Menü
Start
Anmelden / Registrieren
Suche
 
Start arrow Pädagogik arrow Ent-Grenztes Heranwachsen
< Zurück   INHALT   Weiter >

4 Parasoziale Interaktion und parasoziale Beziehungen in High School Musical

Jugendliche greifen in ihrer Identitätsbildung verstärkt auf Personen zurück, mit denen sie sich identifizieren und vergleichen können. Identifikationsprozesse können dabei auch durch Medien initiiert und durchlaufen werden . Das audiovisuelle Medium Fernsehen eignet sich dabei besonders gut (Schweiger 2007, S . 126) . Fernsehen ist für Jugendlichen eine alltägliche Beschäftigung, die viele Anreize bietet, sich mit seiner Identität auseinanderzusetzen:

"Medienrezeption, die Wahrnehmung der Welt durch Medien und die Selbstdarstellung (…) sind wichtige Bausteine im Prozess der Identitätsbildung Jugendlicher (…) Medien liefern dabei nicht nur Interpretationsangebote und Vorschläge für mögliche Lebensstile, Handlungsmuster oder Entscheidungsalternativen, sondern es werden ebenso Orientierungen über deren gesellschaftlicher Bewertung vermittelt" (Witzke 2009, S . 129) .

In dem mit Medienfiguren, Personae genannt, aktiv interagiert wird, Vergleichsprozesse stattfinden und emotional auf Personae reagiert wird, finden Identifikationen mit den medialen sozialen Kontakten statt, die unter dem Begriff der parasozialen Interaktion zusammengefasst werden (Hartmann et al . 2004, S . 30) . Studien belegen, dass auffallend häufig mit Medienfiguren parasozial interagiert wird, die überdurchschnittlich attraktiv, intelligent, stark und authentisch dargestellt werden . Ein weiteres Merkmal für parasoziale Interaktionen ist die Obtrusivität und Persistenz der Personae; je häufiger und intensiver eine Auseinandersetzung mit einer Medienfigur stattfindet, desto ausgeprägter finden parasoziale Interaktionen statt. Häufen sich diese Prozesse beim Medienkonsum und finden sie nicht nur temporär, sondern über einen längeren Zeitraum statt, so wird von parasozialen Beziehungen gesprochen (Vorderer 1996, S . 168ff) . Das Eingehen einer "echten" Freundschaft, die Auseinandersetzung mit der Persona und die Begeisterung und Wertschätzung dieser können dazu führen, dass Nachahmungs- und Vergleichsprozesse initiiert (Hoffner und Buchanan 2005, S . 326) sowie Einstellungen, Verhaltensweisen, Aktivitäten und Lebensziele übernommen werden (Feilitzen und Linné 1975, S . 51ff .) .

Bei allen sechs Befragten finden sich Hinweise auf parasoziale Interaktionen bzw. auf parasoziale Beziehungen. Sie identifizierten sich hauptsächlich mit den Protagonist_innen des Film-Musicals, die beide ein hohes Maß an Attraktivität aufweisen, mit ihrer Leistung und ihren Fähigkeiten Konflikte überwinden und im Falle von Gabriella überdurchschnittlich begabt und gebildet sind . Die befragten Rezipient_innen verglichen sich mit den Personae, fanden sich z .T . in ihnen wieder oder sehen sie als Vorbilder an . Eine emotionale Verbundenheit, ein Mitfreuen und Mitleiden mit den Figuren, sind ebenfalls Anzeichen für parasoziale Interaktionen . Da die Rezeption von High School Musical nicht einmalig stattfand, sondern das Film-Musical über einen Zeitraum von mehreren Jahren immer wieder geschaut wurde, konnten die parasozialen Interaktionsprozesse kontinuierlich erfolgen, sodass von parasozialen Beziehungen gesprochen werden kann . Während Christian, Maria, Caitlyn und Britney das Medienprodukt etwa ein halbes Dutzend Mal rezipierten, fallen die Deutsche Evelyn und die US-Amerikanerin Amy mit einer Rezeptionsanzahl mit über 20 Mal besonders auf . Beide befanden sich bei der Erstrezeption im Teenageralter und sehen in der Protagonistin Gabriella eine starke Identifikationsfigur. Während bei allen Befragten Vergleichsprozesse festgestellt wurden, fanden bei Evelyn und Amy darüber hinaus markante Nachahmungsprozesse statt . Sie übernahmen Handlungsweisen, Tätigkeiten und Ziele von Gabriella, in dem sie im Anschluss an das Film-Musical selber in Musicals mitwirkten . Sie versetzten sich in die Figur hinein, sahen ihre Entwicklung im Film als vorbildlich an und wollten es ihr gleichmachen . Hier kann zum einen von einer long-term identification gesprochen werden (Hoffner und Buchanan 2005, S . 326), oder aber auch von einer wishful identification . Unter diesem Begriff versteht man "the desire to be like or act like the character" (dies ., S . 325) . In ihrer Studie konnten Hoffner und Buchanan feststellen, dass die Ähnlichkeit mit den Verhaltensweise und Einstellungen einer Persona den Wunsch verstärkt, sich der Figur anzunähern . Bei weiblichen Personae seien deren Intelligenz und Erfolg, deren Attraktivität im Sinne des herrschenden Schönheitsideals und die Bewunderung durch andere Charaktere im Film für das Maß der wishful identification ausschlaggebend . Diese Attribute lassen sich in der Figur der Gabriella deutlich wiederfinden. Darüber hinaus werden häufig auch die im Film angebotenen Lösungsstrategien als Identifikationsschablone für eigene Konflikte übernommen (Murray 1999) .

Dass die wünschens- und erstrebenswerten Handlungsweisen und Eigenschaften der Personae bei einigen der befragten Rezipient_innen nicht nur in der Fantasie ausgelebt und somit als Probehandeln deklariert werden, sondern das sie in die Realität umgesetzt und übernommen werden, wurde in der Forschung bislang wenig thematisiert . Vor allem Amy fühlte sich durch Gabriellas Entwicklungsprozess animiert, ihre eigene Schüchternheit zu überwinden und auf Bühnen aufzutreten . Des Weiteren fand bei Evelyn eine starke Begeisterung und Wertschätzung der Figuren im Film statt, die sie mit einer "echten" Freundschaft verglich: "Das ist schon fast so: Hey, da sind sie ja wieder! (…) [E]s ist so, dass man das Gefühl hat, die zu kennen" (Evelyn, 24 Jahre, Z . 91-94) .

Das Alter der Rezipient_innen scheint dabei eine signifikante Variable zu sein. Während bei denjenigen verstärkt parasoziale Interaktionen und Beziehungen zu verzeichnen waren, die sich bei der Erstrezeption im Teenageralter befanden, fanden sich bei den Twens Christian und Maria am wenigsten Identifikationspotenziale wieder . Sie waren beide bereits in den Zwanzigern, als sie sich mit High School Musical auseinandergesetzt haben. Sie grenzten sich stärker von der fiktiven Musical-Welt ab und betonen ihre Distanz zum Film . So meinte bspw . Maria: "Also muss ich wirklich sagen, zu irgendetwas inspiriert hat er mich wirklich nicht" (Maria, 26 Jahre, Z . 296-267) . Und auch Christian hatte aufgrund des Filmes keine Veränderungen in den Bereichen Musik oder Hobbies vollzogen: "[Der Film bedeutet mir] eigentlich nicht so viel" (Christian, 30 Jahre, Z . 475-476) . Da die Identitätsbildung im Alter zwischen 13 und 19 Jahren einen besonderen Stellenwert zugesprochen bekommt, ist die Auseinandersetzung mit Medienfiguren in ihrer Intensität in dieser Altersspanne entsprechend nachhaltiger . In der Entwicklungsphase der Pubertät werden verstärkt Orientierungspunkte gesucht, das Bedürfnis nach Vorbildern ist hier besonders hoch . Diese geben Handlungsschemata und Angebote z . B . bezüglich Leistung, Ideale, Erfolge oder Körperlichkeit vor, die Jugendlichen als Schablone dienen und dementsprechend adaptiert werden . Die starke Bindung zu medialen Personen nimmt bei Jugendlichen aufgrund der durch Unsicherheit und Orientierungslosigkeit geprägten Phase der Pubertät einen besonderen Stellenwert ein . Weitergehend wurde High School Musical bei diesen Rezipientinnen oftmals gemeinsam mit der Peergroup gesehen . Eine kollektive Begeisterung, postrezeptive Gespräche und die gemeinsame Rezeption des Soundtracks waren ebenfalls Merkmale, die mit der Faszination des Film-Musicals einhergingen .

 
Fehler gefunden? Bitte markieren Sie das Wort und drücken Sie die Umschalttaste + Eingabetaste  
< Zurück   INHALT   Weiter >
 
Fachgebiet
Betriebswirtschaft & Management
Erziehungswissenschaft & Sprachen
Geographie
Informatik
Kultur
Lebensmittelwissenschaft & Ernährung
Marketing
Maschinenbau
Medien und Kommunikationswissenschaft
Medizin
Ökonomik
Pädagogik
Philosophie
Politikwissenschaft
Psychologie
Rechtswissenschaft
Sozialwissenschaften
Statistik
Finanzen
Umweltwissenschaften