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2.2 Kritische Betrachtung des institutionellen Jugendmedienschutzes

Dienen die Maßnahmen des Jugendmedienschutzes bei jüngeren Kindern noch als (teilweise akzeptierte) Schutzmaßnahme vor überfordernden Inhalten, werden sie vor allem von Jugendlichen als Begrenzung wahrgenommen . Gelenkt vom Interesse an den unzugänglich gemachten Inhalten wurden stets Wege gesucht, die aufgestellten Hürden zu überwinden . Aus pädagogischer Sicht können diese Bestrebungen als Wunsch zur Grenzüberschreitung betrachtet werden, der sich auch in anderen Lebensbereichen zeigt . Jugendliche Heranwachsende nähern sich in der Phase der Adoleszenz in vielen Lebensbereichen an die Welt der Erwachsenen an . Sie steigern den Grad ihrer politischen Partizipation, sammeln erste sexuelle Erfahrungen und probieren sich auch im Konsum von Genussmitteln aus (BfG 2014; BZgA 2012) .

Damit Jugendlichen keine Entwicklungsbeeinträchtigung droht, wenn sie Inhalte konsumieren, die aus Sicht des Jugendmedienschutzes für sie ungeeignet sind, benötigen sie Medienkompetenz . Da diese Kompetenz „in Vernetzung mit den medialen und nicht-medialen Sozialisationsinstanzen im Laufe der Entwicklung erworben“ (Groeben 2004, S . 32) wird, muss Jugendlichen in adäquater Form die Nutzung von Inhalten möglich sein, die sie durchaus auch herausfordern:

„Auch Medienkompetenz durchläuft Stadien qualitativer Entwicklung, die in Kindheit und Jugend nur im direkten Kontakt mit Medien durchlaufen werden . Das verlangt auch (begrenzte) Kontakte zu problematischen Medieninhalten (wie z . B . mediale Gewalt), allerdings mit einer Flankierung der sozialen Umgebung, die Heranwachsende zu einer Auseinandersetzung mit diesen Medieninhalten führt“ (Sander 2007, S . 57) .

In der Phase der Adoleszenz ist es also nicht notwendig, dass die Maßnahmen des Jugendmedienschutzes ein unüberwindliches Bollwerk darstellen . Es ist zwar meines Erachtens auch nicht bei allen Jugendlichen für ihren Reifungsprozess zwingend erforderlich, problematische Medieninhalte zu konsumieren . Aber wenn sie es tun, sollte der Zugang nicht allzu leicht sein . Den Jugendlichen muss die Grenzüberschreitung bewusst werden, um die Möglichkeit zur Reflexion aufrechtzuerhalten . Dies wird im digitalen Zeitalter allerdings zunehmend schwierig .

2.3 Jugendmedienschutz im digitalen Zeitalter

Bei der Überwindung von Grenzen stehen oftmals die „neuen“ Medien im Fokus . So ging die Etablierung neuer Medienformen in der Vergangenheit oftmals mit „Visionen vom Untergang der bestehenden Medien und damit vom Untergang der Kultur“ (Bundschuh 1999, S . 99) einher . Diese Sorge bezog sich dabei gleichzeitig auf die Beständigkeit der Gesellschaftsordnung und das Wohl der Kinder und eine mögliche Entwicklungsbeeinträchtigung . Die Ablehnung eines neuen Medienphänomens kann dabei aus den „absolut gesetzten kulturellen Sinnhorizonten der jeweiligen erwachsenen Generation“ entstehen und zwischen „angstvollen oder resignativen Untergangserwartungen einerseits und destruktiv-abwertender Kritik andererseits“ schwanken (Krambrock 1998, S . 156) .

Die Regelungen des Jugendmedienschutzes sind jeweils an die Veränderungen anzupassen und mitunter machen neue Medienformen auch neue gesetzliche Regelungen und/oder die Gründung neuer Einrichtungen notwendig (Junge 2013a) . Der institutionelle Jugendmedienschutz sah sich Zeit seines Bestehens mit technischen Innovationen konfrontiert und die Wirksamkeit der Maßnahmen wurde mehrfach auf die Probe gestellt . Aber es ist keineswegs übertrieben, festzustellen, dass die Entwicklungen im Zuge der Verbreitung des Internets zu besonders gravierenden Umwälzungen geführt haben . Seit Jahren wird intensiv über die Wirksamkeit der bestehenden Maßnahmen debattiert und es wird mitunter eine generelle Sinnfrage aufgeworfen .

Verschiedene Studien haben gezeigt, dass Kinder und Jugendliche heutzutage einen leichteren Zugang zu Inhalten haben, die nicht für ihr Alter freigegeben sind (HansBredow-Institut 2007, S . 327 ff .; JIM-Studie 2014, S . 54; KIM-Studie 2012, S . 50; Quandt und Wimmer 2009, S . 180) . Filme, die im Kino oder im Verleih nur schwer zugänglich sind, stehen online zur Verfügung . Allein die bekannte Videoplattform YouTube bietet viele unzählige Filme ohne jede Altersoder Sendezeitbeschränkung an . Darüber hinaus können möglicherweise ungeeignete Computerspiele mit dem entsprechenden Hintergrundwissen online erworben oder konsumiert werden .

Besonders gravierend ist der Wandel hinsichtlich des Konsums von Pornographie . Entsprechende Videoportale sind Heranwachsenden bekannt bzw . sind mittels entsprechender Suchmaschinen leicht zu recherchieren . Und da die meisten Anbieter nicht der deutschen Gesetzgebung unterworfen sind, sind keine Altersverifikationssysteme vorgesehen. Es ist davon auszugehen, dass Jugendliche bzw. Kinder hiervon auch Kenntnis haben und Gebrauch[1] machen . Es besteht also keine bedeutsame Hürde, Pornographie zu konsumieren (Grimm et al . 2010, S . 53, 58) . Hinsichtlich der möglichen Auswirkungen ist zu fragen, ob die vermittelten pornographischen Skripte einen negativen Einfluss auf die Einstellungen zur Sexualität und auf die tatsächlich ausgeübten sexuellen Praktiken haben . So könnte der Konsum der online verfügbaren Pornographie (z . B . „harte“ Pornographie[2]) u . a . zu einem verstärkten sexuellen Leistungsdruck führen und das Bedürfnis nach ungewöhnlichen Sexualpraktiken erhöhen . Die empirischen Studien hierzu erbrachten gegensätzliche Resultate (Junge 2013b) . So gibt es auch Anzeichen dafür, dass Heranwachsende ein Bewusstsein dafür haben, wie realitätsfern die pornographischen Darstellungen sind (Grimm et al . 2010; Starke 2010) und dass sie gut zwischen den Handlungen in Pornos und der eigenen Sexualität differenzieren können (Hoffmann 2009) . Ungewöhnliche Sexualpraktiken wecken hiernach zwar durchaus das (kurzzeitige) voyeuristische Interesse von Jugendlichen, lösen aber überwiegend Ablehnung aus (Grimm et al . 2008, S . 171ff .; Grimm et al . 2010; Starke 2010, S . 26) . Vor diesem Hintergrund und bei isolierter Betrachtung des Jugendmedienschutzes könnte man von einer grenzenlosen Mediennutzung im negativen Sinne sprechen . Und es wäre in der Tat bedenklich, würden alle Kinder und Jugendlichen die skizzierten Möglichkeiten unbegrenzt nutzen . Der Ruf nach stärkeren Maßnahmen darf gleichwohl nicht in den überwundenen bewahrpädagogischen Duktus verfallen . Sicherlich ist es notwendig, den institutionellen Jugendmedienschutz an die vollzogenen Innovationen anzupassen . In diesem Kontext ist zu beobachten, dass die Diskussion in den letzten Jahren auf die Verknüpfung des Jugendmedienschutzes mit medienerzieherischen Maßnahmen fokussierte . So nehmen viele Einrichtungen des Jugendmedienschutzes zunehmend Aufgaben im Bereich der Medienkompetenzförderung wahr .

Weiterhin ist der folgenden Aussage von Sander in vollem Maße zuzustimmen:

„Wenn Kinder nicht mehr umfassend vor den Medien ( . . .) ‚geschützt' werden können, so sollen sie befähigt werden, autonom und bewusst damit umzugehen . Diese Befähigung verspricht Medienkompetenz“ (Sander 2007, S . 56) . Es ist also dafür zu sorgen, dass Kinder und Jugendliche in der Lage sind, in der von Medien geprägten Welt selbstbestimmt und sicher zu agieren . Dies umfasst nicht nur den kompetenten Umgang mit möglicherweise ungeeigneten Inhalten, sondern auch die Nutzung der bestehenden Möglichkeiten zur Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen. Gleichzeitig ist gemäß der Medienkompetenzdefinition von Tulodziecki dafür Sorge zu tragen, dass Kinder und Jugendliche Medien auch sozial verantwortlich nutzen (Tulodziecki et al . 2010) . Sie müssen für die Folgen des eigenen Handelns sensibilisiert werden, da sie sich inzwischen umfassend aktiv im Internet beteiligen: „Partizipation bedeutet auch Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung und entsprechend verantwortliches Umgehen mit den Schutzbedürfnissen anderer, auch Gleichaltriger und Jüngerer“ (Gebel 2011, S . 43) .

Insgesamt ist festzuhalten, dass der institutionelle Jugendmedienschutz keinesfalls überflüssig geworden ist. Altersfreigaben und Sendezeitbeschränkungen sind weiterhin sinnvoll und auch die Bemühungen im Bereich von Jugendschutzfiltern und Kinderschutzsoftware u .ä . sind überaus wertvoll . Auf diese Weise wird weiterhin einer absolut grenzenlosen Mediennutzung entgegen gewirkt .

Gleichsam gilt weiterhin Mikos Hinweis: „Medienerziehung, die zu einem selbstbewußten [sic!] und genußbereiten [sic!], reflektierten und entscheidungsfähigen Umgang mit Medien führt, bietet die denkbar beste Form von präventivem Jugendmedienschutz“ (Mikos 1999, S . 56) . Der Familie kommt hierbei eine besondere Bedeutung zu .

  • [1] Mitunter kann es auch vorkommen, dass Kinder bei der Internetnutzung ungewollt mit pornographischen Inhalten in Kontakt kommen (KIM 2010, S . 38; Grimm/Rhein/ Müller 2010, S . 59 ff . und 145 f .) .
  • [2] Innerhalb des Diskurses wird die Formulierung „qualifizierte“ Pornographie mitunter als Synonym verwendet (Monssen-Engberding 2011, S . 73f .) .
 
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