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2 Entgrenzung, Individualisierung, Institutionalisierung – Eine Jugend im Wandel

Wer sich heute mit der Jugend beschäftigt, kommt um die Begriffe Individualisierung, Verdichtung, Entgrenzung (Lüders 2007) und auch Beschleunigung (Rosa 2005) sowie Institutionalisierung (BMFSJ 2014) nicht herum . Der Jugendbegriff des 20. Jahrhunderts, definiert als Zeit des Übergangs, eine Lebensphase in der sich junge Menschen in einem (Bildungs-) Moratorium (Reinders 2006) entwickeln und qualifizieren können, um dann mit dem so gewonnenen Status in die Gesellschaft eingegliedert zu werden, wird hinterfragt . Die Übergänge zwischen Kindheit und Jugend vor allem aber zwischen Jugend und Erwachsenenalter werden immer diffuser, unstrukturierter und unsicherer . Insbesondere durch die Krise im Erwerbsarbeitsbereich werden gesellschaftliche Bedingungen und Verlaufsmuster destabilisiert (Münchmeier 1998, S . 104ff .) . Diese Entstrukturierung der Lebensphase Jugend führt dazu, dass die Statusübergänge individueller und folgenreicher werden . Zudem werden Strukturen des Alltags zunehmend entgrenzt . Es kommt zu einer Neudefinition der Grenzen zwischen Arbeit, Bildung und Freizeit. Mit dem Diskurs der Entgrenzung der Jugend muss der Begriff der Jugendphase als Moratorium hinterfragt und neue Bewältigungskonstellationen in Bezug auf die Entwicklungsaufgaben dieser Lebensphase in den Blick genommen werden (Böhnisch und Schröer 2008, S . 49) . Neben der Entgrenzung des Alltags kommt es zu einer Entgrenzung der Normalbiographien, Dekonstruktion gesellschaftlicher Rollen und einem Wertepluralismus (ebd .) . Die Bedeutung individueller Entscheidungen wächst zunehmend, da lebensweltliche Selbstverständlichkeiten verschwimmen, Traditionen und Routinen der Lebensführung brechen auf . Es eröffnen sich durch diese Individualisierung (Beck 1986) der Lebenswelten vielfache Optionen für nahezu alles und jede bzw. jeden (Lüders 2007, S. 4f.). „Jugendliche finden sich zwar in einer ökonomisch ungesicherten aber soziokulturell und in den sozialen Bindungen und Werteorientierungen ziemlich frei gestaltbaren Lebenssituation“ (Albert et al . 2006, S . 35) . Dies führt zu mehr individualistischen als zu kollektiven Identitätsbildungen Jugendlicher . Es besteht die Möglichkeit, mit der Pluralität und den vielfältigen Möglichkeiten dieser Gesellschaft umzugehen, indem die Jugendlichen eine Identitätsstruktur entwickeln, die auf die schnell wechselnden sozialen Bedingungen eingehen kann . Eine hohe Kompetenz der Selbststeuerung und Flexibilität ist nötig, um das eigene Handeln den Bedingungen anzupassen . Dieser Wandel der Lebensphase Jugend hin zu individuelleren, pluralisierten, offeneren Lebenswelten wird auch im 14 . Kinder- und Jugendbericht thematisiert .

„In der Summe werden die Lebenswelten für Kinder und Jugendliche offener, pluraler, individueller, vorläufiger. Ihre Einbindung in ein ideologisch und wertgebunden stabiles Koordinatensystem wird schwächer, fragiler . Familial geprägte Muster der Lebensführung und Milieus werden vielfach ergänzt, durchbrochen oder fragmentiert durch kinder- und jugendkulturell inszenierte Ausdrucksformen, Stile und Präferenzen . Dadurch entwickeln sich Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen vermutlich stärker als früher zu eigenen generationsspezifischen Lebenswelten, auch wenn deren Zugänge und deren Auswahl von der sozialen Herkunft und dem Elternhaus geprägt sind“ (BMFSJ 2014, S . 56) .

Nach Lüders (2007) muss der Blick auf die Jugendphase jedoch erweitert werden . Die Individualisierungsthese hat „zugleich schon immer eine deutliche Schlagseite, die nur deshalb nicht sichtbar wurde, weil die Jugendforschung ihren Gegenstand gleichsam stillschweigend halbiert hatte“ (Lüders 2007, S . 4) . Der Gegenstand der Forschung ist in Zusammenhang mit der Individualisierungsthese vor allem der außerschulische Freizeitbereich . Lebenswelten und Szenen von Jugendlichen können sich hier in „kultureller Pluralität entfalten“ (ebd .) . Die Betrachtung der Jugendlichen als Schülerinnen und Schüler lief in vielen Fällen getrennt von der Freizeitwelt . Die Gesamtheit der Jugendphase lässt sich jedoch nur begreifen mit Blick auf beide Welten, der Peers, Medien, der Familie auf der einen Seite und den institutionellen Vorgaben und Strukturen des Bildungssystems auf der anderen Seite . Durch diese Erweiterung des Blicks wird deutlich, dass die Individualisierungsthese und der Diskurs über die entgrenzte Jugendphase zumindest in Teilen nicht passen . Die Verkürzungen der Bildungslaufbahn (Vorverlagerung der Einschulung, Umstellung der Gymnasialzeit von neun auf acht Schuljahren, Einführung der Bachelor-, Masterstudiengänge), die exponentiell wachsenden Lernanforderungen und Bildungserwartungen bei sich stetig verändernden Inhalten mit einer gleichzeitig anwachsenden Konsum- und Leistungserwartung führen zu einer Beschleunigung der Lebensphase Jugend (Lüders 2007, S . 4ff .) . Durch die in unserer Gesellschaft erwarteten Flexibilisierung und der Beschleunigung des sozialen und technischen Wandels (Rosa 2005) erweitern sich die Entwicklungsaufgaben und Bildungserwartungen im Kindes- und Jugendalter (Lüders 2007) .

„Bedenklich ist dabei, dass diese Verdichtungsprozesse die [… .] Individualisierungs- und Entgrenzungstendenzen keineswegs ersetzen, sondern gleichzeitig stattfinden mit der Folge, dass neue Ungleichzeitigkeiten und Gegenläufigkeiten entstehen“ (Lüders 2007, S . 5) .

Eine weitere sehr markante Veränderung im Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen in den letzten Jahrzehnten ist der Ausbau des institutionellen Gefüges, vor allem des öffentlichen BildungsBetreuungs- und Erziehungswesens . Dieser Wandel führt zu einer Institutionalisierung von Kindheit und Jugend und zu einem fast „lückenlosen Aufwachsen in institutionellen Settings“ (BMFSJ 2014, S . 56ff .) . Neben die Familie tritt ein öffentlicher Akteur, der das Aufwachsen standardisiert . Dies soll eine geregelte, pädagogische Betreuung und eine optimale altersgerechte Entwicklung ermöglichen, führt aber auch, trotz aller Pluralisierung, zu normierten, öffentlich beobachteten und beeinflussten Prozessen des Aufwachens (ebd.). Diese Tendenzen der Institutionalisierung und Normierung der Lebenswelten Kinder und Jugendlicher widersprechen gesellschaftlichen Individualisierungstendenzen . Junge Menschen haben immer weniger (nicht-pädagogisierte) Freiräume, in denen sie selbstbestimmt und autonom handeln können .

„Es kann nicht wundern, wenn diese alltäglichen Belastungen und Kompetenzanforderungen im Bereich von Kindheit und früher Jugend das Bedürfnis nach Entlastung und Gegenwelten provoziert . Der Bedarf nach „Wildsein“, nach „Undiszipliniertsein“, lustvoll „Über-die-Stränge-Schlagen“, „Sichaustoben“ nimmt zu, je früher die Leistungen der Selbstdisziplinierung (N . Elias) abverlangt werden . Gleichzeitig aber werden die Toberäume, die Bolz- und Spielplätze, an denen sich ungebändigtes Jugendleben entfalten kann, in unserer Gesellschaft immer knapper“ (Münchmeier 2001, S . 124) .

 
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