Ausblick

Über die Erfolgsaussichten eines jungkonservativen Hegemonieprojekts kann zurzeit nur spekuliert werden. Möglicherweise eröffnen sich über eine parlamentarische Etablierung der AfD neue Perspektiven. Götz Kubitschek betrachtet sie – trotz der eingangs erwähnten Gegenstimmen im IfS – als den "bisher weiteste[n] Vorstoß, der etwas mit uns zu tun hat und uns einen Resonanzraum verschafft" (Kubitschek 2013, S. 9). Der Identitären Bewegung Deutschland, eine noch rudimentäre Jugendbewegung, die sich auf französische Vorbilder (Bloc Identitaire, Génération Identitaire) und auf das ehemalige, von Kubitschek initiierte Projekt der Konservativ-subversiven Aktion (KSA) [1] beruft, empfiehlt er, der AfD beizutreten und deren Jugendarbeit zu beeinflussen (ebd.).

Ein wichtiges Kampffeld sind auf jeden Fall (bleibt man im Bereich der Bildungsarbeit) die Universitäten. [2] Eine private Forschungsund Bildungseinrichtung wie das IfS wird nicht reichen, um die intellektuellen Ressourcen eines Hegemonieprojekts langfristig zu sichern und auszubauen. Aus der Generation derer, die Anfang der 1990er Jahre, in der Aufbruchphase des Jungkonservatismus das Zitelmannsche Projekt der "Selbstbewussten Nation" mitgetragen haben, sind einige mittlerweile auf Lehrstühlen ›gelandet‹.[3] Mit der Einrichtung der "Bibliothek des Konservatismus" durch die vom verstorbenen Caspar von Schrenck-Notzing gegründete "Förderstiftung Konservative Bildung und Forschung" (FKBF) ist eine wichtige Spezialbibliothek entstanden, die für die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchs und für Forschungsarbeiten zur Verfügung steht. [4] Dieter Stein, Stiftungsratsvorsitzender des FKBF, hat bereits 2009 mit der nötigen dramatischen Zuspitzung die Aufgabe so umrissen: "Seit 1968 sind die Universitäten im Zuge einer Kulturrevolution regelrecht gesäubert [!] worden. Konservative wurden teils mit Gewalt [!] oder durch veränderte Personalpolitik an den Rand gedrängt und ausgeschaltet. Wo gibt es die großen nichtlinken Gegenspieler an den politikwissenschaftlichen und historischen Seminaren?" (JF 20/2009, S. 19).

Im außeruniversitären Bereich versucht sich das IfS ansatzweise an einer ›Raumergreifungsstrategie‹. Den gedanklichen Hintergrund entwickelte Götz Kubitschek bereits 2007 in seinem Bändchen Provokation, in dem er, angesichts des von ihm konstatierten "Vorbürgerkrieges" (Kubitschek 2007, S. 10) [5] als Folge der Multikulturalisierung der Gesellschaft, die Frage aufwarf, "wie eine deutsche Zukunft für Deutschland aussehen könnte". Dies sei nicht zuletzt eine Frage nach dem "Boden […], auf dem wir stehen: Das ist deutsches Land, immer noch, und wie jämmerlich wäre es, wenn wir in unserer Nation nicht um eine uns auf den Leib geschneiderte Zukunft ringen würden […]" (ebd., S. 9; Hervorheb. i. Orig.). Um die Dringlichkeit eines solchen Ringens um den ›deutschen‹ Raum zu untermauern, startete Kubitschek zusammen mit Michael Paulwitz 2011 die bereits erwähnte Kampagne "Deutsche Opfer, Fremde Täter", die "Ausländergewalt" als durch "Deutschenfeindlichkeit" (Kubitschek und Paulwitz 2011, S. 20 ff.) motivierte Gewalt inkriminierte. Im Internet visualisierte eine Deutschlandkarte durch die Markierung von Orten, in denen man Angriffe auf ›Deutsche‹ registrierte, die drohende Gefahr von "ethnisch befreiten Zonen".[6] Als Gegenmittel besann man sich auf die Anfang der 1990er Jahre von den Jungen Nationaldemokraten und dem NHB [7] gestartete Kampagne um "National befreite Zonen" (vgl. dazu Bürk 2012) und auf die neofaschistische Kulturbewegung in Italien, Casa Pound, [8] und ließ sich davon inspirieren. Kubitschek schlug vor:

"Warum also nicht exemplarisch eine [sic] privat finanziertes ›Haus Raspail‹ oder ›Haus Sarrazin‹ oder ›Haus der Deutschen‹ einrichten, mittendrin in einem Stadtteil wie dem Wedding: Mit Beratungsstelle, Hausaufgabenbetreuung, auf Identitätsstiftung und -wahrung angelegter Volkshochschule? Mit Café und Jugendbibliothek?" (Kubitschek 2011)

Mittlerweile gibt es erste Ansätze, "konservative Zentren in Deutschland zu bilden",[9] die an die Bildungsarbeit des IfS anknüpfen. In Dresden initiierte Felix Menzel das Zentrum für Jugend, Identität und Kultur (u. a. mit Räumen für die Redaktion der Blauen Narzisse), in Karben bei Frankfurt wurde eine "Projektwerkstatt" eröffnet. [10] In Berlin verfügt das IfS seit Dezember 2012 über eine eigene Niederlassung. [11] Zur Eröffnung schickte die brandenburgische CDU-Landtagsabgeordnete Saskia Ludwig ein Grußwort: "Im ewig neuen Ringen um Wahrheit und Freiheit können hier Ideen entstehen." [12]

  • [1] Vgl. dazu ausführlich Kellershohn 2009.
  • [2] 2011 gelang es einer Gruppe um Martin Boecker (Oberleutnant) und Felix Springer (Leutnant zur See) an der Bundeswehrhochschule München die Zeitung des Studentischen Konvents Campus zu übernehmen. Vgl. welt.de/politik/deutschland/article13487452/Rechter-Aktivist-fuehrt- Magazin-der-Bundeswehr-Uni.html. Zugegriffen 15. Oktober 2013. Boecker und Springer schreiben sowohl für die JF als auch für Sezession im Netz.
  • [3] Z. B. Hans-Christof Kraus, Michael Großheim.
  • [4] Volker Weiss schreibt dazu: "Die Initiative für eine ›Förderstiftung Konservative Bildung und Forschung‹, die hinter der Bibliothek steht, hatte der langjährige Criticón-Herausgeber Caspar von Schrenck-Notzing bereits im Jahr 2000 ergriffen. Von ihm stammt die erste Einlage von einer Million Mark. Seine Privatsammlung bildet heute den Grundstock des Buchbestands. […] Selbst der Geist des 2008 verstorbenen Günter Rohrmoser spukt nun in Berlin. Dessen Erbe, Harald Seubert, der Präsident des Studienzentrums Weikersheim, übergab der Bibliothek 2010 Rohrmosers umfangreiche Privatsammlung." (Weiss 2013) Unter Seubert hat sich auch die Zusammenarbeit mit dem IfS wieder intensiviert, während Rohrmoser zuletzt auf Distanz gegangen war (Kellershohn 2009, S. 260 f.).
  • [5] Der Vorbürgerkrieg sei, so Kubitschek, gekennzeichnet "von latenten Konfl ten entlang von Bruchlinien, die mitten durch die Gesellschaft verlaufen". Die Latenz eröffne "Deutungsspielräume": "Wer die Bruchlinien wahrnehmen will, wird Dutzende Beispiele finden und auf den Begriff bringen können, jedoch ist auch das Gegenteil möglich" (ebd., S. 9), nämlich die Bestreitung der Bruchlinien.
  • [6] Kubitschek in seinem Politischen Tagebuch (Weblog des IfS, 03. 09. 2007). Zur Kampagne insgesamt vgl. Kellershohn 2013b. Es ist offensichtlich, dass es sich hier auch um einen Akt von "Diskurspiraterie" (Alfred Schobert) handelt, der die Visualisierungen rund um die No-Go-Area-Debatte plagiieren und zugleich konterkarieren sollte.
  • [7] Nationaldemokratischer Hochschulbund.
  • [8] Sowohl Felix Menzel als auch Kubitschek ›pilgerten‹ nach Italien, um Casa Pound kennenzulernen. Vgl. Martin Lichtmesz: Casa Pound, in Sezession 34, S. 22–26; Adriano Scianca: Der Faschismus der CasaPound Italia (CPI) und das Interview mit Gabriele Adinolfi, beide in: Sezession 55, S. 34–39.
  • [9] blog.blauenarzisse.de/7723/zwischentag-konservative-zentren.html. Zugegriffen: 10. Oktober 2013.
  • [10] Vgl. blauenarzisse.de/index.php/gesichtet/item/3846-zentrum-fuer-jugend-identitaet- und-kultur; dieprojektwerkstatt.wordpress.com/. Zugegriffen: 10. Oktober 2013.
  • [11] Diese musste mittlerweile wegen Kündigung der Räumlichkeiten aufgegeben werden.
  • [12] Vgl. https://antifainfoblatt.de/artikel/neue-zentrale-punkte-des-rechtskonservatismus. Zugegriffen: 10. Oktober 2013.
 
< Zurück   INHALT   Weiter >