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4 Umkehr des Generationenverhältnisses in vielen Lebensbereichen: Jugendliche als Trendsetter und Prozesse der retroaktiven Sozialisation, manchmal auch der Erziehung

[1]

• Die Erfahrungsvorsprünge der Älteren gegenüber den Jüngeren haben sich

doppelt relativiert

• Weisheiten, Lebensklugheiten und Lebenserfahrungen treten zurück

• Beiderseitige bzw . retroaktive Erziehungs- und Sozialisationsprozesse

• Aufzehrung und Schwächung der traditionellen Verfügungsgewalt und der selbstverständlichen Autorität der Älteren und vornehmlich auch der traditionellen Institutionen (industrielle Arbeitsorganisationen, Kirchen, Militär, lokale Nachbarschaften, Verbände etc .) in vielen Lebensbereichen (Eltern, Familie, Seitenverwandte; in vielen Milieus mit Migrationshintergrund und Flüchtlingsmilieus erheblich weniger; Nachbarschaft, Schule, Vereine, Freizeit etc .)

Schon zu Beginn im 20 . Jahrhundert hatte sich in Europa in Bezug auf die Bewertung der Lebensalter ein Leitbildwandel vollzogen, indem an die Stelle des lebenserfahrenen, weisheitsaffinen Alters als des Zustands höchsten und ausgereiften Wissens das Bild des dynamischen, kräftigen und anpassungsfähigen, deshalb auch besonders leistungsmotivierten jungen Menschen trat, der als Arbeitskraft und (später) als KonsumentIn besonders umworben wurde . Dieser Umwerbungsprozess von Jugendlichen hatte sich dann in der zweiten Hälfte des 20 . Jahrhunderts noch einmal erheblich beschleunigt und berührte bzw . relativierte immer mehr auch die ehemaligen Lebenserfahrungsvorsprünge der Älteren. Der Alleinvertretungsanspruch der älteren Generationen, mit Lebenserfahrung, Weisheit und Klugheit die Jüngeren anzuleiten oder gar vorbildhaft zu prägen, stößt an Grenzen, verliert vor allem infolge der Dynamik technischer aber auch jugendkultureller Innovationen sowie der Allgegenwart der (technischen) Medien und sozialen Netzwerke an Bedeutung .

Die Älteren können nicht mehr für sich in Anspruch nehmen, dass sie diejenigen sind, die zur Vermittlung und Deutung kulturell gültiger Wissensbestände ein Monopol und die Sanktionsgewalt bei Nichteinhaltung besitzen . Sie entscheiden nicht mehr exklusiv, was die wahren, guten und richtigen Normen und Werte sind, die sich Jugendliche heute aneignen sollen . Traditionen, Erfahrungswissen, soziokulturelle Deutungsmuster und ehemals bewährte Lebensplanungskompetenzen werden den heutigen gesellschaftlichen Anforderungen keineswegs mehr gerecht . Der lebenszeitliche Erfahrungsvorsprung der Älteren schwindet immer mehr. Die erzieherischen Einwirkungen der älteren Generation auf die jüngere haben nachgelassen . Und das (höhere) Lebensalter ist kein selbstverständliches Entscheidungskriterium mehr für Lebenskompetenzen . Noch Schleiermacher hatte bspw . in seiner Grundlegung einer Theorie der Erziehung und in seinem philosophischpädagogischen Denken zu Anfang des 19 . Jahrhunderts das Generationenverhältnis als den Ort bestimmt, an dem das Erbe, die Tradition von der älteren Generation an die nachwachsende durch Erziehung weitergegeben werden sollte .

Aber schon Kurt Tucholsky sprach in den 20er Jahren des 20 . Jahrhunderts davon, dass weisheitsvolle Erfahrung nicht alles sei: Erfahrung heißt demnach gar nichts . Man kann eine Sache auch zwanzig und mehr Jahren falsch gemacht haben . Die Erfahrungsvorsprünge der Älteren gegenüber den Jüngeren haben sich sogar doppelt relativiert . Auf der einen Seite erlernen viele Jugendliche heute augenscheinlich nicht nur in schulischen Kontexten mehr Neues, das die Älteren nicht kennen und deshalb auch nicht weitergeben können, als zu früheren Zeiten . Auf der anderen Seite sind viele Wissenselemente und ist vieles vom dem, was die Älteren früher gelernt haben – zumindest unter arbeitsmarktspezifischen, aber auch unter sonstigen alltagsbzw . lebenspraktischen Gesichtspunkten – heute veraltet und damit oftmals unbrauchbar und wertlos geworden .

Die Veränderung, die explosionsartige Vermehrung, die hohe Umschlagsgeschwindigkeit und somit das schnelle Veralten des nicht nur des technischen und des lebensbewältigenden Wissens ist enorm . In diesem Zusammenhang verändert sich auch das „komplizierte Beziehungsmuster von Autorität und Gehorsam, von Wissen und Nachfrage, von Vorbild und Nachahmung . Zudem ist in den Beziehungen zwischen Eltern und auch anderen pädagogischen Bezugspersonen, Kindern und Jugendlichen eine Liberalisierung, Aufzehrung und Abschwächung –„in postautoritären pädagogischen Milieus“ (Zinnecker 2005, S . 181; Zinnecker 2007, S . 79ff .) – der elterlichen und anderen pädagogischen Autoritäten in vielen Lebensbereichen zu konstatieren . Es scheint im Zuge der Nivellierung der Generationsunterschiede oder sogar der Umkehrung des Generationengefälles kaum noch ein Autoritätsgefälle zu geben, in dem das Alter zum Entscheidungskriterium würde . Und auch die Wirksamkeit von ehemals selbstverständlichen Mustern der Lebensführung für Jugendliche wie Achtungs-, Höflichkeits-, Respekt- und Schweigeregeln (bspw . das Reden oder das Urteilen und vor allem die Entscheidungen über lebensbedeutsame Dinge, das ehemals nur den Erfahrenen und Älteren zugestanden wurde), hat abgenommen. Die Einordnungs- und Bescheidenheitskulturen sowie die Respektkulturen nicht nur in öffentlichen Räumen, Straßen, Zügen, Bussen, U- und Straßenbahnen gegenüber den Älteren und insgesamt gegenüber dem Alter haben nachgelassen .

Die Machtbalance zwischen Jüngeren und Älteren hat sich enorm gewandelt. Jugendliche, manchmal schon Kinder, sind etwa im familiären Lebenszusammenhang als gleichberechtigte Partner viel stärker beim Aushandeln von Entscheidungen beteiligt- und dies nicht nur, wenn es um Ausgehzeiten, Geschmacksvorlieben, Kosmetik, Körperpflege, Kleidung, um die Zusammenstellung von Mahlzeiten, um Urlaubsziele, um Zeitrhythmen im Tagesablauf, sondern auch, wenn es um die Anschaffung von langfristigen Konsumgütern oder um das soziale oder um das politische Engagement geht . Im Zusammenhang der Aufzehrung traditioneller Konventionen und Sinnbestände ist daran zu erinnern, dass heute kaum noch ehemals selbstverständliche, eingeschliffene, habitualisierte traditionelle Vorgaben, kaum eine bestehende Norm und kaum noch eine Konvention selbstverständlich und unhinterfragbar bleiben . Im Zuge der Durchsetzung gegenüber Kindern und Jugendlichen bleiben Konventionen revisionsfähig und müssen mindestens begründet werden. Sie werden zur diskursiven Reflexion freigegeben.

Die Kluft zwischen den Generationen ist auch deshalb tendenziell eingeebnet worden, weil zentrale Wirklichkeitsausschnitte entweder (wie in vielen Erlebnisbereichen, im Medien- und Freizeitsektor) in vielerlei Hinsicht übereinstimmen oder unterschiedliche Erfahrungsfelder (wie Schule und Arbeitsplatz) zumindest jenseits altersgruppenspezifischer Differenzen ähnlich strukturiert sind und vergleichbare Aneignungsprozesse und Überlebensstrategien nahe legen . Hinzu kommt, dass im Zuge eines solchen Verblassens des Unterschiedes zwischen Jugendlichen und Erwachsenen – etwa in Stil- und Geschmacks-, aber auch in Moral- und Gewissensfragen – ein Prozess gegenseitiger Beeinflussung stattfinden kann. In gewisser Weise strahlen die Jüngeren auf die Älteren (so schon Karl Mannheim in den 20er Jahren des 20 . Jahrhunderts, 1928) zurück, und es kommt zu einer retroaktiven oder beiderseitigen Sozialisation . In vielen Hinsichten haben sich die traditionellen pädagogischen Verhältnisse umgedreht . Eltern und LehreInnen müssen von (ihren) Kindern und Jugendlichen lernen .

Mittlerweile sind in den Bereichen Mode, Geschmack, Konsum, Freizeit, Mobilität, Sexualität, Sport, Technikbeherrschung, Computer, Neue Medien, Internet, Soziale Netzwerke, Smartphones sowie insbesondere im Rahmen der Gestaltung von Lebensstilfragen (Zeichenwelten, Codes, Symbole usw .) Jugendliche Erwachsenen gegenüber (initiiert und unterstützt durch Medien, Ästhetik und Werbung) gar zu Vor-, Leitbildern und MeinungsführerInnen geworden . Und in vielen Sport-, Mode-, ComputerInternet-, Smartphone-, Sexualitäts- und Gesundheitsbereichen besitzen viele Jugendliche gegenüber Erwachsenen häufig unverkennbare Wettbewerbsvorteile . Sie sind etwa im Computer-Bereich, in den InternetKontexten die ExpertInnen und LehrmeisterInnen der Älteren. Mit der magischen Dauerpräsenz in den Online-Welten haben viele jugendliche Netzwerker eigene Gemeinschaften und Vollzeitkuschelgruppen geschaffen, in denen sie – zumeist den Eltern- und PädagogInnenblicken entzogen – inniglich herumhängen und zusammenhocken können (Ferchhoff 2009, S . 192ff .; Ferchhoff und Hugger 2014, S . 251ff .) .

Jugendliche stehen im ständigen virtuellen Austausch mit Ihresgleichen, klicken durch die Profilseiten der FreundInnen, sie lesen und schauen, was es Neues gibt, hinterlassen neckische Kommentare, produzieren permanent Selfies vor allem qua Smartphones . Die interaktiven Online-Medien können nicht nur Jugendkulturen initiieren, sondern auch Freundschaften vertiefen und zugleich etwa durch Entblößungen, peinliche Fotos und Videos, Diffamierungen, (Cyber-)Mobbing, Schmähattacken usw . Freundschaften vergiften . Zudem sind viele Jugendliche oftmals auch angesichts ihrer sportiven Motorik und ihres augen- und sinnfälligen ästhetisch-erotischen Gehalts und Körperkapitals die erfolgversprechenden und Jugendlichkeit verkörpernden Trendsetter, während den Älteren meistens nur die undankbaren Rollen von Sympathisanten oder Nachzüglern jenseits anderer, dem quasi-natürlichen Prozess des Alterns in der Regel nicht so sehr ausgesetzter und damit weniger gefährdeter Handlungsressourcen wie Bildungs- und Berufstitel, Geld, Besitz, manchmal sogar akkumulierte Lebenserfahrungen und Lebensweisheiten etc . verbleiben .

In pädagogischen Zusammenhängen nutzt man in Teilbereichen diese Wettbewerbsvorteile von Jugendlichen: Im Rahmen von Peer-Education übernehmen Jugendliche Vorbildfunktionen, die ehemals nur Älteren vorbehalten waren (kognitives und soziales Lernen, Verantwortung, Wertevermittlung, Gewalt-Prävention u . v . a . m .) .

  • [1] Ohnehin scheint es nicht wirklich wirkungs- und folgenlos zu bleiben, wenn etwa auf der Grundlage des sich Berufens auf vermeintliche wissenschaftlich generierte ExpertInnenaussagen von Älteren eine gesamte Generation von Jugendlichen, die vermeintlich in ähnlichem Lebensalter, in ähnlichen Alterskohorten, unter ähnlichen gesellschaftlich prägenden Ereignissen und Lebensbedingungen, Zeithorizonten, Sozialcharakteren usw . aufwächst – in meistens immer kürzeren Zeitabständen – pauschal als egoistisch ,egotaktisch, unpolitisch, internet-, twitter-, instagram-, snapchat- und facebooksüchtig, Generation X,, Generation Y , Generation Ich, eine eher abzw. unpolitische, pragmatische, effizienzorientierte, antiintellektuelle Generation unter extremem (Leistungs-)Druck und keine Generation der ZeitungsleserInnen, Generation Merkel usw . definiert und damit verzeichnet und abgestempelt wird . Solche, nicht immer empirisch abgesicherten, zumeist modischen Diagnosen, Etikettierungen und Stigmatisierungen von Jugendbildern beeinflussen oftmals ohne kritische Hinterfragung wiederum die öffentlichen Diskussionen und wirken sich schließlich auch im virtuellen und vor allem im direkten pädagogisch-praktischen Umgang mit Jugendlichen aus .
 
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