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3 Privat, öffentlich, halböffentlich – eine Bestimmung des Raums

In diesem Artikel liegt der Fokus, unter dem die Lebensphase Jugend betrachtet wird, auf dem Handeln Jugendlicher im öffentlichen Raum . Öffentliche Räume fungieren als Begegnungsräume, Identitätsräume und Bildungsräume . Welche Bedeutung haben öffentliche Räume in der sich wandelnden Lebensphase Jugend? Wie haben sich auch öffentliche Räume verändert und welche Auswirkungen haben diese Veränderungen auf die Nutzung öffentlicher Räume durch Jugendliche? Um sich diesen Fragen zu nähern, wird im Folgenden zunächst der Begriff des Raums allgemein und des öffentlichen Raums im Besonderen bestimmt .

Der Raumbegriff ist in der Pädagogik die örtliche, regionale und institutionelle Struktur eines Ortes, an dem Subjekte agieren und interagieren . Der Raum als Sozialraum kann als subjektive Lebenswelt oder als menschlicher Lebensraum verstanden werden (Kessl und Reutlinger 2007, S . 19ff) . Menschliches Handeln findet immer räumlich statt. Der Begriff Raum ist ein sozial und kulturell geprägter Begriff und daher schwer zu definieren und festzulegen. Lange Zeit fand der Raumbegriff in der Sozialwissenschaft nur unzureichend Berücksichtigung . Raum wurde als Bedingung oder als Umgebung sozialer Zusammenhänge betrachtet . Der Begriff kam nur im Zusammenhang mit anderen Kategorien wie Gemeinde, Stadt oder Nation vor . Menschliches Handeln wurde als in diesen Räumen eingelagert beschrieben, ohne sich mit dem Begriff des Raums näher zu befassen (ebd .) . Wenn in der Sozialwissenschaft der Begriff Raum genutzt wurde, herrschte zunächst die Überlegung eines absoluten Raumbegriffes vor . Raum wurde hier den menschlichen Handlungsdimensionen vorgeortet . Raum ist demnach nicht abhängig von den darin enthaltenen Körpern, somit bleibt der Raum unabhängig und immer gleich und unbeweglich . Der Raum wird als eigene Realität begriffen, als fixiertes Ordnungssystem und nicht als Folge menschlichen Handelns. Raum als Begriff für Ort, Erdboden oder Territorium . Nach dieser Theorie hat die vorherrschende Raumordnung Auswirkungen auf die sich darin befindlichen Körper. Raum prägt nach dieser Raumvorstellung das gesellschaftliche Handeln, bleibt jedoch selbst unverändert (ebd .)

Diesem Konzept des absoluten Raums, stehen die relativen Raumvorstellungen gegenüber . Demnach sind Räume nicht unabhängig von den sie bildenden Körpern, „[…] Räume sind keine absoluten Einheiten, sondern sich ständig (re-)produzierende Gewebe sozialer Praktiken“ (Kessl und Reutlinger 2007, S .19) .

Raum wird erst im Zusammenspiel verschiedener Körper existent, daher ist seine Bestimmung nach diesem Konzept von der Perspektive, der sich darin befindlichen Subjekte, abhängig.

Der Begriff Sozialraum soll auf das Phänomen hinweisen, dass der Raum kein starres Gefüge ist, sondern von Individuen immer wieder neu gestaltet wird . Die Sozialraumperspektive befasst sich nicht primär mit dem Objekt, also den Orten und Plätzen, sondern mit den sozialen Verhältnissen, die den Raum konstruieren, den Beziehungen und Interaktionen im Raum . Eine rein relative Raumvorstellung kann der Komplexität und Heterogenität sozialer Zusammenhänge jedoch nicht gerecht werden . Der Sozialraum ist kein absolutes Gebilde, in dem sich Handlungen abspielen . Raum wird von den Akteurinnen und Akteuren immer wieder verändert und neu erfunden . Räume sind das Ergebnis sozialer Prozesse, gleichzeitig wirken jedoch die konstruierten Raumordnungen relativ unabhängig auf die Handlungsvollzüge zurück . Das heißt der Sozialraum, in dem sich Individuen befinden, wird von ihnen beeinflusst, aber gleichzeitig beeinflusst der Sozialraum auch immer die Handlungen der Individuen . Bestimmte von der Stadtplanung gestaltete Plätze werden somit auch immer bestimmte Handlungen der Personen implizieren . Daher ist es sinnvoll einen relationalen Raumbegriff zu nutzen, der die Verschränkung beider Dimensionen im Blick behält (ebd .) .

Auf solch ein relationales Raumkonzept bezieht sich Löw (2001) in ihrer Raumsoziologie . Löw beschreibt einen die Trennung von Subjekt und Raum überwindenden Raumbegriff .

„Meine These ist, dass nur, wenn nicht länger zwei verschiedene Realitäten – auf der einen Seite der Raum, auf der anderen die sozialen Güter, Menschen und ihr Handeln – unterstellt werden, sondern stattdessen Raum aus der Struktur der Menschen und sozialen Güter heraus abgeleitet wird, nur dann können die Veränderungen der Raumphänomene erfasst werden“ (Löw 2001, S . 264) .

Räume entstehen nach Löw durch Interaktionen der Menschen, die sie nutzen, und können dadurch unterschiedlich gestaltet werden . An einem Ort, also einer bestimmten Lokalisierung auf unserer Erdoberfläche, können, je nach Bedeutung und Veränderungen, die die Menschen ihm verleihen, viele unterschiedliche Räume entstehen . Löw beschreibt Raum, als eine „relationale (An)Ordnung von Lebewesen und sozialen Gütern an Orten“ (Löw 2001, S . 271) . Das Raumkonzept nach Löw ist also ein dynamisches Modell der Konstruktion von Räumen .

Soweit in aller Kürze zu dem allgemeinen Verständnis und Konzept von Raum; dieses Verständnis von einem relationalen dynamischen Raum ist von Bedeutung, wenn der öffentliche Raum als Aneignungsraum und Bildungsraum betrachtet wird . Mit öffentlichem Raum an sich wird ein Bereich bezeichnet, der allgemein zugänglich ist, ohne soziale oder physische Barrieren. Dieser wird häufig mit städtischer Freiheit und freier Bewegungs- und Handlungsfähigkeit in Verbindung gebracht . Öffentlicher Raum kann in drei Typen unterteilt werden, in „öffentliche Freiräume“, wie Parks, Spielplätze, die Straße, Wälder oder Grünflächen, in „öffentlich zugängliche verhäuslichte Räume“, wie Kaufhäuser, Einkaufszentren und Bahnhöfe und in institutionalisierte öffentliche Räume, wie Schulräume, Vereinsräume, Sportanlagen oder Kirchenräume (Frey 2004, S . 219ff .) . Neben diesen unterschiedlichen Bereichen öffentlicher Räume können diese in verschiedenen Dimensionen konkretisiert werden . (1) Im juristischen Sinn steht öffentlicher Raum im öffentlichen Recht, (2) der öffentliche Raum hat eine funktionale Dimension, ihm sind Funktionen wie Markt und Politik zugeordnet . Daneben ist der öffentliche Raum (3) in der sozialen Dimension ein Ort stilisierten, distanzierten Verhaltens und der Anonymität . Verschiedene architektonische und städtebauliche Elemente signalisieren Zugänglichkeit bzw . Exklusivität . Diese (4) materielle und symbolische Dimension verdeutlicht juristische, funktionale und soziale Differenzierungen (Siebel und Weinheim 2003) .

In Abgrenzung zum öffentlichen Raum steht der private Raum . Dies sind Räume, die nicht allen offen stehen . Sie stehen für Geborgenheit, Intimität, Nähe, Stabilität und Sicherheit . Privater Raum ist abgeschirmt von der Öffentlichkeit (Deinet 2009, S . 14ff .) . Private Räume stehen juristisch unter dem privaten Hausrecht des Eigentümers, diesem werden die Funktionen der Produktion und Reproduktion zugeordnet . Besonders in der funktionalen und sozialen Dimension wird eine Polarität von Öffentlichkeit und Privatheit deutlich:

„Die Privatsphäre ist assoziiert mit dem Ideal der bürgerlichen Familie und damit mit all dem Glücksversprechen lebenslanger Vertrautheit und Liebe; die öffentliche Sphäre ist assoziiert mit dem Ideal der bürgerlichen Öffentlichkeit und damit mit durchgesetzter Demokratie und gesellschaftlicher Integration ohne Ausgrenzung von Differenz“ (Siebel und Wehrheim 2003, S . 4) .

Neben den privaten und öffentlichen Räumen wird vermehrt der Begriff der halböffentlichen Räume genutzt . Damit sind Räume gemeint, die zwar allgemein zugänglich, aber nicht im Besitz der Allgemeinheit sind, also Orte wie zum Beispiel Cafés, Bibliotheken, Museen, Kaufhäuser . Halböffentliche Räume sind Räume, die nicht dem Privaten und auch nicht dem Öffentlichen zugeordnet sind . Nutzerinnen und Nutzer würden diese Räume aber als öffentliche Räume bezeichnen, da sie für sie öffentlich zugänglich sind, dennoch führen in den halböffentlichen Räumen diverse Exklusionsprozesse zu einer gezielten Ausgrenzung gesellschaftlicher Gruppen . Mit halböffentlichen Räumen gehen verschiedene Prozesse einher, die beschrieben werden können mit einer Ökonomisierung von Räumen und veränderten Sicherheits- und Zuständigkeitsbereichen (Deinet 2009, S . 14ff .) .

 
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