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3 Kritische Perspektiven

Die dargestellten Entwicklungen des politischen Diskurses operieren mit einem Begriff von Mobilität, der wie bereits an mehreren Stellen erwähnt, in mehrfacher Hinsicht verkürzt und ideologisch aufgeladen wird . Insofern schließt der Beitrag mit fünf kritischen Schlaglichtern in Bezug auf eine „zu mobilisierende“ Jugend .

3.1 Mobilität als Ideologie

Während Isabella und Mandich (2014), wie oben dargestellt, Mobilität als „kulturelles Skript“ einordnen, geht Brodersen einen Schritt weiter und identifiziert eine „Ideologie der Mobilität“ . Diese Ideologie, so Brodersen, setze Individuen unter Druck, mobil sein zu müssen, weil davon soziale Positionierungen und der Zugang zu bestimmten Ressourcen abhängen; Sesshaftigkeit dagegen werde abgewertet . Dabei gelte dieser Druck aber nicht für alle Arten von Mobilität und betreffe nicht alle Individuen in gleichem Maße (Brodersen 2014, S . 93f .) . In Anlehnung an den Politikwissenschaftler Rousseau identifiziert sie „the mobile body […] as the structuring metaphor of neoliberal capitalism, which leads to the creation of 'mobile space' and to the sanctioning of spatial immobility” (ebd ., S . 95) .

In ihrer qualitativen Studie über junge Menschen, die ein Praktikum bei der Europäischen Kommission absolvieren, Erasmus-Studierende und belgische Studierende in Brüssel kommt Brodersen zu dem Schluss, dass der dominante Mobilitäts-Diskurs zwar als Ausgangspunkt eines wahrnehmbaren Drucks benannt, sein Einfluss auf die eigene Entscheidung für oder gegen Mobilität jedoch geleugnet wird . Die eigene Mobilität wird normativ aufgewertet: Menschen mit Mobilitätserfahrung werden als interessanter und offener eingeschätzt, während zugleich betont wird, man wolle Sesshaftigkeit keinesfalls abwerten . Zudem ist eine Unterscheidung zwischen guter und schlechter Mobilität zu beobachten, wobei letztere sich durch extrinsische, nicht ausreichend authentische, strategische und utilitaristische Motivation auszeichnet . Diese Unterscheidung ist dabei auch unter den nicht-mobilen Befragten zu finden, die damit ihre eigene Ortsgebundenheit legitimieren (ebd ., S . 105) . Aus Sicht von Brodersen ist die Ideologie der Mobilität eingebettet in eine übergreifende Ideologie der individuellen Eigenverantwortlichkeit, damit werde Mobilität zu einem Instrument der Kontrolle, der Qualifizierung und Aufwertung der eigenen Person (ebd .) .

 
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