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5 Bedeutung des öffentlichen Raums für die Lebensphase Jugend

Der Nutzen und die Relevanz öffentlicher Räume für die Lebensphase Jugend wird auf unterschiedlichen Ebenen deutlich . Zum einen als Freizeitraum, in dem sich Jugendliche außerhalb von institutionalisierten oder privaten Räumen treffen können und ihre freie Zeit selbstverantwortlich gestalten, des Weiteren als Aneignungs- und Bildungsraum, ein Ort mit informellen Bildungsmöglichkeiten .

Jugendliche haben heute eine Vielzahl komfortabler Möglichkeiten, ihre Freizeit außerhalb öffentlicher Räume zu verbringen . Neben den individuellen, privaten Freizeitbeschäftigungen bieten viele kommerzielle und gemeinnützige Institutionen und Organisationen und auch Schulen den Jugendlichen eine Vielzahl an Freizeitangeboten innerhalb halböffentlicher Räume . Durch die zunehmende Mobilität und die gestiegene Vernetzung der Jugendlichen, auch durch neue Medien sind Jugendliche in ihrer Freizeitgestaltung nicht mehr auf öffentliche Räume in ihrem unmittelbaren Sozialraum angewiesen . Gleichwohl verbringen Jugendliche ihre freie Zeit mehr als andere Gruppen in öffentlichen Räumen und an informellen Treffpunkten im öffentlichen Raum . Sie nutzen jedoch nicht nur lokale Mittelpunkte oder Konsumorte, auch aufgegebene Flächen, Straßen und Parkplätze, Grünflächen und vor allem lokale Räume des Wohnumfeldes sind attraktive Freizeiträume . Öffentliche Räume bieten Jugendlichen Aktionsmöglichkeiten, die in privaten oder halböffentlichen Räumen gar nicht oder nur eingeschränkt möglich sind . Die Studie „Aneignung von Sozialraum in Kleinstädten“ (Wehmeyer 2014) [1] handelt von der Nutzung öffentlicher Räume durch Jugendliche . Hier wurde deutlich, dass vor allem für junge Jugendliche (12-15 Jahre) der öffentliche Raum besonders attraktiv ist, da dieser die Möglichkeit spannender und unterhaltsamer Freizeitgestaltung bietet, ohne hohen finanziellen Aufwand und ohne die Notwendigkeit der Mobilität . Sie haben im öffentlichen Raum die Möglichkeit, ohne Kontrolle der Eltern, verschiedene gesellschaftliche Rollen auszuprobieren und aus der Rolle des Kindes herauszutreten und zumindest für einen begrenzten Zeitraum in die Rolle eines Erwachsenen zu schlüpfen, Grenzen auszutesten und eigene Regeln aufzustellen . Sie müssen, anders als in halböffentlichen konsumorientierten Räumen, über keine großen finanziellen Mittel verfügen und sind nicht oder nur eingeschränkt, wie in halböffentlichen pädagogisierten oder privaten Räumen, der Kontrolle erwachsener Personen ausgesetzt . Die Motivationen „Geselligkeit mit Freunden“, „Austesten der Erwachsenenrolle“ und „Spannung und Nervenkitzel“ sind bei den jungen Jugendlichen die Hauptmotivationen zur Nutzung des öffentlichen Raums (Wehmeyer 2014, S . 195f .) . Die älteren Jugendlichen und junge Erwachsenen nutzen öffentliche Räume in einem geringeren Umfang und mit teilweise anderen Motiven . Auch sie nutzen diese Räume für gesellige Freizeitaktionen, jedoch ist das Hauptmotiv vieler älterer Jugendlicher die Freiheit eigene Regeln aufzustellen . Zusammenfassend zeigt die Studie, dass öffentliche Räume Jugendlichen Folgendes bieten:

Jugendliche können in öffentlichen Räumen:

• „die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Rollen ausprobieren und unmittelbar Reaktionen auf ihr Verhalten durch andere, vor allem nicht der Familie angehörigen Personen, spüren,

• die „Erwachsenen“-Rolle übernehmen (Verantwortung übernehmen, keine Grenzen von Eltern auferlegt bekommen, nicht das „Kind“ sein),

• die jugendkulturellen Besonderheiten der eigenen Gruppe darstellen und Reaktionsweisen anderer erleben,

• (persönliche) Grenzen austesten,

• Verantwortung für ihr Tun, für einen eigenen Raum, eine eigene Gruppe übernehmen,

• eigene Strukturen und Regeln für einen festen Ort/Treffpunkt aufstellen,

• Geselligkeit ohne störende Kontrolle durch Erwachsene/Eltern erleben,

• „Verbotenes“ tun (Rauchen, Alkohol trinken, etc .),

• Spannung erleben“ (Wehmeyer 2014, S . 221f .) .

Junge Menschen haben im öffentlichen Raum die Möglichkeit gesellschaftliche Strukturen außerhalb des privaten Raums zu erlernen, sie lernen mit Konflikten umzugehen, die eigene Rolle außerhalb der Familie zu finden und ihr Verhalten den gesellschaftlichen Werten und Normen anzupassen . Durch Aneignung öffentlicher Räume erweitern Jugendliche dementsprechend ihr Handlungsrepertoire .

Jedoch geht es in der Raumaneignung nicht nur um das alleinige Annehmen gesellschaftlicher Strukturen, sondern auch um die Veränderung dieser – etwa durch selbstständige Veränderung von Räumen oder bewusste Provokation . Deinet (2004) spricht in diesem Zusammenhang von der Aneignung öffentlicher Räume als Bildungskonzept . Aneignung meint, dass sich Strukturen verändern können und müssen . Zunächst eignet sich das Individuum gesellschaftliche Gegebenheiten an, um in der Gesellschaft integriert zu sein . Durch die Auseinandersetzung des Individuums mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten, kann und muss es diese jedoch auch verändern . Es entstehen neue Strukturen . Aneignung beschreibt den Prozess, durch den sich Subjektivität in gesellschaftlichen Kontexten konstituiert, die den Kontexten aber nicht unbedingt förderlich sein müssen . Es ist ein Prozess, der „nicht nur nach innen gerichtet ist, sondern in der Veränderung des Außen vollendet wird“ (Winkler 2004, S . 82) . Der Aneignungsprozess ermöglicht die Weitergabe von kulturellen Gütern und gesellschaftlichen Prozessen an die Nachkommen . Die Variabilität der Kultur verbietet dieses Geschehen als bloße Weitergabe von Traditionen zu verstehen . Denn das Individuum konstituiert sich im Austausch mit der Kultur selbst und verändert damit unvermeidlich auch die Kultur (ebd .) . Erziehung kann in diesem Zusammenhang Aneignung nur initiieren, also dafür Sorge tragen, dass Aneignung überhaupt möglich ist . Gerade öffentlicher Raum hat die wichtige Funktion als Bühne für Aneignungsprozesse außerhalb von Institutionen wie Jugendarbeit und Schule zu wirken . Aus diesen Gründen ist es gerade in der Lebensphase Jugend von beträchtlicher Relevanz, dass Jugendliche sich auch ungestört in öffentlichen Räumen aufhalten können und die Möglichkeit haben, diese Räume zu verändern und mit der Peergroup einzunehmen .

Durch die Verinselung der Lebenswelt (Zeiher 1994) und dem Aufwachsen in einer Mediengesellschaft entwickeln Kinder und Jugendliche unterschiedliche Raumvorstellungen und lernen gleichzeitig in verschiedenen Räumen zu agieren . Sie stellen Verbindungen her zu den Räumen, in denen sie sich geographisch gerade aufhalten, zu den Räumen mit denen sie jederzeit kommunizieren können (über das Handy oder den PC) und zu virtuellen Räumen im Internet, die auch als soziale Räume verstanden werden . Die Konstituierung von Räumen muss für Kinder und Jugendliche in der modernen Gesellschaft durch Verknüpfungen passieren . Die Verknüpfung von unterschiedlichen Räumen ist eine Bildungs- und Entwicklungsaufgabe heutiger Kinder und Jugendlicher (Deinet 2004, S . 175ff .) . Auch schafft das Aneignungskonzept eine Verbindung zum aktuellen Bildungsdiskurs:

„Aneignung ist das Muster für die Bildung des Subjektes im sozialen Raum . Der gesellschaftliche Raum ist Aneignungs- und Bildungsraum“ (Deinet und Reutlinger 2004, S . 9) .

Öffentliche Räume bieten Jugendlichen eine Vielzahl von Möglichkeiten, um Handlungskompetenzen zu erwerben . Im Gegensatz zu institutionell organisierten Angeboten stoßen Jugendliche innerhalb informeller Aktivitäten im öffentlichen Raum auf vollkommen andere Herausforderungen . Sie müssen mit den Gegebenheiten des Raums selbstständig umgehen lernen, ohne dass (pädagogische) Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (wie Lehrerinnen und Lehrer, Sozial-Pädagoginnen und -Pädagogen o . ä .) das Umfeld organisieren und feste Strukturen schaffen . Öffentliche Räume sind einer ständigen Veränderung unterworfen, selbst Wetterlagen oder eine neue Gruppe von Menschen, die den Raum nutzt, verändern die Gegebenheiten vollständig . Die Jugendlichen, die einen Treffpunkt im öffentlichen Raum regelmäßig nutzen, müssen sich immer wieder auf auch spontan verändernde Bedingungen einstellen und damit umzugehen lernen. Bei Konflikten mit anderen Personen können die Jugendlichen nicht zu einer Betreuungsperson flüchten, sondern müssen diesen Konflikt aushalten oder den Raum verlassen. Kompetenzen, die Jugendliche in Freizeitaktivitäten im öffentlichen Raum erlernen, sind schwer messbar und kaum konkret nachvollziehbar, jedoch unverzichtbar für die Identitätsentwicklung und die Verselbstständigung der Jugendlichen .

  • [1] In der Studie „Aneignung von Sozialraum in Kleinstädten“ (Wehmeyer 2014) wurden 22 Jugendliche nach ihren bevorzugen Freizeitaktivitäten vor allem in öffentlichen, aber auch in halböffentlichen und privaten Räumen befragt . Aus den Interview Ergebnissen wurde eine Typologie der Nutzung öffentlicher Räume durch Jugendliche erstellt .
 
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