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3.2 Mobilisierung der jungen Bevölkerung für wirtschaftliches Wachstum

Sehr deutlich nachzulesen ist die zunehmende Objektivierung junger Menschen in der Sprachwahl der europäischen Programmatiken . Indem junge Menschen als Humankapital markiert werden, werden sie von subjektiven und emotionalen Einflüssen befreit und auf ihren Beitrag und ihr Investitionspotenzial reduziert. In kritischer Perspektive soll hier verwiesen werden auf die „Entdeckung des Humankapitals“ durch die Diagnose unausgeschöpften Humankapitals in europäischen Gesellschaften: „Clearly there exists an often large, untapped productive reservoir“ (Esping-Andersen 2002, S . 94) . Die Folge ist eine politisch-soziale Subjektivierungsprogrammatik „die weckt, was in dir steckt“ (Lessenich 2009, 2012; Denninger et al . 2014) .

Die EU Kommission markiert in ihrer jugendpolitischen Strategie diesen Zusammenhang bereits im Titel „Investition und Empowerment“ . Hier wird eine sozialpolitische Unterfütterung der Bildungs- und Jugendpolitik zwar gefordert, doch mit Bezugnahme auf die „Verschwendung von Humankapital“ begründet . Die Strategie stärkt die Jugendarbeit als wichtigsten non-formalen Bildungsakteur, legt sie jedoch gleichsam auf ihren ökonomischen Beitrag zur Bildung von Humankapital fest (Walther und Stauber 2011, S .10) .

Die Nachfolgestrategie „Europa 2020“ betont, dass eine wirtschaftliche Haushaltsführung – Effizienz, Effektivität, Sparmaßnahmen – im Bereich der öffentlichen Ausgaben zunehmend wichtig geworden ist . Der Fokus auf Wachstum (auch wenn mit Attributen wie „smart, sustainable and inclusive growth“ versehen) verrät den Entstehungszusammenhang der sogenannten Finanzkrise und verweist gleichzeitig darauf, dass die skizzierten Tendenzen und Ambivalenzen keinesfalls abnehmen (Europäische Kommission 2010b) . Bildung, Mobilität oder lebenslanges Lernen werden vor allem als ökonomisch funktionales Mittel zur Qualifizierung für den Arbeitsmarkt im Sinne einer Investition in Humanressourcen verstanden (Hacker und Van Treeck 2010, S .3) . Die verstärkte produktivistische Sicht nimmt das unausgeschöpfte Potenzial der Jungen, Frauen, Alten und auch Migrant_innen[1] in den Blick, deren Ressourcen genutzt werden müssen, um zukünftigen Wohlstandseinbußen, schleppendem Wachstum, hohen Arbeitslosenzahlen, sozialen Spannungen und einer „relativen Bedeutungslosigkeit Europas auf der Weltbühne“ (Europäische Kommission 2010b, S .10) entgegenzutreten (Chehata und Thimmel 2015) .

  • [1] Dass hier nur bestimmte Migrant_innengruppen gemeint sind und andere damit implizit ausgenommen, zeigen die gleichzeitig stattfindenden Bundes- und Europapolitischen Maßnahmen zur Verschärfung von Asylgesetzen, dem Ausbau der organisierten Abwehr von Flüchtlingen oder dem Gesetzentwurf über die sogenannten sicheren Herkunftsstaaten .
 
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