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3 Zäsuren der Enttraditionalisierungs-, Entritualisierungs- und Entgrenzungsprozesse der Jugendphase – gleichwohl es nach wie vor allem neuinszenierte ritualisierte Formen und Auseinandersetzungen gibt

• Die Metapher Jugend und vornehmlich das Jugendkulturelle wandern geschlechtsübergreifend in alle Altersklassen

• Verjugendlichung der Gesellschaft Jugendlichkeit der/in der Gesellschaft – der Altersstatus hat sich vom Jugendstatus abgekoppelt

• Placebo Jugendlichkeit

Insbesondere die im gesamten im 20 . Jahrhundert aufgekommenen Konsum- und Medienwelten haben ein Jugendleitbild entstehen lassen, das den Traum von der ewigen Jugend auch im konventionellen Erwachsenenalter zumindest kompensatorisch ermöglichte – freilich um den Preis, dass eine beschädigte Utopie des Älterwerdens stattfand . Eine quasi naturgesetzliche Notwendigkeit in der Abfolge von Entwicklungs- und Erneuerungsleistungen auf der Basis der Generationenablösung scheint uns ebenso wie zuweilen ein zukunftsorientiertes Sozialvertrauen abhanden gekommen zu sein .

Nicht nur im Vergleich zu vormodernen traditionellen, sondern auch zu modernen industriellen und postindustriellen Gesellschaften werden mittlerweile die Grenzen und Grenzziehungen zwischen Kind-, Jugend- und Erwachsensein immer flexibler, aber auch uneindeutiger. Kindheit, Jugend und Erwachsensein gehen manchmal ineinander über und können sich auf paradoxe Art vermischen . Die konventionellen Übergangszäsuren in das Erwachsenenalter verschwimmen immer mehr . Die arbeitsgesellschaftliche oder industriegesellschaftliche bzw . postindustrielle Definition von Jugend stand schon im ausgehenden 20. Jahrhundert in Frage Die Lebensphase bis zur Heirat, die Zeit bis zur Aufnahme einer Erwerbsarbeit, um ökonomisch eine selbständige Lebensführung zu ermöglichen, sowie die Entwicklungszeit bis zur Herausbildung einer weitgehend autonomen Persönlichkeit auch jenseits der Arbeitszentrierung waren in historisch mitteleuropäischer Perspektive die Hauptaspekte des konventionellen Jugendbegriffs . Wenn nun bspw . die Arbeitsgesellschaft selbst zum Problem wird, dann kann auch die Jugendphase als Phase der biographischen Vorbereitung auf diese arbeitszentrierte Gesellschaft zum Problem werden . Der reduzierte Stellenwert der Jugend zeigt(e) sich auch ganz praktisch-politisch: Wenn Jugend nicht mehr so viel wert ist, dann darf sie auch nicht mehr so viel kosten . Jugend scheint auch deshalb im 21 . Jahrhundert nicht mehr so viel wert zu sein, weil ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung immer weiter abnimmt . Jugend hat ihren Mehrheitswert verloren und gewinnt an Seltenheitswert (Hornstein 1988) . In Deutschland sind bspw . in den zehner Jahren des 21 . Jahrhunderts nur noch zirka 15 % der Bevölkerung unter 20 Jahre alt, während vor hundert Jahren ihr Anteil noch 50 % . aufwies . Dieser demographisch dramatische Prozess der Altersklassenumschichtung würde sich noch erheblich schneller beschleunigen, wenn nicht die vergleichsweise vielen Jugendlichen mit Migrationshintergrund (ein Drittel der Jugendlichen in Deutschland hat einen Migrationshintergrund) ihn ein wenig aufhalten . Gesamtgesellschaftlich nimmt der Anteil der Kinder und Jugendlichen ab, während der proportionale Anteil der Jugendlichen mit Migrationshintergrund zunimmt .

Diese Verschiebungen im Rahmen der gesellschaftlichen Altersgruppenverteilung hatten und haben zweifellos Auswirkungen auf alle gesellschaftlichen Lebensbereiche . Jugendliche durchlaufen heute eine Vielzahl von Statuspassagen, die aber inzwischen als Teilmündigkeiten immer mehr über institutionelle Verfestigungen und Einrichtungen (etwa über das variable Übergänge ermöglichende Bildungssystem, über globale Verschränkungen und mediale Verflüssigungen der komplexen Lebensverhältnisse) sehr abstrakt gesteuert werden und oftmals keine direkte, personen- und verantwortungsbezogene soziokulturelle und moralisch-pädagogische Einwirkung mehr leisten wollen oder können . Dabei verschwinden traditionelle Initiationsriten, alte Rituale, Wertvorstellungen und Normengefüge . Im Vergleich zu den traditionellen, freilich auch schon modernen Gesellschaften, in denen die Grenzziehungen zwischen Jugend- und Erwachsensein noch relativ klar und eindeutig geregelt waren, sind die heutigen Übergangszäsuren viel entritualisierter, entgrenzter und verschwommener . Selbst die noch vor einigen Jahrzehnten gültigen Teilmündigkeiten (sexuelle, wirtschaftliche, mediale Mündigkeit, Ablösung vom Elternhaus, Heirat, Berufseintritt usw .) sind erheblich flexibler und kontingenter geworden.

Moderne westliche Gesellschaften stellen immer weniger institutionalisierte, formalisierte bzw . ritualisierte Übergänge von der Welt der Jugendlichen in die Welt der Erwachsenen bereit . In eine solche Lücke stoßen seit einigen Jahrzehnten die vielfältigen Konsum- und Medienwelten sowie die sich zeitlich entgrenzenden informellen Jugendgruppen, Gleichaltrigengruppen und Jugendkulturen mit ihren patchworkartigen vielfältigen Angeboten und Ausdifferenzierungen (Rink 2002) . Die Lebensphase Jugend hat sich von einer relativ klar definierbaren Übergangs-, Existenz- und Familiengründungsphase zu einem eigenständigen und relativ offenen Lebensbereich gewandelt . Die Übergänge von der Kindheit in die Jugendphase sowie in das Erwachsensein werden zunehmend entritualisiert und entkoppelt . Die Übergänge sind fließender geworden (Hurrelmann und Quenzel 2012). Es ist zu einer sogenannten Statusinkonsistenz der Jugendphase gekommen . Dies bedeutete, dass die Gestalt der Statusübergänge nach einem gestaffelten Muster erfolgte .

Für heutige Jugendliche ist es typisch, dass sie lebensaltersspezifisch sehr früh bestimmte Teilmündigkeiten, Teilselbstständigkeiten wie finanzielle, mediale, konsumtive, erotische, freundesbezogene und öffentliche Teilautonomie erreichen, während ökonomische und familiäre Selbstständigkeit mit reproduktiver Verantwortung zumeist, wenn überhaupt, relativ spät erfolgen . Auch die Zielspannung Erwachsenwerden hat nachgelassen . Denn Jugendliche haben zumindest in den modernen westlichen Gesellschaften in der Regel spätestens seit den 60er Jahren des 20 . Jahrhunderts nicht zuletzt via Medien (Internet, Smartphones, sozialen Netzwerken etc .) und Konsum einen fast unabhängigen und unbeschränkten Zugang zu den konkreten Wirklichkeitsbereichen der erwachsenen Welten . Und seit Jahren können wir beobachten, dass Jugendliche ihren, in der Gesellschaft seltener gewordenen und deshalb auch vielerorts begehrten und hochgeschätzten Jugendstatus beibehalten möchten und nicht unbedingt mehr im traditionellen Sinne zeitschnell erwachsen werden wollen . Man möchte wahlweise meistens hin und her switchend beides zugleich: den Jugend- und zeitgleich den Erwachsenenstatus . Während Erwachsene (oftmals krampfhaft und – ohne es zu merken – mit vielen Peinlichkeiten durchsetzt) immer jugendlicher werden wollen, verjugendlicht Jugend zumindest strukturell und bleibt in vielen Lebensbereichen (nicht nur in der Schule) gewissermaßen unter sich . Es scheint sich für viele Jugendliche nicht mehr zu lohnen, den Abhängigkeitsstatus etwa vom Elternhaus (Jugendliche gehen oftmals ein, wie Hurrelmann es nennt, „strategisches Bündnis mit den Eltern ein“; ebd .) oder der Schule/Lehre/Hochschule erfolgreich zu verlassen, um wirklich erwachsen zu werden . Gleichwohl die Leistungsbereitschaft vieler Jugendlicher insgesamt zugenommen und die Abbrecherquoten in Schule, Lehre und Hochschule abgenommen haben (ebd .) .

Jugend kann im 21 . Jahrhundert nicht mehr nur als Wartestand oder als bildungs-bürgerliches und psychosoziales Moratorium verstanden werden, sondern weist (nachdem die Zukunft äußerst ungewiss erscheint, das Band von Jugend und Fortschritt zerrissen ist und der Dreiklang: Jugend – neue Zeit – Zukunft nicht mehr so ohne weiteres trägt) durch neue Quantitäten und Qualitäten in wachsendem Maße gegenwartsorientierte Finalität auf . Viele Jugendliche meinen, dass die großen gesellschaftlichen Zukunftsprobleme der Welt (Kriege, Armut, Umweltzerstörung, Arbeitslosigkeit, Utopien) nicht zu lösen sind, unmittelbar nahraumbezogen und privat ist aber einiges machbar: Jenseits resignativer Grundhaltungen und ohne Scheu vor Heuschrecken und Haifischen in der globalisierten und individualisierten Welt ist ein strukturbezogener Zukunftspessimismus nicht selten mit einem Rückzug auf das nicht nur biedermeierliche Private und gepaart mit einem Optimismus für den eigenen, zuweilen selbstdisziplinierenden Lebensweg . Verloren geglaubte Wertvorstellungen wie Disziplin, Fleiß, Ehrgeiz, Ordnung und Sicherheit scheinen bei jungen Menschen ebenso wie die Suche nach Verlässlichkeit und Orientierung wieder auf dem Vormarsch . Dabei dürfen Eltern und professionelle ErzieherInnen mitwirken, wenn sie persönlich als integer erlebt werden, anregen und anleiten können, Überzeugungskraft ausstrahlen, Transparenz und Authentizität zeigen und Autonomie, Selbstständigkeit und Eigenverantwortung zulassen und fördern . Darüber hinaus ist Jugendzeit für einen Teil der heute Heranwachsenden nicht mehr nur primär Reifungs- und Übergangsphase (von der Kindheit zum Erwachsenen), Vorbereitung auf etwas Späteres (Autonomie, Karriere und Erfolg, materieller Wohlstand in der Zukunft etc ., gleichwohl auch diese Wertvorstellungen nach wie vor von vielen Jugendlichen sehr geschätzt werden) .

Jugend ist heute eine vornehmlich eigenständige, lebensaltersspezifisch gesehen sehr früh Autonomie zulassende, lustvolle und bereichernde Lebensphase, also Selbstleben, jetzt zu lebendes, gegenwärtiges, manchmal auch stark durch Markt, Konsum, Mode, Sport, Musik, Medien und Soziale Netzwerke bestimmtes, hedonistisch genussreiches, manchmal aber auch, insbesondere in den von prekären Arbeitsverhältnissen, sozialen Marginalisierungen und lebenssinn- und lebenszuversichtsarmen Perspektivlosigkeiten bedrohten jugendlichen Lebensmilieus, nur ein durch die – wenn überhaupt – mühsame, nicht selten stressgeplagte Bewältigung von Alltagsaufgaben (Schule, Job, Zeittaktung) geprägtes Leben .

Während in den meisten Ländern Europas und auch weltweit die Arbeitsmärkte in der zweiten Dekade des 21 . Jahrhunderts für Jugendliche immer prekärer geworden sind, sind diese inzwischen zumindest in Deutschland für Jugendliche gegenüber den 80er, 90er und nuller Jahren deutlich besser geworden . In bestimmten Ausbildungsberufen werden Jugendliche seit einigen Jahren händeringend umworben und die ehemaligen Endlosschleifen der erfolglosen Bewerbungen werden weniger und haben zumindest jenseits bestimmter, nach wie vor prekärer jugendlicher Lebensmilieus erst einmal ein Ende . Viele Jugendliche leben heute sowohl freiwillig als auch unfreiwillig betont gegenwartsbezogen, um sich Optionen offenzuhalten, um flexibel auf ungewisse, nicht kalkulierbare, diffuse Lebenssituationen zu reagieren . Die Aktualität des Augenblicks gewinnt Prominenz und Übergewicht gegenüber der nicht immer unproblematischen und ungewissen Zukunft angesichts weltweiter ökologischer, ökonomischer und politischer Risiken, Bedrohungen und Katastrophen (Beck 2007) . Eine solche gegenwartsorientierte Struktur des Jugendalltags kommt vor allen Dingen den heutigen differenzierten und diversifizierten und nach dem subito-Prinzip des sofort-Genusses funktionierenden Angeboten des Jugendkonsum- und Medienmarktes entgegen . Denn diese weisen, vornehmlich unterstützt durch Werbung und Gleichaltrigengruppe, in der Regel einen hohen ausdrucks- und identifikationsintensiven sowie spiralförmigen Aufforderungscharakter zum Mitmachen und Kaufen auf . Die angepriesenen materiellen Angebote und Erlebnisse scheinen kleine und große Träume im diesseitigen Hier und Jetzt schnelllebig, aber auch transitorisch unverbindlich zu befriedigen . Immerhin: Jugend nur im Wartestand scheint es für viele vor dem Hintergrund solcher gesellschaftlichen Entwicklungstendenzen kaum noch zu geben . Die Sehnsucht von Jugendlichen während der Jugendzeit nach dem vollen Erwachsenenleben hat auch vor dem Hintergrund der Identifikation und Imitation der Gleichaltrigengruppen ihre treibende Kraft verloren . Man kann den Eindruck gewinnen, dass es sich nicht für alle Jugendlichen – nicht nur ökonomisch betrachtet – lohnt, sich im Hamsterrad der beinharten Arbeitsmärkte zu platzieren und sich vorbereitend in die konventionellen Formen des nicht immer Lebenszufriedenheit ausstrahlenden Erwachsenenlebens einzuüben und damit – in der traditionellen Logik – in der Jugendlichkeit geschätzten und hofierenden Gesellschaft erwachsen zu werden, weil (jenseits der vollen Erwerbsarbeit fast) alles schon in der Kindheits- und noch mehr in der Jugendphase erfahren, durchlebt und erlebt werden kann . Auch Lebens- und Konsumwünsche werden in der Regel in der heutigen schnelllebigen, konsumanimierenden und zur Verschwendung und nicht zur Bescheidenheit neigenden jugendaffinen Gegenwartslogik nicht mehr – wartend auf ein später – zurückgestellt .

Der Jugendstatus hat sich vom Altersstatus abgekoppelt . Jugendliche Leitbilder strahlen – sicherlich durch den heutigen gesellschaftlich vermittelten Jugendkult unterstützt, was jugendlichen Lebensstil und jugendliches Aussehen angeht – mittlerweile als Placeboeffekte in alle Altersklassen hinein . Viele Erwachsene mit den positiven konnotierten Eigenschaften der Jugendlichkeit fühlen und empfinden sich paradoxerweise als die eigentlichen, ewigen Jugendlichen .

 
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