< Zurück   INHALT   Weiter >

1.1 Der Arbeitskraftunternehmer

Die Diskussion über lebenslanges Lernen, kontingente, fragmentierte Lebensläufe oder die Notwendigkeit variabler Lernarrangements zwischen Arbeit, Familie und Freizeit lassen sich zu einem neuen Leittypus von Erwerbstätigkeit, dem des Arbeitskraftunternehmers verdichten. Qualifikationen und spezifische Anforderungen, die sich aus dem Arbeitskraftunternehmer ableiten lassen, münden bei Voß und Pongratz in drei Prozesse: (1) Selbst-Kontrolle, (2) Selbst-Ökonomisierung und (3) Selbst-Rationalisierung . Pongratz entwickelt hieraus thesenartig drei mögliche Devisen aus unternehmerischer Sicht:

• Das Motto der Selbst-Kontrolle könnte lauten: „Wie Sie die Arbeit machen, ist uns egal – Hauptsache das Ergebnis stimmt“ (Pongratz 2001, S . 2) . Anders ausgedrückt, bezieht sich die Dimension der Selbst-Kontrolle auf die Notwendigkeit für den Arbeitskraftunternehmer, seinen täglichen Arbeitsablauf selbstständig zu planen und zu strukturieren . Die eigene Tätigkeit wird verstärkt von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern selbst gesteuert und überwacht .

• Neben der Notwendigkeit einer wachsenden Selbst-Kontrolle erfordert die Selbst-Ökonomisierung, das „Verhältnis zur eigenen Arbeitskraft als Ware“ (Voß und Pongratz 2003, S . 25) wahrzunehmen und die permanente Weiterentwicklung der eigenen Kompetenzen, etwa durch Weiterbildung oder auch informelle Lernprozesse . Die Devise lautet: „Sie bleiben nur so lange, wie Sie nachweisen und sicherstellen, dass Sie gebraucht werden und Profit erwirtschaften“ (Pongratz 2001, S. 2). Im Gegensatz zum verberuflichten Arbeitnehmer, der seine standardisierten beruflichen Kompetenzen auf dem Arbeitsmarkt eher in Reaktion auf eine Nachfrage (Stellenangebot) anbietet, soll der Arbeitskraftunternehmer ein aktiv ausgerichteter Makler seiner individuellen Fähigkeiten und Qualifikationen sein, die er an den Erfordernissen des Arbeitsmarktes bzw. des Betriebes ausrichtet .

• Die Selbst-Rationalisierung als drittes zentrales Leitmotiv impliziert eine ständige Erreichbarkeit des Arbeitskraftunternehmers: „Wir brauchen Sie voll und ganz und zu der Zeit – und dazu müssen Sie ihr Leben voll im Griff haben“ (Pongratz 2001, S . 2) . Leistungsfähigkeit gepaart mit dem erfolgreichen Umgang mit Belastungssituationen und der Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Freizeit sind hierfür kennzeichnend. Dadurch gewinnen auch berufliche und private Kommunikationsmittel wie etwa das Mobiltelefon an Bedeutung . Ziel ist eine „zweckgerichtete, alle individuellen Ressourcen gezielt nutzende Durchgestaltung des gesamten Lebenszusammenhangs, der in neuer Qualität systematisch auf den Erwerb ausgerichtet ist“ (Voß und Pongratz 2003, S . 25) .

Kritisch hervorzuheben ist insgesamt, dass mit dem Konzept des Arbeitskraftunternehmers umfangreiche physische und psychische Ansprüche an Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer verbunden sind . Durch ungleiche Machtstrukturen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern besteht insgesamt die Gefahr, dass ein struktureller Wandel der Ware Arbeitskraft „eher zur Verschlechterung der Erwerbslagen beitragen“ könnte (Voß und Pongratz 2003, S . 31) . Trotz einer Ausdehnung der Freiräume sowie einer gesteigerten Autonomie am Arbeitsplatz sehen sich die erwerbstätigen Personen einem wachsenden Leistungsdruck ausgesetzt, der ständige Weiterbildung sowie lebenslanges Lernen in den Vordergrund rückt .

Diese Entgrenzungsprozesse von Arbeit sieht auch der ehemalige Direktor für Arbeitsmarktpolitik am Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit, Hilmar Schneider, kritisch . In einem Interview von 2011 mit der Süddeutschen Zeitung erklärt er, dass die Strategie von Arbeitgebern, unternehmerische Risiken auf die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu verlagern, zu einem „Megatrend“ avanciert sei: „Wir kommen aus einer Welt, die durch klare Hierarchien gekennzeichnet war . Diese Struktur löst sich auf . Es wird nicht mehr gesagt, was zu tun ist, es wird das Ergebnis vorgegeben . Wie das zu erreichen ist, bleibt dem Arbeitnehmer überlassen“ (Süddeutsche Zeitung vom 25 .05 .2011) . Dies führe nach Schneider zu einem gestiegenen Risiko des beruflichen Scheiterns und einer Verstärkung von Ungewissheiten . Aus der Perspektive des Individuums lässt sich von einer Subjektivierung von Arbeit sprechen .

 
< Zurück   INHALT   Weiter >