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3.3 Mobilität und Ungleichheit

Ein weiteres Ergebnis der bereits zitierten Studie von Brodersen ist, dass Mobilität einerseits den Zugang zu Ressourcen und Positionen beeinflusst, zugleich aber der Zugang zu Mobilität extrem ungleich verteilt ist (Brodersen 2014, S . 95) .

Zu diesem Ergebnis kommen auch Isabella und Mandich, die zudem darauf hinweisen, dass der Anspruch des „Empowerments“ hin zu Mobilität junger Menschen nicht unbedingt eingelöst wird: „In other words, an abstract and universal model of mobility risks missing the target of really empowering and not merely fostering mobility in Europe“ (Isabella und Mandich 2014, S . 60) .

Finger fragt in ihrer Studie danach, ob die Dimension sozialer Ungleichheit auch Bestandteil institutioneller Mobilitätsmodelle, beispielsweise des BolognaProzesses, ist . Ihre Dokumentenanalyse ergibt, dass soziale Inklusivität als abstrakte Zielsetzung zwar benannt, aber nicht bearbeitet wird, weil die Zuständigkeit dafür im nationalen Kompetenzbereich liegt und im weichen und formal unverbindlichen Modus der EU-Politik im Jugend- und Bildungsbereich nicht verordnet werden kann . Sie kommt zu dem Schluss, dass „auf europäischer Ebene – trotz des generellen Bemühens um eine Stärkung der europäischen Identität und Kohäsion – ökonomische Argumente einen höheren Stellenwert haben“ als soziale (Finger 2014, S . 42) . Offenbar sind also die Möglichkeiten und vielleicht auch der tatsächliche Wille zur Beseitigung der mit Mobilität verbundenen Ungleichheiten seitens der EU begrenzt .

3.4 Mobilität, Migration und Flucht

Der Mobilitätsbegriff, wie er im Kontext der EU-Jugendstrategie verwendet wird und in den öffentlichen Diskurs über Jugendarbeit diffundiert, ist wie oben dargestellt in mehrfacher Hinsicht ideologisch aufgeladen und ökonomistisch verengt .

Zum Einen impliziert er die Nicht-Sesshaftigkeit als gegenteiligen Modus, wobei Mobilität positiv, Sesshaftigkeit dagegen negativ konnotiert ist . Zweitens wird Mobilität als eine letztlich der individuellen und freien Entscheidung unterliegende Möglichkeit subjektiver Lebensgestaltung angenommen . Damit tritt drittens eine weitere Verkürzung des Begriffs zutage: Migration als zentrale (und zahlenmäßig weitaus relevantere) Form von Mobilität wird nicht mitgedacht und im Unterschied zum dominanten Mobilitätskonzept nicht als positiv, sondern als in hohem Maße problematisch und kontrollbedürftig betrachtet . Dies gilt in noch verstärktem Maße für die Mobilität der Flucht, in deren Zusammenhang das Gegenteil dessen passiert, was im Mobilitäts-Diskurs verhandelt wird: Menschen werden mit Gewalt am Überschreiten von Grenzen gehindert, ihr Tod beim Versuch der Überwindung der Grenzen in Kauf genommen, ihre (häufig unfreiwillige) Mobilität wird öffentlich als Gefährdung kommuniziert und kriminalisiert und ihre individuelle Freizügigkeit innerhalb Europas stark beschnitten (bspw . durch die Residenzpflicht und weitere Regelungen im Zusammenhang mit dem Duldungsstatus) . Die politische Rede von Internationalität, Transnationalität und Mobilität blendet die durch Kriege, Krisen und Armut erzwungene Mobilität und Flucht in der Gegenwart und Zukunft aus und de-thematisiert damit gewaltvolle Eingriffe zur Verhinderung von Mobilität durch europäische und nationale Politiken .

 
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