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4.2 Öffentlicher Raum und Bewegung

Durch die massive Ausweitung von Verkehrswegen und Baumaßnahmen, um Platz zu schaffen für den zunehmenden Individualverkehr, kommt es zu einer weiteren Veränderung öffentlicher Räume . Die Gruppe der Fußgängerinnen und Fußgänger wird auf Verkehrskanäle wie Bürgersteige verbannt . Diese Veränderung steht im Kontext für die zunehmende Funktionalität öffentlicher Räume – ihnen wird eine Funktion mit einer bestimmten Ordnung zugeschrieben, damit sind sie soweit optimiert, dass eine andere Nutzung fast gänzlich ausgeschlossen ist . Dies hat auch Auswirkungen auf das Handeln von Kindern und Jugendlichen im öffentlichen Raum (ebd .) . Es gibt weniger freie Flächen zum Spielen und um sich aufzuhalten . Ihnen werden speziell dafür vorgesehene Plätze zugewiesen, die unter Umständen das „freie, unorthodoxe, wilde Spiel“ (Klose 2012, S . 6ff .) einschränken .

„Entstanden sind im Laufe der Zeit zum Teil leblose, funktional eindimensional ausgerichtete öffentliche Räume, die insbesondere Jugendliche herausfordern, riskantes Verhalten zu erproben, Grenzerfahrungen zu machen, die Funktionalität der Räume, die so gar nicht mit ihren Erfahrungshorizonten und Begehrlichkeiten zusammen passen, zu durchbrechen“ (Klose 2012, S . 7) .

4.3 Öffentlicher Raum als Bühne

Öffentlicher Raum ist auch immer eine Bühne zur Darstellung und Präsentation von Vorlieben und Wünschen, kulturellen Besonderheiten, Distanzierungen, Rollenhandeln . Für jede Einzelne und jeden Einzelnen oder jede Gruppe ergibt es einen subjektiven Sinn an einem Ort präsent zu sein . Die Besetzung und Aneignung eines Raums kann aber auch bedeuten, dass der Zugang für andere erschwert oder behindert wird . Manche Gruppen schließen sich in ihren Handlungen gegenseitig aus, sodass durchaus Einzelne aus dem jeweiligen öffentlichen Raum verdrängt werden (ebd .) .

4.4 Öffentlicher Raum und Macht

Macht- und Einflussfaktoren entscheiden letztlich über die Besetzung von Räumen . Als Grundlage der legalen Machtausübung gibt es klare Rechtsverhältnisse und „Raumwächter“ (Klose 2012) (wie Polizei, Sicherheitsdienste, das Ordnungsamt), die mit Zeichen der Macht ausgestattet sind . Zudem gibt es auch verdeckte Machtmechanismen und nicht so deutliche Zuordnungen, die versuchen die Bestimmtheit der Räume im Sinne einer Ordnung zu sichern (ebd) . Vor allem der Bedarf nach Sicherheit und Kontrolle führt zu einer „differenzierten, modernen Sicherheitsarchitektur“, die präventiv arbeitet und den „Kampf um Unordnung und Kontrolle zunehmend niedrigschwellig“ (Klose 2012, S . 9) ansetzt . Bereits dann, wenn es um eine Abwendung möglicher Störung, weit vor justiziablen Vorfällen, geht .

Ein ganz zentraler Wandlungsprozess in Bezug auf den öffentlichen Raum ist der im letzten Punkt beschriebene gestiegene Bedarf an Sicherheit und Kontrolle . Dem öffentlichen Raum sind schon immer bestimmte Verunsicherungen wie Kriminalitätsfurcht, Angst vor Kontrollverlust und vor dem Fremden inhärent . Dennoch ist ein Gefühl von Sicherheit Grundbedingung öffentlicher Räume, daher bedarf der öffentliche Raum sozialer Kontrolle (Siebel und Wehrheim 2003, S . 6ff .) . Jedoch drohen alle Formen der sozialen Kontrolle die Öffentlichkeit und die darin liegende Anonymität und Freiheit einzuschränken .

„Die Zugänglichkeit des öffentlichen Raumes der Stadt für jedermann beruht auf einer prekären Balance zwischen Anonymität und sozialer Kontrolle, zwischen Sicherheit und Verunsicherung, zwischen Vertrautem und Fremden, zwischen Gleichheit und Differenz“ (Siebel und Wehrheim 2003, S . 6) .

Der Versuch diese Verunsicherungen aus den öffentlichen Räumen zu entfernen, mindert den Öffentlichkeitscharakter dieser und verhindert dessen Funktion als Ort des Lernens und der Begegnung .

Durch den sich aktuell abzeichnenden gestiegenen Bedarf an sozialer Kontrolle und Sicherheit, sind die Grundvoraussetzung öffentlicher Räume: allgemeine Zugänglichkeit, Anonymität und die damit verbundene Freiheit in Frage gestellt . Siebel und Wehrheim (2003) beschreiben verschiedene Dimensionen des Wandlungsprozesses: (1) Durch Novellierungen von Sicherheits- und Ordnungsgesetzen sollen Nutzung und Zugänglichkeit öffentlicher Räume reglementiert werden . (2) Damit zusammenhängend entstehen neue Organisations- und Interventionsformen sozialer Kontrolle (neben öffentlichen Sicherheitsorganen entstehen private Sicherheitsdienste) . (3) Es zeigt sich eine Zunahme der Kontrolle durch digitale Technik wie Videoüberwachung o . ä . Dies hat (4) Veränderungen in der Gestaltung öffentlicher Räume zur Folge, die eine technische Überwachung Einsehbarkeit und Überschaubarkeit voraussetzt (Siebel und Wehrheim 2003, S . 7f .) . Mit diesen Veränderungen des öffentlichen Raums steht der Sicherheits- und Kontrollaspekt ganz klar vor einer tatsächlichen Öffentlichkeit des Raums . Dies schränkt den öffentlichen Raum in seiner Funktion als Ort der Begegnung, des Lernens, der Aneignung und Ort der Erfahrung der Differenz stark ein . Er ist weniger gestaltbar durch die Bürgerinnen und Bürger und lässt an Anonymität, Freiheit und der Möglichkeit des selbstständigen Handelns vermissen .

Für Jugendliche bringt diese Veränderung einen tiefgreifenden Einschnitt in ihre Lebenswelt mit sich . Doch bevor die Auswirkungen begrenzter öffentlicher Räume für eine entgrenzte und individualisierte Jugendphase thematisiert werden, wird im Folgenden geklärt, welche Bedeutung und Funktion der öffentliche Raum für Jugendliche hat .

 
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