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4 Der Ansatz der Intersektionalität in der internationalen Jugendarbeit

In der internationalen Jugendarbeit besteht eine Präsenz landesspezifischer Vorurteile und Stereotype . Diese kann durch die Anregung einer auf Individuen basierenden Perspektive aufgebrochen oder auch bei mangelnder Reflexion gestärkt werden . Ein sensibilisierender Ansatz, der diese Denkstrukturen offen legt und reflektiert erscheint folglich gerade in diesem Feld unabdingbar. Diversitätsbewusstes Arbeiten sollte zudem als Querschnittsaufgabe für alle pädagogischen Felder gedacht werden . Auf das Feld der IJA bezogen bedeutet dies, dass sowohl die Planungen und Vorbereitungen als auch die Durchführung mit Hinblick dieser Hintergrundfolie laufen sollten . Wer fühlt sich angesprochen/ wird angesprochen und wer nicht. Wo befinden sich versteckte Schließmechanismen, an wen richtet sich das Programm, haben Teilnehmende ein Mitspracherecht, werden kulturalisierende Aspekte reproduziert, etc .

Beispielsweise repräsentiert die in der Geschichte und bis heute häufig verwendete Methode der Länderabende, an denen die verschiedenen Teilnehmer_innen ihr Land aus dem sie angereist sind, vorstellen sollen, ein hegemonial weit verbreitetes Bild von der Funktion internationaler Jugendbegegnungen . Hierbei werden häufig Vorurteile und Stereotype genutzt, um etwas Landspezifisches zu präsentieren, was jedoch mit den jugendlichen Teilnehmer_innen häufig wenig gemein hat und diese aus ihrer Individualität nimmt und sie zu Stellvertreter_innen eines Landes macht . Die Methode der Länderabende kann jedoch unter kritischer Perspektive abgewandelt und nutzbar gemacht werden, sodass Bedürfnisse von Teilnehmenden ernst genommen und trotzdem Stereotype keine Reproduktion erfahren und hinterfragt bzw . dekonstruiert werden . Das Umlenken und neu Denken alter Denk- und Handelsstrukturen kann hierbei als große Chance einer internationalen Jugendbegegnung angesehen werden . Eisele et al . (2008) betrachten die Methode der Länderabende ebenfalls als sehr kritisch und denken sie unter diversitätsbewusster Perspektive neu . Sie betonen, dass die Vorstellung von Nationalkulturen, die sich treffen und austauschen, das machtvolle Bild von homogenen Gruppen repräsentiert, die ihr jeweiliges Heimatland vertreten . Mehrfachzugehörigkeiten werden hier nicht mitgedacht . Die Absurdität der Frage nach Herkunft verdeutlicht auch Mysorekar, der folgende Aussage trifft: „Was soll ich meiner Tochter über ihre Identität sagen? Sie sei indo-anglodeutsch-afro-italoargentinisch? Macht das Sinn?“ (Mysorekar 2007, S . 162) . Er führt hiermit die Methode der Länderabende ad absurdum . Um diese Methode aus der Ebene der Verkürzungen und Repräsentationen zu holen, muss Raum geschaffen werden, um widersprüchliche Sichtweisen auf Länder zuzulassen . Die Teilnehmenden sollen folglich nicht dazu angeregt werden Bilder und Vorurteile zu einem Land darzustellen, sondern ihre eigenen Bezüge und Verhältnisse zu ihrer Lebensumgebung . Hierbei sind Mehrfachzugehörigkeiten und Widersprüche Normalität . Somit rücken individuelle Sichtweisen in den Vordergrund anstelle von nationalen Bildern .

Ein weiteres Dilemma, dass es zu durchbrechen gilt und mit Hilfe einer dekonstruktiven Perspektive geöffnet werden kann, ist im Bereich der Teilhabesituation zu finden.

„Jugendliche und junge Erwachsene aus „bildungsfernen“ Milieus, Schüler und Schülerinnen von Haupt- und Realschulen sowie Jugendliche mit Migrationshintergrund sind selten Teilnehmende an Aktivitäten der internationalen Jugendarbeit“ (Thimmel 2012, S . 133) .

Diese Erkenntnis zeigt zum Einen Schließmechanismen in Zugangsbereichen von Projekten den Internationalen Jugendarbeit, die u . a . an der Komm-Struktur vieler Projekte liegt, und birgt zum Anderen Gefahr Etikettierungsprozesse durch die Jugendarbeit und auch ihre Förderrichtlinien zu vollziehen und somit Stereotype zu bestätigen .

Die beispielsweise Nennung von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte im Zusammenhang einer geforderten Unterstützung arbeitet mit dem Gedanken, dass ein Förderungsbedarf unhinterfragt besteht . Um nicht im pädagogischen Setting die gleiche fordernde und häufig defizitorientierte Vorgehensweise wie im bundesdeutschen Integrationsdiskurs zu denken, muss hier insbesondere darauf geachtet werden mit Betroffenen zu sprechen und nicht über sie. Diese Schieflage, die mit Machtpositionen einhergeht, muss in der Planung Berücksichtigung und einen Weg finden, strukturelle Ungerechtigkeiten offen zu legen ohne zu etikettieren und individuelle Lebenslagen aus dem Blick zu verlieren .

„Aus fachtheoretischer Perspektive gesprochen, stehen wir heute vor der Herausforderung, im Kontext der Einwanderungsgesellschaft eine diversitätsbewusste und dominanzsensible pädagogische Arbeit zu gestalten, die zu einem konstruktiven und kritischen Umgang mit Heterogenität und Komplexität ermutigt und befähigt, ohne dabei soziale oder kulturelle Differenzen festzuschreiben“ (Sinoplu und Winkelmann 2010, S. 93). Hier greift der Ansatz der Intersektionalität mit seiner kritisch reflektierten Analyse gesellschaftlicher Strukturen und generierenden Lebensumständen- und Sichtweisen . Klare binäre Einteilungen wie „Mädchen/Jungen, europäisch/nichteuropäisch, muslimisch/nicht muslimische Jugendliche, junge Roma/Nicht-Roma, junge Heterosexuelle/Homosexuelle oder allgemein Angehörige von ‚Mehrheiten' oder ‚Minderheiten'“ (Bello 2010, S . 109) werden unter intersektionaler Perspektive aufgebrochen und in ihrer Komplexität anerkannt . „Intersektionalität unterstreicht die Vorstellung, wonach Identitäten komplex und die von außen als homogen wahrgenommenen Gruppen in sich dynamisch und vielfältig sind“ (Bello 2010, S . 110) .

Intersektionalität mitgedacht in der Planung, Durchführung und Reflexion in Projekten der IJA rückt somit den Teilnehmenden an sich in den Vordergrund und hilft, „der Versuchung essentialistischer, kolonialer Einstellungen, monolithischer Konstrukte und statischer Wahrnehmungen von Anderssein und Identität zu widerstehen“ (Bello 2010, S . 118) .

 
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