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3 Intersektionalität – eine kritische Perspektive durch und auf den Ansatz

Intersektionalität thematisiert die reziproken Zusammenhänge zwischen Mehrfachdiskriminierungen und ihre Folgen . Wechselwirkungen von Differenzkategorien im Erleben Betroffener werden in den Fokus gesetzt und analysiert . Eine hierbei entstehende Sensibilisierung für die individuelle Lebenssituation Einzelner sollte als Hintergrundfolie und gesellschaftskritische Perspektive im pädagogischen Rahmen, aber auch als gesellschaftliche Querschnittsaufgabe angesehen werden . Das Wirken von Differenzkategorien auf verschiedenen Ebenen des Zusammenlebens führt zu einer ständigen Reproduktion und Verfestigung lang tradierter Machtpositionen, die Menschen in verschiedenen Lebens- und Gesellschaftsbereichen zu Bevoroder Benachteiligten werden lässt . Erlebte Vorzüge werden im Gegensatz zu Benachteiligungen häufig nicht als solche wahrgenommen, müssen jedoch für eine Machtumverteilung hin zu einer weniger ausschließenden Gesellschaft, transparent und bewusst werden . Die Fokussierung dieser Machtstrukturen und der Blick auf verschiedene Differenzkategorien aus dem Bereich des Klassismus, Rassismus, Sexismus, etc . und ihre Wechselwirkungen unterlaufen hierbei der Gefahr, dass mit dieser Perspektive Differenzkategorien erneuten Raum und Bestätigung erfahren, anstatt die Absurdität etlicher Kategorien und Einteilungen, die gesellschaftliche Realität schaffen, zu offenbaren . Nichtsdestotrotz besteht diese kategoriale gesellschaftliche Realität mit samt ihren Folgen für Betroffene von Rassismus, Sexismus, Klassismus, Bodyismus, etc . und muss benannt und bearbeitet werden (Yuval-Davis 2010) . Das Miteinander Denken von Differenzlinien auf verschiedenen Ebenen der Gesellschaft und des gesellschaftlichen Zusammenseins ist gleichzeitig Teil des Implementierens von Differenzierungen, als auch der Beginn ihrer Aufarbeitung . Folglich kann der intersektionale Grundgedanke als Hintergrundfolie für individuelles Handeln und Perspektiven auf Gesellschaft sehr hilfreich sein, um Differenzfolien und ihre Folgen zu berücksichtigen und sich in einen Prozess der Sensibilisierung für die Gleichzeitigkeit des Wirkens von Ungleichheiten zu begeben .

Die gesellschaftlich normierte Verkörperung des Körpers beginnt beispielsweise im gesellschaftlichen Diskurs unabhängig von im Einzelfall erlebtem Geschlecht . Das Geschlecht besteht somit durch die Vergeschlechtlichung, sodass wir keinen Körper ohne gesellschaftlichen Diskurs kennen . Die Anrufung des Geschlechts beginnt bereits im Mutterleib, sodass jedes weitere Handeln des heranwachsenden Kindes unter dieser Brille gedeutet wird . Sogar im Mutterleib werden beschriebene Erlebnisse mit dem ungeborenen Kind der Mutter in das binäre Konstrukt männlich – weiblich gepresst und unter dieser Prämisse analysiert (Butler 1991, S . 201ff .) .

Weitere Differenzkategorien regeln im Folgenden die Perspektive auf das Kind und bestimmen auch über für sie_ihn angedachte mögliche Lebenswege . Der Ansatz der Intersektionalität hilft diese Konstrukte zu öffnen, während er sich jedoch auch der Gefahr der Beliebigkeit und eigenen Konstruktionsprozessen von Kategorien widmen muss . „Die Hervorhebung der Verknüpfung sozialer Kategorien ohne machtkritischen Impetus ist für sich demnach noch keine intersektionale Perspektive“ (Walgenbach 2010, S . 249f .) . Zudem müssen innerhalb einer Analyse auch immer verschiedene Wirkebenen betrachtet werden . Gesellschaftliche Machtverhältnisse müssen hierbei folglich immer eine zentrale Rolle spielen (Walgenbach 2010, S . 252ff .) .

Die Ordnung und Festlegung der Kategorien führt jedoch automatisch zur Eingrenzung der Perspektive . Diskussionen rund um Hierarchisierungen sind Teil der Differenzierung an sich, sodass eine intersektionale Analyse sich ständig selber verkürzt und erweitert werden muss. Die Rassifizierung, Klassifizierung, Vergeschlechtlichung etc . geht zum Einen im etc . selber unter und zum anderen in dem Versuch Differenzen und ihre Wechselwirkungen auf einen Analysemoment zu reduzieren und zu kategorisieren . . Perspektiven auf Differenzierungskategorien verschleiern Prozesse des Werdens und der Teilhabe in genau diesem gewachsenen System . Verkürzungen und Reproduktionen sind Grundvorrausetzung für eine solche Forschung . Gesellschaft im Sinne einer Entstrukturierung ist nur über eine Orientierung an vorangehenden gesellschaftlichen StrukturierungsDifferenzierungskategorien möglich, sodass sie wiederum Teil des Werdens und Seins von Differenzierungskategorien sind . „Das vieldiskutierte Hauptproblem aller Analysen in dieser Perspektive besteht darin, wie man der Komplexität der Vermittlungen analytisch gerecht werden kann, ohne in deterministische oder funktionalistische Sichtweisen zurückzufallen“ (Knapp 2010, S . 231) . Nichtsdestotrotz bleibt der Ansatz hilfreich, um sich zum Einen ungerechten, lang tradierten gesellschaftlichen Strukturen kritisch zu nähern, sie transparent und somit auch bearbeitungsfähig zu machen und zum anderen um ihn ergänzt von weiteren Ansätzen aus den Bereichen der Critical Whiteness-, Queer-, Postcolonial-, Cultural Studies u . a . als Hintergrundfolie für eine sensibilisierte Haltung zu nutzen, die Individuen und ihre unterschiedlichsten Lebensrealitäten und ihre Folgen von gesellschaftlichen Macht- und Teilhabeungleichheiten in den Vordergrund rückt . „Folglich stehen intersektionale Analysen vor der Herausforderung, die komplexe Gleichzeitigkeit von Wandel und Beharrungsvermögen sozialer Ungleichheitsverhältnisse an der Schwelle zum 21 . Jahrhundert auszuloten“ (Walgenbach 2010, S . 254) .

 
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