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3 Orientierungsmuster junger muslimischer Frauen über Homosexualität

Bei den eher säkularen jungen Frauen basieren die eigenen Einschätzungen insbesondere auch auf Erfahrungen in den großstädtischen und jugendkulturellen Szenen – etwa Diskos, Clubs und Partys – in denen Homosexuelle selbstverständlicher und sichtbarer Teil der urbanen Freizeitkultur sind . Die eigene tolerante Position erscheint hier auch als kulturelle und wertebezogene Distinktion gegenüber den Vorurteilen und Stereotypen des muslimisch-migrantischen Herkunftsmilieus . Bei Gülüzar, die sich als westlich orientierte alevitische Frau gegen ein prüdes Elternhaus behaupten muss, werden die Schwulen in ihrer städtischen Disko-Szene gleichsam zu Leidensgenossen gegen gemeinsam ertragene Stigmatisierung und Diffamierung, Sie kommt von selbst in der offenen Erzählphase auf das Thema:

„Zum Beispiel diese Schwulenszene, das war ja ( .) extrem … Das ist plötzlich irgendwie explodiert, hab ich das Gefühl . Man hat nie irgendwie einen Typen auf der Straße geseh'n, wo man das Gefühl hatte, er könnte vielleicht schwul sein . Jetzt laufen Leute Hand in Hand und küssen sich. Ah . also, ich meine ich find das toll, wenn die Leute zu sich einfach stehen können und sagen können, ich steh zu mir, ich bin schwul und ich mach auch das was ich will . (…) Bis dann Leute sich dann vielleicht sich doch noch gefunden haben und der einem gesagt hat: „Ja, ich bin schwul .“ „Ah, ich bin auch schwul .“ Und das hört sich jetzt vielleicht bisschen primitiv und blöd an, aber ich glaube, dass ist auch der Punkt, weil sich die Leute auch trauen ( .) es auch zu äußern, zu sagen, ich bin schwul . Weil wenn der eine etwas sagt, dann traut sich auch der andere .“

Die Passage zur Schwulenszene ist für die junge Frau aber auch ein Indikator für kulturellen Wandel gegenüber Traditionalismus und rigiden Moralvorstellungen . Die Schwulen erscheinen hier als orientierungsleitende Vorbilder, die diesen Wandel ungeachtet der Stigmatisierung und Diskreditierung im öffentlichen Raum durch ihren offenen Lebensstil auch mit befördern und damit zur eigenen Identität stehen . Ein aktuelles Problem auch der jungen Frau, die seit Jahren ihren deutschen Freund vor den Eltern verheimlicht .

Auch Sherin hat eigene Alltagserfahrungen mit Homosexuellen in ihrer Freizeit- und Partyszene . Bei ihr und bei Chelowise wird diese liberale Orientierung auch eingebettet in die Übereinstimmung mit einem gleichfalls toleranten Elternhaus .

„Jedem seine Sache . Also ich hab nix gegen homosexuelle Leute, weil . Ich bin auf Partys von denen also auch gegangen . Also homosexuelle, hetero Party und alle zusammengemixt und . Transen und alles warn da . Also ich hab nie Probleme mit diesen Leuten gehabt, weil die müssen selber entscheiden, was für sie richtig ist . (I: hm) Also ich kann mich doch nicht, jetzt sagen, eh dass ist eklig . Es ist halt auf ne Art und Weise wie man darüber nachdenkt . Also ich könnte . Ich mag Schwule sehr gerne, also ich hab mit, ich hab auch Kontakt mit Leuten, solchen Leuten . Mit Lesben kenn ich halt nich viel . Ich kenn bisexuelle Leute . (I: Mhm) Aber . es ist halt ihre Sache, weil ich kann mich jetzt nicht sagen, ey das ist eklig. Weil vielleicht finden die das, was ich mache später mit meinem Mann eklig . Weil jeder siehts auf seine Art und ich halt denke . Ich hatte nie Probleme . Meine Mutter mag selber solche Leute, Transvestiten und Homosexuelle .“

Die liberale und tolerante Orientierung wird hier nicht auf ein übergeordnetes Normenoder Wertekonzept bezogen, sondern erscheint lediglich als Frage des persönlichen Geschmacks und der Selbstbestimmung über den eigenen Lebensstil . Sexuelle Orientierungen sind hier nicht länger Ausdruck moralischer Kategorien, sondern lediglich ein Indikator für einen Pluralismus der Lebensstile auf der Basis einer Alltagskultur der reziproken Wertschätzung und Anerkennung . Der eigene Lebensstil und die eigene heterosexuelle Lebensform wird dabei selbstreflexiv relativiert und dem Anderen das gleiche diskursive Recht zu Wertschätzung oder Kritik eingeräumt . Chelowise, die aus einem säkularen bildungsbürgerlichen exil-iranischen Elternhaus stammt, reflektiert vor allem auch die Wurzeln ihrer Toleranz im eigenen familiären Herkunftsmilieu .

„Da bin da bin ich ganz ganz offen, also hatte auch ne Zeit lang äh . . . sehr guten schwulen Freund und mit dem ich mich auch sehr gut verstanden habe und . Meine Eltern sind da auch (lachen) also das, sind da auch total locker was so was angeht .

(I: Ja) Also eben auch. Äh ... ich mein bei (meinem Praktikum beim) Freien Radio Bremen ähm in der Technik, hört man ja wirklich die Sendungen von von diesen ganzen Redaktionen und da gibt's auch eben die Schwulen und die Lesben-Redaktion . (I: Mhm) Und . Also . Ich glaub tolerantere Menschen als meine Eltern hab ich unter Iranern eigentlich selten erlebt . (I: Ja) Also das ist absolut überhaupt (I: Mhm) kein Problem . Hat's, also bei mir persönlich hat, also für mich persönlich hat sich die Frage jetzt nie gestellt (lachen) ob irgendwie Homosexualität oder so in Frage kommt, aber . (I: Ja klar) Wenn ich jemanden kennen lernen würde, grad in Köln, Hochburg der Schwulen so. (husten) absolut kein Problem. Also find ich find ich sehr interessant und ja .“

Chelowise leitet die Passage mit einem Toleranz-Bekenntnis ein, das Religionen und Lebensstile in eins setzt . „Also toleriere alles . Genauso wie ich eigentlich alle, fast alle Religionen to-, ne quatsch alle Religionen toleriere. (I: Mhm) Äh tolerier ich eigentlich auch alle Lebensarten .“ Die eigene Toleranz gegenüber Homosexuellen wird so zugleich gegenüber religiösen Muslimen bemüht . Chelowise will ihre liberalen Einstellungen also nicht gegen die asketische Sexualmoral von Muslimen behaupten, sondern beansprucht für alle Lebensstile die gleiche Akzeptanz . Zugleich erscheint die eigene Toleranz als glücklicher Umstand der eigenen liberalen Erziehung im Elternhaus und bemüht so implizit Verständnis für weniger tolerante Orientierungen bei denjenigen, die nicht das ‚Glück' einer tolerant-liberalen Sozialisation erfahren haben . Auch die eigene heterosexuelle Orientierung erscheint hier gleichsam kontingent und prinzipiell auch anders denkbar („die Frage (hat sich) jetzt nie gestellt“), zudem erscheint das urbane Schwulen-Milieu in den einschlägigen Metropolen auch als attraktives kulturelles Setting („find ich sehr interessant“). Die jungen säkularen muslimischen Frauen haben offenkundig keinerlei Probleme mit der Toleranz gegenüber homosexuellen Lebensformen; im Gegenteil: die Erfahrungen mit den großstädtischen Schwulenszenen werden eher als kulturelle Bereicherung mit Distinktionswert erfahren und die Frage der sexuellen Orientierung verstehen sie als Aspekt der Selbstvergewisserung der eigenen prinzipiell kontingenten und wandelbaren persönlichen Identität . Bei den religiösen Frauen unterscheiden sich diese Orientierungen im Grunde nur graduell . Es dominiert auch hier die prinzipielle Toleranz gegenüber dem Anderen mit seinem spezifischen Lebensstil . Vereinzelt werden moralische oder naturrechtliche Begründungen mit reflektiert, führen aber nicht zu einer Relativierung der Akzeptanz dieser anderen Lebensformen . Ein leichter Unterschied besteht darin, ob die Homosexualität der anderen auch ein Indikator für die Kontingenz der eigenen sexuellen Orientierung sein kann . Hier wird bei den religiösen Muslimas Absolutheit und Unveränderlichkeit der eigenen sexuellen Identität stärker gegen den Lebensstil des Anderen behauptet . „Also, isch selber will nisch lesbisch werden oder so .“(Hawin); „Also isch würde sowas nisch machen .“ (Senay); „da seh ich immer auch trotzdem irgeneine Krankheit und sehe, sage, es nicht einfach dieses na-, natürliche (I: Mhm) Partnerschaft, wie . . Natürliche Partnerschaft nenne ich Mann und Frau .“ (Eftelya) Auch, wenn (teilweise) homosexuelle Orientierungen den eigenen Wertvorstellungen und dem eigenen Menschenbild zu widersprechen scheinen, bleiben die jungen religiösen Frauen doch gleichwohl bei ihrer Toleranz gegenüber den anderen Lebensentwürfen . Auch hier bestätigen die lebensweltlichen Erfahrungen mit Homosexuellen im Umfeld die Legitimität der eigenen Toleranz und die Richtigkeit des akzeptierenden Werturteils .

„Also vorher hat isch gar keinen Kontakt damit . Dann hab isch Praktikum angefangen in einem Atelier und die Besitzerin war lesbisch (I: Mhm) und ihr Angestellter war auch schwul . . Und die haben immer geredet… Isch hab, ich wusste nie, wovor er… Er hatte ´ne Freundin, n'Freund und so . Ich sag so: „Warum bist du seit dem immer so Feuer?“ (imitierend) „Na ja, das hast du nisch gemerkt, dies und das? Isch bin schwul, das merkt jeder .“ Und ich so: „Ja, das tut mir leid . . Isch merk das nischt, mir ist das auch egal .“ (lachen) Jedenfalls, da-, also für mi-, also isch bin nich so, dass das ähm so jemand kurzsischtig . Isch bin… Isch kann Sachen von weiten her auch betrachten und so. Ähm isch akzeptier es, wenn die Menschen damit glücklischer sind und damit selber umgehen können, (I: Mhm) können sie auch von mir aus .“ (Hawin)

Das Praktikum wird für Hawin zur ethnographischen Fremderfahrung mit Schwulen und Lesben . Mit augenzwinkernder Selbstironie bekennt Hawin die eigene Unbedarftheit gegenüber den kulturellen Codes der Szene . In der Folge fremdelt sie nicht mit ihren schwulen und lesbischen Arbeitskollegen, sondern erlebt es eher als Bereicherung und als Erfahrung neuer Perspektiven . Sie registriert, dass sie mit dem schwulen Mann über Dinge reden kann, die man „normalerweise (nischt) mit einem Mann reden kann .“ Als sie mit dem Arbeitskollegen vor dem Laden auf der Treppe sitzt, räsonnieren die Beiden, wem die Blicke der vorbeilaufenden Männer wohl galten . Die überraschende Begegnung mit dem schwulen Kollegen im Praktikum wird in der Folge auch zum Prüfstein der eigenen sozialen Identität im Kiez .

„Ja also isch fand´s auch schön . So wie der aussah, geht´s . Das war in der Innenstadt . Und da gehen auch so zum Beispiel manschmal deutsche Pärchen, die komisch geguckt haben . Eine . ausländische Mädschen mit Kopftuch sitzt mit eine deutsche Mann da und raucht? Oder wenn meine Landsleute gegangen sind und die haben dann auch so erschreckend geguckt, so voll abartig so, weißt de? Und isch fand des immer amüsierend, ehrlisch gesagt . (lachen) Also mit den zusammen haben wir uns immer dadrüber… Also das war auch nisch so ein dummer Mann . Der war sehr gebildet schon .

Also er war auch Diplomdesigner, hatte auch studiert und aber hatte vieles anderes auch gemacht und war total überall ver-, also weit gereis-… ähm, er war schon in der Türkei, in Indien und so und halt hat auch sehr viel so erzählt und er war sehr weise und sehr erfahrener Mann . Also war sehr nett . Isch mag ihn total auch . Also isch hab immer noch Kontakt mit ihm . (schmunzeln) .“ (Hawin)

Die eigene Toleranz gegenüber dem schwulen Kollegen wird bei der gemeinsamen Zigarettenpause auf der Treppe vor dem Laden auch zum Akt der Selbstvergewisserung über die Frage von Nonkonformismus und sozialer Anerkennung der eigenen Identität durch Andere . Hawin beschreibt das als schrägen Akt der trotzig-selbstbewussten Performanz kultureller Gegensätze . Sie amüsiert sich über den plötzlichen Nonkonformismus, den sie sowohl gegenüber Deutschen als auch Landsleuten demonstriert, weil sie als kopftuchtragende Muslima mit einem erkennbar schwulen Mann in aller Öffentlichkeit rauchend auf der Straße sitzt . Der Hinweis auf den polyglotten und bildungsbürgerlichen Habitus ihres Kollegen unterstreicht noch die besondere Qualität dieser ungewöhnlichen Beziehung und damit auch die Dignität des Lebensstils dieses schwulen Bekannten: Es geht hier nicht nur um die Frage der Akzeptanz des kulturell Anderen, sondern auch darum, sich selbst von diesem Anderen bereitwillig anregen und bereichern zu lassen .

Aischa, eine gläubige Muslima ohne Kopftuch, hält homosexuelle Lebensformen für ganz unproblematisch . Sie berichtet von denen eigenen pubertären Kussübungen mit ihrer Freundin, auf die auch die Mutter eher amüsiert reagiert . „Seid ihr lesbisch oder was .“ In der Nachbarschaft leben lesbische Frauen und führen ein Atelier . Die Eltern haben kein Problem damit und warnen die Kinder auch nicht davor, das Geschäft zu betreten .

„Ich finde, man sollte jeden so leben lassen, wie er möchte. Das ist das wichtigste. Wenn man jemanden anfängt anzugreifen, greifen sie dich irgendwann auch an . So ist das . Homosexualität oder ist gar kein Problem für mich . Ich bin damit groß geworden, alles aufm Kiez einfach ist alles . Das ist das ist ganz normal . Da siehst du jede Fassade . Alles, das ist gar nichts schlimmes, so . Für mich ist das nich schlimm . Zum Beispiel mit einer, heißt Leo, der ist Transsexueller, er möchte gerne ne Frau werden . Ne, ich komm mit ihm richtig gut klar . Ich komm mit Schwulen sogar besser klar als mit Mädels, sag ich mal. Die sind die sind geiler drauf, die Schwulen, ich find die gut . Oder egal, Lesben, die sind auch nett . Die sind auch, die sind starke Frauen, wieso nich . Na, ich bin nich so drauf . Nee, ich akzeptier alles .“ (Aischa)

Auch hier werden wieder die beiden wesentlichen Einflüsse für die eigene tolerante Einstellung gegenüber Homosexuellen erkennbar: zum einen die Gelassenheit und Toleranz des Elternhauses gegenüber anderen, auch außerhalb des eigenen ethnisch-kulturellen Milieus; zum anderen aber auch die alltägliche Erfahrung des multikulturellen Großstadtlebens, das Aischa als großes soziales Laboratorium für den Pluralismus unterschiedlicher Lebensstile und Lebensführung darstellt . Zudem die positive persönliche Erfahrung mit signifikanten Anderen im lebensweltlichen Umfeld . Auch die streng gläubige und kopftuchtragende Sara abstrahiert in ihrer Haltung gegenüber Homosexuellen vom eigenen Glaubenssystem und dem eigenen Moralkodex .

„Ich kann die nich verurteilen jetz, nur weil ich jetz so bin, heißt das nich, dass die andern genauso sein müssen (I: Mhm) wie ich, dass sich äh, dass sie mit Jungfrau heiraten . sollen oder müssen . Ich meine, ich habe mich für diesen Weg entschieden, das ist mein Weg und ich möchte, dass man das toleriert, so wie ich die andern so toleriere . Meine, wenn derjenige jetzt unverheiratet mit jemand zusammenlebt is es eben . sein oder ihr Problem . Sie is nich oder er is nich gläubig und is so glücklich, da muss ich das so akzeptieren . Ich kann jetzt nich sagen oh der is kein Moslem, also is für mich der, äh was er macht alles falsch, kann ich nicht sagen, weil der weiß über mich nichts, er weiß über meine Religion nicht und ähm ich kann da nicht sagen ähm ( .) also ich hab nicht das Recht diese Person zu verurteilen, so wie sie nicht das Recht haben mich zu verurteilen, . dass ich diesen Weg eingegangen bin . So seh ich dis halt .“ (Sara)

Sara kennzeichnet ihre islamische Lebensführung hier nicht als religiöses Dogma, sondern als persönlich gewählten Lebensstil, der keineswegs als normatives Leitbild für andere verstanden werden soll . Sie bezieht die moralischen und ethischen Regulative ausschließlich auf die eigene Glaubensgemeinschaft und beansprucht auch keine Überlegenheit der eigenen Glaubenswelt für die Lebensführung Andersgläubiger oder Nicht-Gläubiger . Maßstab bleibt in dieser Perspektive alleine das subjektive Glück der Individuen .

Eine abwehrende und eher negierende Haltung findet sich unter den gläubigen Muslimas unserer Interviewpartner lediglich bei Khadije, die die Frage nach Homosexuellen – wenngleich lachend – zurückweist: „Darüber will ich gar nich´ reden (lachen) . ( . .) Kein Kommentar .“ Bereits in der offenen Erzählphase hatte sie von einer Jungenfreundschaft in der Kinderclique berichtet, zu dem sie den Kontakt später ausdrücklich abbricht, als sie erfährt, dass dieser schwul ist .

 
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