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1 Status Quo

Heute, im Zeitalter von Big Data, stellt sich die Entwicklung umgekehrt dar: Die Möglichkeiten der Datenspeicherung scheinen unbegrenzt und die Menge der Datensätze werden inzwischen in Zettabytes gemessen[1] . „Das amerikanische Marktforschungsinstitut Dataquest hat ermittelt, dass sich in den zurückliegenden 300 .000 Jahren bis 2002 zwölf Exabyte an Informationen angesammelt hatten (ein Exabyte entspricht einer Milliarde Gigabyte), während die nächsten zwölf Exabyte bereits zwischen 2002 und 2004 zusammenkamen“ (Glaser 2013, S . 228) [2] . Etwas anschaulicher stellt der Journalist Clive Thompson diese Datenmenge dar:

„Each day, we compose 145 billion e-mails, more than 500 million tweets on Twitter, and over 1 million blog posts, and 1 .3 million bloc comments on WordPress alone . On Facebook, we write about 16 billion words per day . That's just in the United States: in China, it's 100 million updates each day on Sina Weibo, the country's most popular microblogging tool, and millions more on social networks in other languages worldwide, including Russia's VK . Text messages are terse, but globally they're our most frequent piece of writing: 12 billion per day . How much writing is that precisely? Well, doing an extraordinarily cruce back-of-thenapkin calculation, and sticking only to e-mail and utterances in social media, I calculate that we're composing at least 3,6 trillion words daily, or the equivalent of 36 million books every day” (Thompson 2013, S . 46f .) . Wie geht man mit dieser ungeheuren Menge an Informationen um? Gemeinhin wird Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 – 1716) als das letzte Universalgenie bezeichnet, also als jemand der das Weltwissen in sich versammeln konnte und also auch in der Lage war, die zu seiner Zeit vorliegende Datenmenge zu händeln . Wie die oben skizzierten Daten vermuten lassen, ist im 21 . Jahrhundert kein Mensch mehr dazu in der Lage, das gesamte Wissen der Menschheit zu internalisieren . Spätestens mit der Innovation des TCP/IP Protokolls für das World Wide Web durch Tim Berners Lee im Jahr 1993 scheint eine Internalisierung des Wissens auch nur noch bedingt notwendig[3] . Denn das Internet erlaubt potenziell jedermann Zugriff auf das Wissen der Menschheit und seit der Erfindung des Smartphones im Jahr 2007 prinzipiell an jedem Ort . Wie gesagt, scheint es so zu sein, als bräuchte der Mensch kein Wissen mehr zu internalisieren . Gleichwohl der Mensch im 21 . Jahrhundert aufgrund der neuen Medientechnologien so gut informiert sein kann, wie keine Generation zuvor in der Geschichte, wird er nun mit einem neuen Problem konfrontiert: der Datenflut. Nicht der Mangel an Daten, sondern deren Überfluss stellt heute das zentrale Problem dar . Während konkrete, um nicht zu sagen ‚reale', menschliche Erfahrungsräume nur über eine begrenzte Reichweite verfügen, scheinen mediale Erfahrungsräume nahezu unbegrenzt zu sein: das meiste Wissen, das wir erfahren ist medial vermittelt . Die subjektive Wahrnehmung individueller wie gesellschaftlicher Wirklichkeit wird dabei maßgeblich durch Medien konstruiert . „Medien vermitteln zwischen mir und der Welt und zwischen mir und anderen Menschen . Ohne sie könnte ich weder sie noch die Welt erkennen. Zugleich beeinflussen und prägen Medien diese Wahrnehmung, welche sie selbst ermöglichen . Sie sind nie neutral oder frei von Haltungen und Perspektiven, von Filterungen, Wichtungen und Wertungen“ (Ströhl 2014, S . 14) .

Die mediale Prägung der Welt fordert die Subjekte demokratischer Gesellschaften dazu heraus, sich zu ihr ins Verhältnis zu setzen . In der Folge besteht eine zentrale Kompetenz darin, entscheiden zu können, welchen Informationen ich trauen kann, welchen ich weniger vertraue, welche für mich relevant und welche es nicht sind . Diese notwendige Auseinandersetzung mit Medien ist jedoch kein Novum des 21 . Jahrhunderts, sie steht bereits am Anfang der europäisch-abendländischen Geschichte .

  • [1] Ein Zettabyte entspricht einer Milliarde Terrybytes .
  • [2] Die erwartete Lebensdauer der Datenträger auf denen diese Datenmengen gespeichert werden variiert, abhängig von der jeweiligen Technologie: Bei Büchern gilt die Lebensdauer für mehrere hundert Jahre als gesichert, für Magnetbänder gilt eine Lebenserwartung von 30 Jahren, bei USB Sticks wird vermutet, dass sie 10 – 30 Jahre Lebenszeit zu erwarten haben und für optische Speichermedien wie CD's wird eine Lebensdauer von fünf bis zehn Jahren vermutet (Reder 2012) .
  • [3] „Die ersten PC-Versionen von WWW-Browsern, mit denen man die graphische Anwenderoberfläche des World Wide Web bedient, wurden 1993 vom National Center for Supercomputing Application (NCSA) unter dem Namen Mosaic vorgestellt“ (Sandbothe 1997, S . 60) .
 
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