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4 Die Mechanismen der Eskalation

Es ist nicht unsere Absicht, die Ursachen von (Jugend-)Riots in Großbritannien und Schweden monokausal zu reduzieren oder ihre Erscheinungsformen zu generalisieren, da sie immer auch Ausdruck nationaler oder regionaler Besonderheiten sind . Tottenham ist nicht Husby . Die soziale Ungleichheit ist in Großbritannien sehr viel stärker ausgeprägt als in Schweden . Aber auch in dem skandinavischen Land ist die Ungleichheit in den letzten Jahren stark angewachsen, während wohlfahrtsstaatliche Leistungen abgebaut wurden. Trotz länderspezifischer und regionaler Unterscheide gibt es viele Gemeinsamkeiten, die auf ähnliche strukturelle Ursachen und Ausdrucksweisen des Protestes verweisen . Weder die englischen noch die schwedischen Jugendlichen haben explizite politische Forderungen gestellt . Dubet (2002) bezeichnet in diesem Zusammenhang Jugendunruhen mit Blick auf die Riots in den französischen Banlieues, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer wieder aufgeflackert sind und viele Ähnlichkeiten mit den jüngsten Aufständen in Großbritannien und Schweden aufweisen, als ›unter-politische Gewalt‹ . Mit diesem Begriff will er ausdrücken, "dass diese Gewalt einen sozialkritischen Bedeutungsgehalt hat, nämlich die Verweigerung, sich beherrschen und sozial ausgrenzen zu lassen, aber dass diese Kritik sich nicht im Rahmen eines politischen Projektes, eines Diskussionszusammenhanges oder einer politischen Organisation ausdrückt . Sie steht zwischen der Kriminalität und der organisierten politischen Aktion, zwischen der Abweichung und der sozialen Bewegung" (ebd ., S . 1179) . Der Protest der jungen Menschen hat einen stark expressiven Charakter, da sie mit ihrer Wut und ihrem Hass, der sich gegen die soziale Infrastruktur, Schulen, Polizei und Feuerwehr richtet, ihre Ablehnung der herrschenden Verhältnisse artikulieren . Auch wenn die Jugendlichen keine politischen Parolen gerufen haben, ist die Zerstörung ein Statement ihrer tiefen Unzufriedenheit mit der paradoxen Situation, in der sie sich befinden. Sie sind kulturell assimiliert, sozioökonomisch aber exkludiert . Sie wollen keine Exoten und Aussteiger am Rande der Gesellschaft sein, sondern als vollwertige Mitglieder anerkannt werden . Sie haben den Wunsch nach einem ganz normalen und geregelten Leben . Der Übernahme westlicher kultureller Standards, dem Wunsch nach Konsum und dem Bedürfnis nach Anerkennung steht aber die Erfahrung gesellschaftlicher Marginalisierung, Stigmatisierung und Diskriminierung gegenüber . Die "Spannung zwischen dem beherrschenden Einfluss einer Massenkultur und den Mechanismen der sozialen Ausgrenzung" (ebd., S. 1181), findet dann in zerstörerischer und zielloser Wut ein Ventil .

Schweden und Großbritannien sind durch eine hohe Jugendarbeitslosigkeit geprägt, von der Stadtteile wie Tottenham oder Husby besonders betroffen sind . Für viele dieser jungen Stadtbewohner nimmt die Lebensphase Jugend den diffusen Charakter eines Zwangsmoratoriums an, da ihnen verwehrt wird, erwachsen zu werden, denn die volle Übernahme der Erwachsenenrolle wird nach wie vor mit Berufstätigkeit und finanzieller Unabhängigkeit assoziiert. Kaum jemand von ihnen schafft den Sprung in ein sicheres Normalarbeitsverhältnis, das ein geregeltes Leben, sozialen Schutz und langfristige Planung ermöglicht . Unsichere und prekäre Beschäftigungsverhältnisse am unteren Ende der Dienstleistungsökonomie sind häufig die einzige beruflicher Zukunftsperspektive. Die Analysen von Castel (2009b) zeigen, dass die Wiederkehr der sozialen Unsicherheit die gegenwärtigen Gesellschaften Westeuropas verändert . Dauerhafte Prekarität betrifft vor allem die am stärksten benachteiligten Schichten . Für die jungen Erwachsenen in den marginalisierten Stadtterritorien ist die ungesicherte Lohnarbeit keine vorübergehende Beschäftigungsform, sondern vielmehr "der modale Zugangsweg zu einer mittlerweile vom Gespenst der Unbeständigkeit und schrankenlosen Flexibilität heimgesuchten Arbeitswelt" (Wacquant 2009, S . 250) . Die Ausgrenzung bezieht sich jedoch nicht nur auf den beruflichen Sektor, sondern wird in mehrfacher Hinsicht deutlich sichtbar: Sie bezieht sich in ökonomischer Hinsicht auf den erschwerten oder verwehrten Zutritt zum Ausbildungs- und Arbeitsmarkt; in institutioneller Hinsicht bauen sich zwischen den Jugendlichen und den politisch-staatlichen Akteuren unüberwindliche Schranken auf; in kultureller Hinsicht führt die Stigmatisierung als Bewohner eines marginalisierten Stadtteils zum Verlust ihres Selbstwertgefühls, und in sozialer Hinsicht kappt das Leben in diesem isolierten Milieu die Verbindung zu den Etablierten in der Gesellschaft (s . auch Häußermann 2008, S . 336) .

Kinder und Jugendliche sind gleichzeitig eine wichtige Zielgruppe kommerzieller Werbung und des Marketings . Sie werden in eine hochgradig konsumorientierte Gesellschaft sozialisiert, die vielfältige kommerzielle Bedürfnisse weckt . Die Befriedigung dieser Konsumwünsche ist jedoch an finanzielle Mittel gebunden, für die entweder ein wohlhabendes Elternhaus oder ein ausreichendes und geregeltes eigenes Einkommen erforderlich sind . Ein gelungenes Leben in den durchkommerzialisierten modernen Gesellschaften Westeuropas zu führen bedeutet, Waren, Güter und Dienstleistungen zum Zweck des Konsums zu erwerben . Konsumieren ist "eine Investition in die eigene Mitgliedschaft in der Gesellschaft" (Bauman 2009, S . 76) und Quelle von Anerkennung, Selbstwert und Identität . Die jugendlichen Bewohnerinnen und Bewohner der Vorstädte haben oftmals die gleichen Konsumwünsche wie ihre Altersgenossen aus den besser gestellten Wohngegenden . Sie sind insofern erfolgreich sozialisierte Mitglieder der westlichen Gesellschaften . Doch oftmals fehlen ihnen die Mittel, diese Wünsche zu realisieren . "Sie besuchten trotz ihres Versagens lange Zeit die Schule, sie werden von verschiedenen sozialen Diensten betreut, sie sind Konsumenten von Mode und Jugendkultur . So ist das Gefühl des sozialen Ausschlusses umso stärker, je mehr die Akteure kulturell assimiliert sind" (Dubet 2002, S . 1181) . Die von Merton beschriebene Spannung zwischen internalisierten kulturellen Zielen und versperrten Mitteln erzeugt eine tendenziell anomische Situation, was auch die Plünderungen durch Jugendliche während der Londoner Riots zumindest teilweise erklären kann .

Auslöser der Jugendunruhen in den Vorstädten Londons und Stockholms war die Tötung eines Bewohners durch die Polizei . In beiden Fällen berief sich die Polizei auf Notwehr, Angehörige und Bewohner protestierten, anschließend kam es zur Eskalation . Fast immer entzünden sich die Proteste am Vorgehen der Polizei . Dies betrifft vor allem den Umgang mit schwarzen Jugendlichen bzw . jungen Menschen mit Migrationshintergrund (Weinhauer 2011, S . 39) . Polizistinnen und Polizisten sind für Jugendliche aus den deprivierten Stadtvierteln Englands und Schwedens nicht Hüterinnen und Hüter eines friedlichen Lebens, sondern Werkzeuge eines bedrohlichen Staatsapparates, der nicht als helfend und unterstützend, sondern als verfolgend und strafend erlebt wird . Das Ideal gleicher bürgerlicher Rechte für alle Menschen wird für die Jugendlichen angesichts der erlebten Ungleichbehandlung durch die Polizei zur Farce (Sutterlüty 2013) . Sowohl die schwedischen als auch die englischen Jugendlichen berichten von alltäglicher Diskriminierung, rassistischen Beleidigungen und ungerechtfertigter Kontrolle durch die Polizei. Die zunehmende Kontrolldichte und das damit verbundene Konfliktpotenzial zwischen Jugendlichen und der Polizei ist Ausdruck des "Abdriften(s) in den strafrechtlichen Umgang" (Wacquant 2009, S . 290) mit der Armut, der in Großbritannien offenbar weiter vorangeschritten ist als in Schweden .

Vor diesem Hintergrund lassen sich die Ausschreitungen als eine situative und flüchtige Form der Handlungsermächtigung von jungen Menschen begreifen, die in ihrem Alltag regelmäßig Zumutungen und Demütigungen über sich ergehen lassen müssen . Die Krawalle mögen zwar destruktiv sein, sie sind für junge Menschen aber eine Möglichkeit, über Zerstörung und Angriff Handlungsmächtigkeit und Selbstkontrolle zu entfalten – eine Erfahrung, die sie vielleicht nicht häufig in ihrem Leben machen . Deutlich wird dieser Aspekt in der Aussage eines 16-jährigen Jugendlichen, der an den Ausschreitungen in England teilgenommen hat:

"What I really noticed that day was that we had control . It felt great . We could do what we wanted to do . We could do as much damage as we can, and we could not be stopped . Normally the police control us . But the law was obeying us, know what I mean?" (zitiert nach The Guardian und LSE 2011, S . 23) . Das Zitat veranschaulicht mehrere Bedeutungsebenen:

1 . Die Krawalle waren für den befragten Jugendlichen eine Möglichkeit, über Gewalt und Zerstörung Handlungsmächtigkeit und Selbstwirksamkeit zu erlangen – wenn auch nur für einen flüchtigen Moment.

2 . Die Revolte hat einen emotionalen Eigenwert und Erlebnischarakter .

3 . Die Unruhen ermöglichen "die Erfahrung von emotionaler Verbundenheit und Solidarität" (Niekrenz und Junge 2011, S . 89) im Rahmen einer situativen Vergemeinschaftung von Gleichgesinnten .

4 . In der situativen Vergemeinschaftung herrscht Einigkeit im Feindbild – nämlich die Polizei als Alltag störende Kontrollinstanz .

Nicht zuletzt bietet der Aufstand den Jugendlichen die Möglichkeit des "Sichsichtbar-Machens" (Ziegler 2011, S . 106), und zwar in doppelter Hinsicht . Durch die Inszenierung eines Ausnahmezustandes lenken sie die Aufmerksamkeit einer sie sonst ignorierenden Öffentlichkeit auf sich . Indem sie in den Fokus der öffentlichen Berichterstattung gelangen, wird darüber hinaus auch ihre gesellschaftliche Randlage sichtbar . Die Politik antwortet jedoch nicht sozialpolitisch, sondern strafrechtlich . Die Marginalisierung der Jugendlichen wird so zementiert .

 
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