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2 Junge homosexuelle Muslime – zwei biographische Beispiele

2.1 „Da darf kein Glied aus der Reihe springen.“ Dara, der schwule kurdische Muslim

Dara wird 1984 in Hamburg als jüngstes von drei Geschwistern einer kurdischtürkischen Migrantenfamilie geboren . Die Mutter war bis zu ihrer Frühverrentung zunächst Hebamme, später Erzieherin, der Vater ist Zahntechniker . Seit seiner frühen Kindheit ist für den Jungen insbesondere die enge emotionale Bindung an die Mutter von starker Bedeutung, aber auch der starke kulturelle Bezug zu seinem kurdischen Milieu . Dara spricht in Zusammenhang mit dem Kurdischen von „Mamakultur“, da vor allem die Mutter die Orientierung an kurdischen Traditionen und Formen pflegt. Überschattet wird diese Zeit durch Krankheit und lange Krankenhausaufenthalte seiner Mutter, in der Dara sie als wichtige soziale und emotionale Bezugsperson sehr vermisst und schutzlos den Quälereien seines 12 Jahre älteren Bruders ausgesetzt ist . Die ältere Schwester wird in dieser Zeit zu einer wichtigen Bezugsperson, die sich intensiv um den Jungen kümmert, woraus bis in die Gegenwart eine „besondere Beziehung“ zu ihr resultiert . Die (früh)kindlichen Trennungserfahrungen von der Mutter prägen bis heute Daras Beziehungsverhalten, das von starken Verlustängsten und psychosomatischen Reaktionen gekennzeichnet ist . Der Wechsel von der sozialen Geborgenheit der Grundschule ans Gymnasium ist für ihn eine „große Umstellung“ . In dieser Zeit macht er auch seine ersten homosexuellen Erfahrungen, die allerdings nicht nur auf Klassenkameraden beschränkt sind, sondern vor allem auch im türkischen Umfeld des familiären Herkunftsmilieus stattfinden. In der 9. Klasse wechselt Dara aufgrund der Fächerauswahl an ein anderes Gymnasium mit einer stärker multiethnischen Schülerschaft, was er sehr schätzt . Auf dieser Schule bleibt Dara bis zum Abitur . In diese Zeit der Adoleszenz fällt für Dara auch eine Intensivierung seiner religiösen Interessen . Als „religiöser Katalysator“ wirkt hier nach einem innerstädtischen Umzug der Familie die Nähe zu einer Moscheegemeinde . Sehr intensiv und teilweise mit missionarischem Eifer gegenüber Gleichaltrigen praktiziert Dara fortan den Islam . Allerdings bleibt dies eine Episode . Sein persönliches Outing, aber auch die säkulare Grundhaltung des kurdischen Milieus führen im Verlauf der weiteren Jugendphase zu einer Abkehr von den religiösen Aktivitäten und Überzeugungen . Dara plädiert heute eher für einen privaten muslimischen Glauben, sieht sich aber zugleich in ein muslimisch-traditionales Milieu eingebettet, das ihn auch in den Wertorientierungen stark präge .

Sein persönliches Outing als Schwuler hat er aufgrund einer Liebesaffäre mit 15 Jahren . Dara schätzt in der Folge die Liberalität innerhalb der Schulklasse . Nie wird er dort wegen seiner sexuellen Orientierung gehänselt oder diskriminiert . Mit 16 Jahren bekennt er sich vor seiner Mutter zu seiner Homosexualität, da ihm Offenheit und Ehrlichkeit gegenüber den Eltern wichtig ist . Die Reaktionen sind für ihn enttäuschend . Beide Elternteile wollen die sexuelle Identität des Jungen nicht wahrhaben und reagieren eher verzweifelt . Dabei dominiert die Angst vor der sozialen und kulturellen Ächtung in der Großfamilie und im kurdischen Milieu. Die Reaktionen sind vielschichtig, aber immer säkular: Theatralisierung, Drohung mit der Familienehre, aber auch Ethnisierung des Problems: der kurdische Freiheitskampf verlange die Unterwerfung des Individuums unter das Gemeinwohl . „Da darf kein Glied aus der Reihe springen .“ – Die Geschwister reagieren gelassener: die Schwester ist tolerant und offen . Der Bruder zieht die Tabuisierung des Themas vor, was Dara erleichtert: er hatte Angst vor möglichen Strafsanktionen gerade des älteren Bruders . Einzelne Verwandte und Bekannte werden vertrauensvoll einbezogen und sollen bei Dara eine Änderung der sexuellen Orientierung bewirken. In einer zugespitzten Konfliktsituation bricht Daras Vater in einen Weinkrampf aus – der Junge erlebt diese väterliche Reaktion zum ersten Mal in seinem Leben . In der Folge zieht Dara aus und bezieht eine eigene Wohnung . Die Beziehung zur Familie bleibt aber bestehen . Das Thema Homosexualität ist allerdings bis auf den heutigen Tag tabuisiert . Die Eltern leugnen schlicht die Realitäten: der Vater hofft nach wie vor auf „Heilung“, die Mutter stickt an der Aussteuer für den Jungen und thematisiert bisweilen bei Verwandtenbesuchen das Thema Hochzeit . Dara studiert inzwischen Latein und Italienisch für Lehramt . Er ist aktiv in verschiedenen Vereinen und Organisationen: unter anderem im Vorstand eines kurdischen Volkstanzvereins, wo die Homosexualität bekannt ist, aber nicht offen thematisiert wird; sowie in einem Verein für Schwule und Lesben . Dara lebt in einer festen Beziehung und ist insgesamt mit seinem Leben ganz zufrieden . Nur die Nichtanerkennung seiner schwulen Identität in der Familie bedrückt ihn . Auch sieht er sich in Deutschland letztlich als dreifach Stigmatisierter: als Kurde, Muslim und Homosexueller .

 
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