sammelband über „Herausforderungen des Jugendalters“, herausgegeben von Thomas Rauschenbach und Stefan Bormann 2013 Beltz Juventa-Verlag, Weinheim und Basel, vornehmlich auf den Seiten 52-60 publiziert hat .
 
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