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4 Ungewollte Grenzenlosigkeit zum Nachteil der nachfolgenden Generation?

In einer vereinfachenden Sichtweise könnte man sagen, dass der Jugendmedienschutz, solange er seine volle Wirkung entfalten konnte, den Heranwachsenden deutliche Grenzen aufzeigte und somit von der medienvermittelten Erwachsenenwelt fernhalten konnte . Mit der digitalen Revolution sind diese Ketten (um im Bild zu bleiben) gesprengt und der Zugang zur Erwachsenenwelt in vielerlei Hinsicht möglich . Auch dem Drang nach Selbstdarstellung sind kaum Grenzen gesetzt . Ebenso wenig sind die Tabu-Bereiche Gewalt und Sexualität noch geschlossene Bereiche . Insbesondere Sexualität dringt nun stärker und früher in die Lebenswelt von Jugendlichen . Phänomene wie Online-Dating und Sexting sind die feststellbaren Folgen (Döring 2012) . Dem Ausprobieren – ebenfalls ein Kernelement von Jugend – sind kaum Grenzen gesetzt . Zur gleichen Zeit sind aber auch stabilisierende und durchaus sinnvolle Grenzen weggefallen .

Die veränderten Gegebenheiten im digitalen Zeitalter erleichtern es Heranwachsenden nicht nur die Grenzen, die ihnen durch die Maßnahmen des institutionellen Jugendmedienschutzes aufgezeigt werden, zu überwinden . Gleichzeitig sind sie mit einer Grenzenlosigkeit konfrontiert, deren Auswirkungen noch nicht präzise bestimmt werden können und die ihnen unter Umständen ungewollt zum Nachteil geraten . Im folgenden Abschnitt werden hierzu einzelne Aspekte näher beleuchtet .

4.1 Cybermobbing

Vollkommen zu Recht stellt Röll die Vorzüge der neuen Selbstdarstellungsmöglichkeiten heraus . Angesichts der wahrnehmbaren Veränderung gesellschaftlicher Strukturen bieten Soziale Netzwerke nach seiner Einschätzung Räume, „um die unterschiedlichen Identitätsprojekte aus den jeweiligen Lebenswelten miteinander zu verknüpfen“ (Röll 2008, S . 130) . Mittels der unterschiedlichen Formen der Online-Kommunikation haben Jugendliche die Chance, sich selbst zu erproben, und sie können sich im Spiel mit der Selbstdarstellung verschiedene Identitätsräume schaffen (Schmidt et al . 2009) . Insbesondere Soziale Netzwerke stellen mit ihren „Präsentations- und Kommunikationsmöglichkeiten“ bedeutsame Räume für die „Entwicklung einer sozial anerkannten und subjektiv stimmigen Persönlichkeit“ (Schorb et al . 2010, S . 40) dar . Durch die fehlenden Grenzen ergibt sich ein onlinebasierter Freiraum, der frei von elterlichen Beschränkungen genutzt werden könnte (siehe zur Identitätskonstruktion im digitalen Zeitalter Ganguin und Sander 2008) .

Hinsichtlich des institutionellen Jugendmedienschutzes stellen Soziale Netzwerke wie Facebook neuartige Freiräume dar . Die klassischen Instrumente Altersfreigaben und Sendezeitbeschränkungen entfalten hier nicht ihre vormals feststellbare Wirksamkeit . Stattdessen sind sich die (jugendlichen) Nutzer weitgehend selbst überlassen .

Das digitale Zeitalter zeichnet sich in eklatanter Weise durch die Überwindung von Raum und Zeit aus . In der Vergangenheit erreichten Fehltritte von Jugendlichen eine begrenzte Öffentlichkeit, die sich üblicherweise auf die Klasse, die Schule, die direkte Nachbarschaft oder zumindest den Ort beschränkte . Zeitlich betrachtet verblasste die Erinnerung irgendwann und Ereignisse gerieten in Vergessenheit . Diese beiden Merkmale machten Jugend zu einem Schonraum . Aber wie gestaltet sich dies nun für Jugendliche im digitalen Zeitalter? Es stehen ihnen mannigfaltige Möglichkeiten zur (mehr oder weniger expressiven) Selbstdarstellung zur Verfügung . Die Reichweite kann zwar bei entsprechenden Sicherheitseinstellungen begrenzt werden – aber dies würde ja der Intention nach einem ‚großen Publikum' widersprechen .

Gleichsam ist zu prüfen, wie sich die zeitliche Grenzenlosigkeit auswirkt . Fotos, Videos und Textbeiträge, die man im Internet veröffentlicht, können dort prinzipiell dauerhaft gespeichert sein . Somit wären diese Inhalte auch nach Jahren noch für eine große Öffentlichkeit verfügbar . Mit jeder Veröffentlichung geben die Online-NutzerInnen auch ein Stück der Kontrolle ab . Dank der Digitalisierung können Inhalte durch andere kopiert, gespeichert und verbreitet werden .

An verschiedenen Stellen werden diesbezüglich Sorgen formuliert: „Viele ältere Mitbürger haben datenrechtliche Bedenken gegenüber Communities, die sich das Recht auf Inhalte sichern und kommerzielle Interessen verfolgen . Eltern und Lehrkräfte fürchten, dass z . B . Party-Bilder später negative Folgen für ihre Kinder bzw . Schüler(innen) haben könnten“ (Eberle 2013, S . 61) . Gleichzeitig bleibt es im aktuellen Diskurs mitunter etwas diffus, wie diese negativen Folgen der dauerhaften digitalen Spuren konkret aussehen können .

Die räumliche und zeitliche Grenzenlosigkeit des Medienhandelns wird gegenwärtig vor allem im Kontext von Cybermobbing diskutiert . Fanden Streitigkeiten zwischen Kindern und Jugendlichen in der Vergangenheit hauptsächlich an klar abgrenzbaren Orten (in der Klasse, auf dem Schulhof, auf dem Sportplatz, im Dorf) und für eine bestimmte Dauer statt, so verlagert sich dies zunehmend in die Online-Welten . Um andere zu beleidigen, zu diffamieren oder auszuschließen verwenden Heranwachsende heutzutage auch Online-Medien . Problematisch ist hierbei, dass die MobberInnen mit ihren Aktionen ein ungleich größeres Publikum erreichen . Hierdurch kann eine Eigendynamik entfaltet werden, die weder vom Opfer noch vom Täter dauerhaft kontrolliert werden können und für das Opfer kann hieraus eine besondere Belastungssituation resultieren . Darüber hinaus sind die Diffamierungen und Beleidigungen unter Umständen nicht ohne Weiteres zu entfernen und haben dauerhaft Bestand (siehe vertiefend Fawzi 2009; Katzer 2014; Pieschl und Porsch 2014; Sticca et al . 2013) .

 
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