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Entgrenzte Jugend im begrenzten öffentlichen Raum

Karin Wehmeyer

Die Lebensphase Jugend hat sich, ausgelöst durch gesellschaftliche Veränderungen in den letzten Jahren, deutlich gewandelt . Durch Entgrenzungs- und Individualisierungstendenzen können sich junge Menschen immer weniger an vorgegebenen Rollen und Ordnungen orientieren . Gleichzeitig kann durch eine Ausweitung der (täglichen) Zeit die junge Menschen in (Bildungs-) Institutionen verbringen von einer Institutionalisierung der Lebenswelten Jugendlicher gesprochen werden . Der außerschulische und außerinstitutionelle Freizeitbereich, unter anderem der öffentliche Raum, ist eine der wenigen Bereiche in denen Jugendliche Autonomie und selbstständiges, unkontrolliertes Handeln erleben und erlernen können .

Jedoch werden öffentliche Räume zusehends begrenzter, die Wandlung öffentlicher Räume in halböffentliche Räume, ein gestiegener Bedarf an Sicherheit und Ordnung und der Versuch alle Verunsicherungen aus öffentlichen Räumen zu entfernen, führt zu einer Kontrolle und Verregelung dieser vormals durch Freiheit und Autonomie gekennzeichneten Orte . Die Begrenzung öffentlicher Räume ist eine weitere Einschränkung der unkontrollierten Freizeit- und Lebenswelt Jugendlicher . Durch die Kontrolle des öffentlichen Raums, entfällt ein Ort zum Austesten gesellschaftlicher Rollen und Identitäten . Die Begrenzung und Kontrolle öffentlicher Räume leistet einer weiteren Institutionalisierung und Pädagogisierung jugendlicher Lebenswelten Vorschub .

1 Einleitung

In den letzten Jahren ist die Lebenswelt Jugendlicher einem deutlichen Wandel unterzogen . Gekennzeichnet ist dies zum einen durch die Entgrenzung und Individualisierung der Lebensphase Jugend . Wir haben es mit einer Generation zu tun, die sich immer weniger an vorgegebenen Rollen und Ordnungen orientieren kann . Gleichzeitig verbringen Jugendliche immer mehr Zeit in (Bildungs-) Einrichtungen, es kann demnach zum anderen auch von einer sich ausweitenden Institutionalisierung der Lebenswelt Jugendlicher gesprochen werden . Daher sind sehr zentrale Handlungsräume Jugendlicher halböffentliche Räume wie Schulräume oder Jugendeinrichtungen sowie private Räume (persönliches Zimmer, Elternhaus, private Räume von Freundinnen und Freunden etc .) . Gleichwohl bieten auch öffentliche Räume Jugendlichen eine Vielzahl an Erfahrungsmöglichkeiten, die für die Entwicklung der Identität und einer Erweiterung des Handlungsspielraums von gravierender Bedeutung sind .

„Um eine stimmige Identität auszubilden, suchen und brauchen Jugendliche und junge Erwachsene Herausforderungen und Grenzen . Sie benötigen genügend soziale Lern- und Erfahrungsräume, auch jenseits von Schule und Elternhaus, in denen sie (zum einen) den eigenen Körper und die eigene Sexualität ausprobieren und spüren können, um so zu lernen, ihren Körper anzunehmen und zu ‚bewohnen' . Sie brauchen weiterhin genügend Möglichkeiten, um in ihrem Freundeskreis ihren jugendkulturellen Interessen und Praxen nachzugehen, die ihnen Abgrenzung und die Ausbildung von Eigenständigkeit ermöglichen, […]“ (Keupp 2010/11, S . 22) .

Jedoch werden öffentliche Räume zusehends begrenzter, die Ausweitung kommerzieller Einrichtungen, die damit zusammenhängende Wandlung öffentlicher Räume in halböffentliche Räume, ein gestiegener Bedarf an Sicherheit und Ordnung und der Versuch alle Verunsicherungen aus öffentlichen Räumen zu entfernen, führt zu einer Kontrolle, Einschränkung und Verregelung dieser vormals durch Freiheit und Autonomie gekennzeichneten Orte . Die Begrenzung öffentlicher Räume ist eine weitere Einschränkung der unkontrollierten Freizeit- und Lebenswelt Jugendlicher . Durch die Kontrolle des öffentlichen Raums, entfällt ein Ort, eine Bühne zum Austesten gesellschaftlicher Rollen und Identitäten . Besonders in einer pluralisierten Lebenswelt, brauchen Jugendliche Freiräume, um sich selbstständig mit den Wahlmöglichkeiten auseinanderzusetzen . Die Begrenzung und Kontrolle öffentlicher Räume leistet einer weiteren Institutionalisierung und Pädagogisierung jugendlicher Lebenswelten Vorschub . Der Freizeitbereich als soziales Lernfeld des Risikolernens und der Grenzerfahrung wird eingeschränkt .

Der folgende Artikel beschäftigt sich mit dem Phänomen des begrenzten Raums und der Frage: Brauchen Jugendliche öffentliche Räume und welche Auswirkungen hat der Wandel des öffentlichen Raums auf die Lebensphase Jugend?

 
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