Die Studie

Um herauszufinden, welche Faszination High School Musical auf Jugendliche ausübt, welche Funktionen das Film-Musical erfüllt und welche Identifikationsmöglichkeiten es bietet, wurde eine qualitative Studie durchgeführt, in der halbstrukturierte fokussierte Leitfadeninterviews mit Jugendlichen aus Deutschland und den USA geführt wurden . Dabei wurden sie zu ihrer Rezeption von High School Musical befragt, um ihre individuellen und subjektiven Perspektiven auf das Film-Musical zu erfassen . Im Sommer 2012 wurden drei Personen aus Deutschland (Evelyn, Christian und Maria[1]) sowie drei Personen aus den USA (Caitlyn, Britney und Amy) interviewt . Die befragten Jugendlichen hatten alle mehrfach High School Musical rezipiert und waren von diesem Film-Musical bis zum Zeitpunkt der Interviews begeistert . Darüber hinaus waren sie so genannte Echtseher, das heißt zum Rezeptionszeitpunkt wussten sie nicht, dass sie später zu dem Film befragt werden würden . Das Altersspektrum der Erstrezeption lag bei den Befragten zwischen zwölf und 25 Jahren und wird dem Jugendalter zugeordnet . Dabei wird von dem Verständnis ausgegangen, dass das Jugendalter „eine biologisch und entwicklungspsychologisch begründbare eigenständige Lebensphase“ darstellt (Ferchoff 2011, S . 86, Hervorh . im Original), in der körperliche, psychische und sozialkulturelle Entwicklungs- und Reifungsprozesse stattfinden. Der Anfang wird mit dem Einsetzen der Pubertät mit ihren körperlichen, psychischen und sozialkulturellen Entwicklungs- und Reifungsprozesse datiert, das Ende ist weniger eindeutig und wird u . a . durch Heirat und/oder den Berufseintritt markiert . Albert (2010, S . 2) legt diese Altersspanne zwischen zwölf und 25 Jahren fest, Ferchhoff (2011, S . 95) spricht von einer "postadoleszenten Verlängerung der Jugendphase bis 29 oder 35" . In dieser Phase, die auch als ein institutionalisiertes psychosoziales Moratorium bzw . ein gesellschaftlich organisierter pädagogischer Freiraum bezeichnet wird, werden den Jugendlichen nach Havighurst (1975, erstmals 1949) bestimmte Entwicklungsaufgaben zugesprochen . Sein mittlerweile über 60 Jahre altes Konzept wurde von zahlreichen Autor_innen aktualisiert und erweitert (bspw . Hurrelmann 2004 u . a .) . Zu den Entwicklungsaufgaben zählen z . B . das Gewinnen eines stabilen Selbstbewusstseins bzw . einer Ich-Identität, das Akzeptieren der eigenen körperlichen Entwicklung und Erscheinung, die Aufnahme von Peer-Beziehungen und intimer Beziehungen oder das Entstehen eigener Wertorientierungen und Zukunftsplanungen .

Die Jugend zu Beginn des 21 . Jahrhundert war von bestimmten Ereignissen geprägt . Katastrophen wie der 11 . September, der Irakkrieg, der Tsunami im indischen Ozean 2004 sowie diverse Finanz- und Wirtschaftskrisen ließen auf vielen Ebenen Unsicherheiten entstehen und vermehrt die jugendtypischen Fragen nach existentiellen Werten und dem Sinn des Lebens aufkommen . Die Suche nach Sicherheit in der Familie, in der Solidarität und Gemeinschaft und die gleichzeitige Orientierung an Leistung, Spaß und Genuss sind prägend für diese Zeit der Nullerjahre . Vorbilder befriedigen Bedürfnisse in der Jugendphase, die aktuell von immer mehr Ausdifferenzierungen und dem Bedürfnis nach Orientierung geprägt ist (Ferchhoff 2011, S . 325) .

So konnte auch in der vorliegenden Studie eine deutliche Fokussierung der Interviewten in Bezug auf Identifikations- und Orientierungsmöglichkeiten festgestellt werden . Evelyn bspw ., die zu dem Zeitpunkt der Erstrezeption 19 Jahre alt war, beschrieb, dass sie schon länger Disney-Filme rezipierte, aber durch die Anonymität der Zeichentrickfiguren und durch die professionellen Gesangseinlagen entmutigt wurde . „Aber mit High School Musical war es ein Mädchen, was in meinem Alter ist . Sie ist unheimlich hübsch und dann kann die auch noch so singen . Da möchte man schon hin (…) so singen zu können, fände ich schon schön“ (Evelyn, 24 Jahre, Z . 159-166) . Gabriellas Talent nahm Evelyn zum Anlass, selber mit dem Singen anzufangen, sie fühlte sich durch den Film dazu animiert . Aber nicht nur der soziale Vergleich mit Gabriella sowie ihre Vorbildfunktion wurden von Evelyn genannt, sondern sie betonte auch ihre Attraktivität und ihre Intelligenz . So teilte sie mit ihr den Spaß an den (Natur-) Wissenschaften: „Da ich schon ein kleiner Mathefreak bin und auch im Chemie-LK war, ist das auf jeden Fall eine Seite von Gabriella und des Wissenschaftsclubs, die ich bei mir wiedererkennen würde“ (Evelyn, 24 Jahre, Z . 123-126) . Auch der aus Deutschland stammende befragte Christian, zum Zeitpunkt der Erstrezeption 25 Jahre alt, sah gerade in der gescheiten Einzelgängerin Gabriella ein großes Identifikationspotenzial. Parallelen zog er zwischen sich und den „Außenseiter-Nerds . Die Nerds, die gerne lesen und mehr Zeit mit irgendwelchen pop-kulturellen Geschichte verbringen“ (Christian, 30 Jahre, Z . 444-446) .

Auch die Amerikanerin Amy, zum Zeitpunkt der Erstrezeption 14 Jahre alt, konnte sich stark mit Gabriella identifizieren. Sie zog Parallelen zu sich und der Figur und erkannte viele Gemeinsamkeiten . So traute sich Amy lange nicht, ebenso wie die Protagonistin, zu ihrer musikalischen Leidenschaft zu stehen und vor Publikum aufzutreten. Dass Gabriella ihre Ängste bewältigte und ihren individuellen Weg gegangen ist, inspirierte Amy, sodass sie sich ermutigt fühlte, selber auf die Bühne zu gehen und zu singen:

“The reason was because of “High School Musical” when I saw that . Obviously it's a movie so at the time I knew like OK like she can't be that shy if she's in the movie, but she obviously went up and did this thing that the fact that the character got up and sang and did what she wanted to do, that inspired me to follow my dreams and do musicals . So, it changed my life in that all of a sudden I was doing musicals, I was singing, I was dancing (…) It personally meant that I was going to do what I wanted to do for so long in my life . I guess ever since I was young I wanted to sing and dance . And it personally gave me the drive to actually pursue that .”(Amy, 20 Jahre, Z . 570-575) .

Auch die Amerikanerin Caitlyn, zum Zeitpunkt der Erstrezeption 16 Jahre alt, wählte Gabriella als Figur aus dem Film, mit der sie sich am besten identifizieren kann . Durch ihre eigene Situation an der High School, konnte sich Caitlyn gut in die Figur der Gabriella hineinfinden. Sie fand in ihr parallele Charakterzüge, definierte sich selber als introvertiert und als Einzelgängerin:

"She was a little quieter . She was the new girl in school so she didn't really have a lot of friends . And when I was in school I was a fairly quiet person, I had like a couple of close friends ."(Caitlyn, 22 Jahre, Z . 665-666) .

Darüber hinaus teilte sie mit Gabriella und den anderen Teilnehmer_innen der Musical-AG im Film die Leidenschaft fürs Tanzen . Caitlyn tanzte zum Zeitpunkt der Erstrezeption bereits, fühlte sich durch die professionelle Darbietung der Choreografien im Film bestärkt, ihrer Tanzleidenschaft noch intensiver nachzugehen:

„I danced for a good nine years, so that was something that made me want to be better, it made me want to stick out a little more, and work a little harder, because for the characters in the movie, it was something important to them and this was something important to me” .

Auch die Amerikanerin Britney, zum Zeitpunkt der Erstrezeption 14 Jahre alt, teilte mit den Medienfiguren die musikalische Leidenschaft. Sie identifizierte sich „with the group who are into the singing and the dancing and the acting because I have always like the arts and I am a dancer and an actress so to me I can just identify with the love for the arts” . Darüber hinaus bot ihr auch Troy eine Projektionsfläche. So musste sich Caitlyn alterstypisch mit ihrer Identität und der sozialen Distinktion bzw . Integration mit Gleichaltrigen auseinandersetzen, dazu gehörten auch Spannungen und Gruppendruck . Mit diesen Prozessen setzte sie sich auch während der Rezeption von High School Musical auseinander . So sah sich Troy ebenfalls mit diesen Problemen konfrontiert, seine Lösungsansätze boten Caitlyn Identifikationspotenzial:

„It definitely makes me happy to see a boy who´s going against like peer pressure. Wanting to do or having to do what his dad wants and having, all his guy friends to want him to do the same thing as them . Even though they want him to do it he does what he wants to do . He´s not going with everybody else, he´s doing his own thing . Kind of makes me happy to see that . He´s not giving in to peer pressure .”(Caitlyn, 22 Jahre, Z . 647-650)

Weitergehend wurde nicht nur die Figur des Troy Bolton positiv konnotiert, sondern auch der Schauspieler selber . Zac Efron wurde von der aus Deutschlandbefragten Maria, zum Zeitpunkt der Erstrezeption 22 Jahre alt, als attraktiv empfunden und erklärte ihr wiederholtes Ansehen von High School Musical mit ihrer Schwärmerei für seine Person .

Im folgenden Abschnitt werden die Ergebnisse der Interviews mit dem Modell der parasozialen Interaktion verbunden und somit theoretisch eingebettet .

  • [1] Alle Namen sind anonymisiert .
 
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