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3 Medienerziehung im digitalen Zeitalter

Wer die Grenzenlosigkeit der Mediennutzung im digitalen Zeitalter allein aus den (technischen) Möglichkeiten, die sich Heranwachsenden bieten, und den Defiziten des institutionellen Jugendmedienschutzes ableitet, übersieht die Einflussmöglichkeiten der Eltern . Auch wenn die mobile Mediennutzung voranschreitet, findet die Mediennutzung überwiegend innerhalb des Wahrnehmungsbereichs der Erziehungsberechtigten statt (FIM-Studie 2011; JIM-Studie 2014; Junge 2013b) . Dementsprechend können medienerzieherische Maßnahmen ihre Wirkung entfalten und z . T . die Lücke schließen, die durch die Schwächung des institutionellen Jugendmedienschutzes entstanden ist .

Als Medienerziehung gelten vor allem intentionale Aktivitäten (siehe zur indirekten Medienerziehung Six 1990, S . 17), die Kinder und Jugendliche bei der Auswahl, Nutzung, Bewertung und Verarbeitung medialer Inhalte unterstützen . Letztendlich sollten die Maßnahmen bewirken, dass Jugendliche spätestens mit dem Erreichen der Volljährigkeit in der Lage sind, Medien reflektiert und selbstverantwortlich zu nutzen . Im digitalen Zeitalter gehört die Medienerziehung zu den wichtigen Aufgaben von Eltern (siehe zu weiteren Instanzen der Medienerziehung Junge 2013b, S . 140ff .) . Sie nehmen eine Schlüsselrolle ein: „Aufgrund der Bedeutung des Medienwandels und der Aneignungsprozesse durch die Kinder und Jugendlichen und den damit verbundenen Chancen und Risiken sind Eltern aufzufordern, mehr Verantwortung zu übernehmen“ (Breiter et al . 2010, S . 283) . Allein schon die technische Ausstattung ist Teil des medienerzieherischen Handelns . So müssen Eltern entscheiden, zu welchem Zeitpunkt welche Geräte angeschafft werden und wo diese Geräte platziert werden . Bei der Anschaffung von Mobiltelefonen ist bspw . zusätzlich zu entscheiden, ob ein Smartphone gekauft wird, ob die mobile Internetnutzung möglich sein soll und ob ein Pre-Paid-Modell zur Eindämmung der Kosten gewählt wird .

Darüber hinaus ist der Umgang mit Medien entscheidend . Um möglicherweise schädlichen Einflüssen vorzubeugen, können in Familien verschiedene Regeln zur Mediennutzung formuliert werden . Diese Vorgaben können sich bspw . auf die zeitliche Dauer, die zu nutzenden Inhalte (z . B . Anschaffung von Computerspielen) oder die entstehenden Kosten (insb . bei der Nutzung von Mobiltelefonen) beziehen . Begleitend hierzu gibt es verschiedene medienerzieherische Maßnahmen wie z . B . die Begleitung und Kontrolle der Mediennutzung . Hierzu können auch technische Hilfsmittel wie Jugendschutzfilter herangezogen werden.

Empirische Studien haben gezeigt, dass Eltern den skizzierten Herausforderungen in unterschiedlicher Form begegnen (siehe u . a . FIM-Studie 2011; Friedrichs et al . 2014a und 2014b; Junge 2013b; Kammerl et al . 2012; Röhr-Sendlmeier et al . 2008; Steiner und Goldoni 2011) . Das medienerzieherische Erziehungsverhalten kann differenziert werden hinsichtlich der Gewährung von Freiräumen, der Erlaubnis zur Nutzung bestimmter Medienformen, der Durchführung kontrollierender und behütender Maßnahmen sowie der Sicherheit im Medienerziehungshandeln . Im Rahmen einer eigenen Studie[1] konnte festgestellt werden, dass Eltern verschiedene Wege wählen, um Informationen über die Mediennutzung ihrer Kinder zu erhalten . So vertraute die Mehrheit der Befragten auf einen Mix aus Gesprächen mit den Kindern und der Beobachtung ihres Verhaltens .

Bemerkenswert ist, dass sich die medienerzieherischen Maßnahmen von Eltern offensichtlich nicht (nur) auf die Nutzung ungeeigneter Inhalte fokussieren . Rassistische sowie (je nach Alter des Kindes) gewalthaltige und pornographische Medieninhalte zählen zwar zu den unerwünschten Inhalten . Aber gleichzeitig versuchen Eltern auch darauf zu achten, dass eine zeitlich übermäßige Mediennutzung, zu hohe Kosten sowie Schäden am Computer durch Viren verhindert werden . Darüber hinaus möchten viele Eltern ihre Kinder vor dem Kontakt zu Fremden oder unangenehmen Erlebnissen mit online hergestellten Kontakten bewahren (Junge 2013b; Steiner und Goldoni 2011) .

Insgesamt ist festzuhalten, dass Medienerziehung zu einer fortwährenden Erziehungsaufgabe geworden ist . In Abhängigkeit vom Alter der Kinder und ihren Nutzungsgewohnheiten müssen Eltern medienspezifische Lösungen für unterschiedliche Situationen finden. Darüber hinaus hat u. a. die von mir durchgeführte Elternbefragung gezeigt, dass Medienerziehung mit der allgemeinen Vermittlung von Werten einhergehen kann . Für manche Eltern ist es wichtiger, auf die Vermittlung von Werten zu setzen, als die Internetnutzung übermäßig zu kontrollieren . Zudem ist im digitalen Zeitalter auch ein generational bedingter Kompetenzunterschied hinsichtlich der Nutzung online-basierter Medien beobachtbar . Mitunter sind die Heranwachsenden ihren Eltern technisch überlegen, was die Einrichtung einer technisch basierten Barriere durchaus erschweren kann (Junge 2013b) .

Obschon einige Eltern sicherlich noch Informations- und Unterstützungsbedarf haben und im Vergleich zu ihren Kindern geringere Kompetenzen hinsichtlich der technischen Bedienung aufweisen (Junge 2013b, S . 199), kann meines Erachtens angesichts der vorliegenden Daten aber nicht von einer Grenzenlosigkeit der Mediennutzung gesprochen werden . Kinder und Jugendliche haben zwar prinzipiell mehr Wege, potenziell ungeeignete Inhalte zu nutzen – aber nicht alle Heranwachsenden können und wollen diese nutzen .

  • [1] Im Rahmen einer qualitativ ausgerichteten Studie habe ich das Medienerziehungshandeln von Eltern untersucht, deren Kind(er) zum Zeitpunkt der Befragung zwischen 14 und 16 Jahren alt war(en) . Insgesamt wurden 14 Elternpaare dazu befragt, welchen Stellenwert medienpädagogische Themen in ihrem Familienalltag haben und welche Regeln und Maßnahmen der Medienerziehung vorherrschen .
 
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