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II Mediensozialisation als Katalysator von Wandlungs- und Entgrenzungsprozessen

Entgrenzung von Jugend und Arbeit im Kontext des medialen Wandels

Sonja Ganguin

Dieser Beitrag geht der Frage nach, was die Auflösung klarer Bezüge und Strukturen in der Wissensgesellschaft für heutige Jugendliche bedeutet . Im Mittelpunkt der Ausführungen steht die Entgrenzung von Arbeit und Jugend, also der Auflösungsprozess gesellschaftlicher Strukturen, die soziale Vorgänge in der Arbeitswelt und in der Jugendphase begrenzen und regulieren . In einem ersten Schritt wird zunächst die Entgrenzung von Arbeit reflektiert, um darauf aufbauend Entgrenzungstendenzen von Jugend im Kontext des medialen Wandelns zu thematisieren . Ziel dieses Beitrags ist es, diese Prozesse – konkret die Entgrenzung von Jugend, Arbeit und Medien und ihre Interdependenzen – zu beleuchten und darauf aufbauend die Notwendigkeit von Medienkompetenz als Schlüsselqualifikation, insbesondere für die Arbeit in unserer heutigen mediendurchdrungenen Gesellschaft, aufzuzeigen .

Das Schlagwort ‚Individualisierung der Jugendphase' bestimmt schon seit langer Zeit den Diskurs um Jugend . Auch Uwe Sander geht in seinem Artikel „Good bye Epimetheus! Der Abschied der Jugendkulturen vom Projekt einer besseren Welt“ aus dem Jahr 1995 von einer Radikalisierung des Pluralismus der Jugendphase aus . Sander erklärt, dass eine theoretische Konstruktion der Jugend kaum noch in der Lage ist, „in Anbetracht der empirischen Situation von jugendkultureller Pluralität und Selbstbezüglichkeit das damit zentral verkoppelte Moment der Differenz über homogene Einheitsmetaphern einholen zu können“ (Sander 1995, S . 51) . Die Pluralitäts- und Individualisierungsthese von Jugend wird heute zudem durch die Entgrenzungsthese der Jugend ergänzt, die darauf hinweist, dass ehemals klare, regulierte Übergangs- und Integrationsarrangements, vor allem der Übergang von der Schule in die Erwerbsarbeit, an Selbstverständlichkeit verloren haben . So bewegen sich heute Gelingen und Scheitern in der Jugendphase so dicht beieinander, dass der Übergang in eine gesellschaftlich sichere sowie auch kalkulierbare Zukunft nicht unbedingt und gewiss nicht für alle Angehörigen unterschiedlicher Gesellschaftsschichten gegeben ist . Das Jugendmoratorium löst sich auf (Böhnisch 2008, S . 26; Heitmeyer et al . 2011, S . 17) und Jugendliche werden wieder früher mit der Ernsthaftigkeit des Erwachsenenalters konfrontiert . Viele Kinder und Jugendliche erfahren schon sehr früh soziale Probleme; von ihnen wird zunehmend erwartet, ihre Jugend individuell zu bewältigen und sich auf die Anforderungen der Erwachsenenwelt vorzubereiten . Dies wird beispielsweise auch in den Veränderungen im Bildungs-, Ausbildungs- und Beschäftigungssystem deutlich .

Aufgrund dieser Wandlungsprozesse wird seit einigen Jahren von einer Entgrenzung der Jugend gesprochen, wobei Entgrenzung allgemein als Prozess verstanden wird, „in dem unter bestimmten historischen Bedingungen entstandene gesellschaftliche Strukturen der regulierenden Begrenzung von sozialen Vorgängen ganz oder partiell erodieren“ (Gottschall und Voß 2003, S . 18) . Dieser Prozess, also die Auflösung klarer Kontextbezüge für Jugendliche, hängt dabei eng mit Entgrenzungstendenzen von Arbeit (z. B. die Auflösung von zeitlichen und räumlichen Strukturen) zusammen . Seit Ende der 1990er-Jahre wird in der Arbeitssoziologie intensiv über die ‚Entgrenzung von Arbeit' diskutiert (siehe z . B . Voß 1998; Hielscher 2000; Gottschall und Voß 2003; Kratzer 2003; Huchler et al . 2007) . Hintergrund sind gesellschaftliche und technologische Veränderungen . So stellt das Bundesinstitut für Berufsbildung in seinem Bildungsbericht 2013 mit dem Schwerpunktthema „Digitale Medien – Entgrenzung von Lernen und Arbeiten“ heraus, dass vor allem technologische Veränderungen zu Entgrenzungsprozessen von Arbeit geführt haben . Hier wird beispielsweise mit dem Schlagwort ‚Wissensgesellschaft' argumentiert, um die Bedeutung der digitalen Medien in Deutschland im Sinne „einer der stärksten Triebfedern für Innovationen“ aufzuzeigen (BiBB 2013, S . 388) . Dabei gilt unhinterfragt, dass man in der Lage sein müsse,

„den Anforderungen der heutigen Mediengesellschaft zu entsprechen“ (Sander 2007, S . 56) . In diesem Zusammenhang wird auf die Notwendigkeit des Erwerbs von Medienkompetenz hingewiesen, wobei mit diesem Konstrukt die Hoffnung verbunden ist, auch im „Beruf mit der rasanten Innovationsgeschwindigkeit der Neuen Medien Schritt halten [zu] können“ (ebd .) . Allerdings lassen sich ebenfalls auf dem Feld der Anwendung digitaler Medien Entgrenzungsprozesse feststellen . Die Bedienung moderner Lern- und Arbeitsumgebungen etc . wird stetig komplexer und fordert von den Akteurinnen und Akteuren ein hohes Maß an Expertise, um mediale Arbeitsgeräte innovativ und kreativ in Arbeitsprozessen einzusetzen .

 
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