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3 Jugend, Arbeit und Medienkompetenz

Die Affinität der Jugendlichen gegenüber den ‚Neuen' Medien macht eine Paradoxie deutlich: Der Einzug der digitalen Medien in die Arbeitswelt, der häufig für die Erwachsenen, die mit den digitalen Medien nicht aufgewachsen sind, eine bedrohliche Entwicklung markiert, eröffnet für die junge Generation eine Chance, an ihre Potenziale anzuknüpfen . In der Arbeitswelt werden digitale Medien inzwischen quer zu allen Branchen und Berufen eingesetzt; sie sind aus dem Berufsalltag nicht mehr wegzudenken und die gestiegene „Notwendigkeit zur stärkeren Nutzung digitaler Medien wird übereinstimmend von Ausbildungs- und Personalverantwortlichen aller Betriebsgrößen bestätigt“ (BiBB 2013, S . 398) . In diesem Sinn werden sie als unverzichtbare Werkzeuge zur Gestaltung von Arbeitsprozessen bewertet, „deren Leistungsfähigkeit und Anwendungsmöglichkeiten sich in bisher nicht bekanntem Maße kontinuierlich steigern und ausweiten“ (BiBB 2013, S . 383) . Es gilt also, die Medienkompetenz (siehe z . B . Baacke 1996) Heranwachsender zu stärken und dabei an ihren Potenzialen anzuknüpfen . Jugendliche gehen mit der digitalen Technik kreativ und unbefangen um, d . h . für sie gilt nicht, dass sie den Medien einfach ausgeliefert sind . Allerdings fehlen ihrer Form der Medienaneignung und Mediennutzung häufig die Systematik und die Reflexivität, was für alle in Alltagskontexten angeeigneten Kenntnisse und Kompetenzen gilt .

So wird gerade jungen Menschen häufig der Vorwurf gemacht, Medien nicht im Sinne bildungsrelevanter Kontexte zu nutzen, sondern sich von ihnen „umsäuseln“ zu lassen: „Die Jugendlichen umhüllen sich regelrecht rund um die Uhr mit diversen Medien wie Radio, Fernsehen, Internet oder Handy, die meist sogar parallel genutzt werden . Kleine MP3-Player fungieren als mobile Ohrenschnuller, die einen draußen begleiten und umsäuseln“ (Rheingold 2010, S . 6) . Die hier anzutreffende negative Semantik des „Umhüllens“ oder „Umsäuselns“ blendet die aktiven Aspekte ihrer Mediennutzung völlig aus . Als gesellschaftlich legitim wird eine Mediennutzung angesehen, die sich an Erwerbsarbeit orientiert und zwangsläufig auf Bildungszertifikate und institutionell verwertbares Wissen abzielt: „Nur die Medien, die potenziell in der Lage sind, institutionell verwertbaren Informations- und Wissenserwerb zu fördern, erhalten den Status der ‚kulturellen Legitimität' (Kutscher et al . 2009, S . 18), so die vorherrschende gesellschaftliche Vorstellung legitimer Mediennutzung . Aus dieser Perspektive müssen jugendliche Medienaneignung und -nutzung zwangsläufig defizitär erscheinen.

Im Gegensatz dazu gilt es jedoch, die Potenziale junger Menschen, ihre generationale Unbefangenheit gegenüber digitalen Medien zu nutzen und sich auf ihre ‚Lebensbzw . Medienwelt' (Baacke et al . 1991) einzulassen . Die meisten Jugendlichen verfügen bereits über umfassendes technisches Wissen im Sinne einer Anwendungskompetenz, sie können digitale Medien problemlos und intuitiv bedienen, und sind im Gegensatz zu vielen Erwachsenen motiviert, zu experimentieren und neue Dinge auszuprobieren . Eine Förderung der Medienkompetenz Jugendlicher muss daher an deren Kompetenzen und Interessen ansetzen . Ziel der Medienkompetenzförderung sollten Teilhabe an der Gesellschaft, Übernahme von Verantwortung sowie die Gestaltung selbstorganisierter Lernprozesse sein . Dazu zählen auch die spielerische sowie experimentelle Entwicklung und Aneignung von Problemlösungsstrategien . Ein Schwerpunkt ist der Informations- und Erfahrungsaustausch im Netz, der sozial verantwortlich ablaufen sollte, indem die Persönlichkeitsrechte anderer gewahrt und von- und miteinander gelernt wird .

Zusammenfassend ist es notwendig, nicht nur ein neues Modell von Arbeit, sondern auch das heutige Modell von Jugend öffentlich zu diskutieren . Die soziale und berufliche Integration Jugendlicher ist heute komplexer geworden und funktioniert nicht mehr wie noch vor einer Generation . So lässt sich von einer entgrenzten Jugendphase sprechen . Hier muss die Gesellschaft nachjustieren und sich mit diesen Entwicklungen auseinandersetzen . Dabei sollte anerkannt werden, dass die Jugendlichen mit ihren Kompetenzen, die sie schon heute im Umgang mit den digitalen Medien entwickeln, einen wichtigen Beitrag für die soziale und berufliche Integration leisten . Ihre unbefangene und experimentelle Mediennutzung grenzt sich von der älteren Generation ab . An diesem Punkt ist anzusetzen, indem die Potenziale junger Menschen in Bezug auf ihre Formen der Medienaneignung sowie Medienpraxen anerkannt werden . Darauf aufbauend sollte ihre Medienkritik gefördert werden, damit sie ihr Medienhandeln reflektieren und systematisieren. Um dies umzusetzen, müssen aber auch wir Erwachsenen uns eingestehen, dass wir häufig viel mehr von der jungen Generation lernen können als sie von uns.

 
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