Rechtsextreme auf dem Platz

Die Erkenntnis, dass Rechtsextremisten sich über Vereinsaktivitäten im zivilgesellschaftlichen Raum festzusetzen suchen, ist keineswegs neu. Das Vorgehen charakterisiert Günther Hoffmann vom Berliner Zentrum Demokratische Kultur als Teilaspekt eines strategischen Gesamtvorgehens, das sich als taktisches Pendeln "zwischen Militanz und Bürgerlichkeit" (vgl. Klärner 2008) bezeichnen lässt:

"Tatsächlich ist das eine größere Strategie. Den Rechtsextremen geht es darum, auch im Bürgertum ernst genommen, akzeptiert zu werden. Zum Auftreten gehört, dass sie öffentlich nicht mehr gewalttätig agieren, sondern vielmehr durch Gespräche und Argumente. In Vereinen, Verbänden und Versammlungen verbreiten sie langsam ihre Ideologie. Sie sind im Handwerksverband, in Feuerwehren oder im Fußball" (Laberenz 2007).

An diesen Versuchen beteiligen sich nicht nur Aktivisten der NPD, sondern auch Rechtsextreme aus dem Spektrum der so genannten "freien Kräfte", die sich einer parteilichen Bindung entziehen: "In den unteren Ligen sind sie als Zuschauer präsent. Aus dem brandenburgischen Rathenow zum Beispiel ist bekannt, dass es dort immer wieder Versuche gab, eigene Mannschaften in Ligen unterzubringen. Es gibt Fußballvereine, in denen Einzelpersonen aktiv sind – mit gut organisierten Fans im Hintergrund. Hier finden sich in jedem Fußballstadion Einzelne, bis hin zu gut organisierten Grüppchen, die Nachwuchs organisieren, die agitieren. Sie sind auch immer weniger erkennbar – die gestiefelten Glatzen spielen seit etlichen Jahren überhaupt keine Rolle mehr" (ebd.).

Was die Graswurzelstrategie der NPD auf dem Fußballrasen angeht, machte vor allem das Beispiel des SV Germania Hildburghausen Schlagzeilen. Der Verein wurde im Sommer 2007 vom damaligen NPD-Kreisvorsitzenden Tommy Frenck und einigen Gesinnungsgenossen gegründet (vgl. Meyer 2008, vgl. Blaschke 2011). Zwischenzeitlich hat sich Frenck zwar aus der NPD verabschiedet und bemühte sich zuletzt um Gemeinnützigkeit und staatliche Unterstütung. Im Vorfeld der Vereinsgründung war er jedoch bereits durch seinen Versuch aufgefallen, die freiwillige Feuerwehr seines Heimatortes zu unterwandern. 2014 wurde Frenck zum zweiten Mal für die extrem rechte Wählergemeinschaft "Bündnis Zukunft Hildburghausen" (BZH) in den Landkreistag gewählt.

Das Beispiel Hildburghausen illustriert, dass vor allem Vereine der unteren Ligen ins Visier der rechtsextremistischen Bestrebungen stehen. Klaus Beier, seines Zeichens NPD-Bundesvorstand, brandenburgischer Landesvorsitzender und damaliger Bundessprecher der Partei, kommentierte diese Strategie im Jahr nach der WM 2006 wie folgt:

"Für uns ist die Zweite Liga interessant, vor allem aber die Regionalund Oberligen, was unsere nationalen Botschaften angeht. Die Bundesliga selbst ist schon so kommerziell, und die meisten Besucher dort sind politisch völlig abgestumpft; das sind doch nur Brot und Spiele. Für die unteren Ligen könnten wir aber ein spezielles Flugblatt entwickeln. Wenn wir wieder Geld in den Kassen haben, könnten wir auch mit einer Stadion-CD nach außen gehen. Aber unsere finanzielle Lage ist ja gerade etwas prekär, das ist ja kein Geheimnis. Auch Aufkleber ›Ein Herz für Deutschland‹ sind eine Option. All diese Dinge können wir hoffentlich 2007 umsetzen, auch wenn sie nicht ganz oben auf der Agenda stehen" (Sundermeyer 2007).

In seinen Ausführungen unterstreicht Beier nicht nur die ideologische Nähe der heutigen NPD zum Körperkult der NS-Zeit, sondern streift auch die Bemühungen der rechtsextremen Partei, mit weiteren Sportofferten andere Zielgruppen anzusprechen:

"Ja. Der Fußball wird in der Szene immer benutzt. Fußball verbindet. Fußball ist gesund und bringt Körper und Geist in Einklang, das haben wir andauernd propagiert. Aber es war nicht nur Fußball. Auch Kampfsport oder Wandern haben wir als Freizeitaktivitäten angeboten" (ebd.).

Kernzielgruppe sind aber auch hier eindeutig die politisch noch nicht gefestigten Jugendlichen, die in besonderem Maße unter den fehlenden alternativen Freizeitangeboten leiden und entsprechend offener für die rechtsextremen Lockvogelangebote sein dürften. In einem Interview führte der aus der Szene ausgestiegene NPD-Aktivist Gabriel Landgraf aus, wie der Fußball für ihn und andere zum Einstieg ins rechtsextreme Milieu wurde:

"Wir hatten einen Bolzplatz, auf dem wir wöchentlich zum Kicken einluden. Wenn da einer war, aus dem man was machen konnte, hat man ihn zum Fußball eingeladen, danach wurde noch gegrillt und Bier getrunken. So werden die 15-, 16-Jährigen geködert und rekrutiert. Zum Fußball haben wir speziell die Jugendlichen eingeladen, die noch nicht so gefestigt waren. Danach wurde aussortiert, mit wem kann man was anfangen, mit wem nicht. Beim nächsten Mal hat man den Nachwuchs dann zum Spiel ins Stadion mitgenommen oder zu einer Demo. So funktioniert das heute noch" (Dobbert/Laberenz 2007).

Dort, wo die rechtsextreme Szene organisatorisch besonders gut aufgestellt ist, veranstaltet sie sogar eigene "nationale Fußballturniere". Solche Veranstaltungen fanden in der Vergangenheit beispielsweise in Brandenburg oder im mecklenburg-vorpommerischen Ueckermünde statt, wo 2004 insgesamt 17 Teams vor 200 Zuschauern gegeneinander antraten. Fürs Siegerfoto posierte die Gewinnermannschaft mit T-Shirts der Anti-Wehrmachtsausstellung und dem Slogan "Opa war in Ordnung" [1]. Geradezu traditionsreich ist das bereits seit mehr als zehn Jahren im Thüringer Vogtland stattfindende Gedenkturnier für Rudolf Heß (Blaschke 2011: 70 f.).

Auch im "Kampf um die Bolzplätze" schlagen sich flankierende Modernisierungsphänomene des zeitgenössischen Rechtsextremismus nieder. So haben sich Teile der rechten Szene massiv globalisierungskritische und antikapitalistische Positionen zu Eigen gemacht, die sich im Fußballumfeld an Diskussionen um die Kommerzialisierung des Sports und ihre Folgen für Fans und Vereine andocken lassen.

Sportvereine lassen sich – wie Vereine generell – als Organisationen des sogenannten Dritten-Sektors verstehen, was bedeutet, dass sie sich zwar im Austausch mit – aber nach anderen Eigengesetzlichkeiten als – Markt und Staat entwickeln. Die Ökonomisierung und Professionalisierung des Vereinsfußballs stößt deshalb gerade bei denjenigen Anhängern auf besonderen Widerstand, die sich am stärksten mit ihren Clubs als Sozialgemeinschaften identifizieren (vgl. Pilz u. a. 2006: 14 f.). Eine Dychotomie, die in der Unterscheidung zwischen Kommerzfußball und Gefühlsfußball (Ballensiefen/Nieland 2008: 238) fortlebt und vor allem in der so genannten Ultraszene dankbar aufgenommen wird. Diese grenzt sich bewusst von Medien, Polizei, der FIFA und dem DFB ab, wobei die beiden Letzteren als Katalysatoren der verhassten Ökonomisierung des Fußballsports gesehen werden. Doch auch abseits der Ultraszene kann der Sportverein zum Identitätsanker gegen die Unübersichtlichkeit der gesellschaftlichen Gegenwart und ihrer Bedrohungspotentiale werden.

So kommt die tendenziell modernisierungsresistente Struktur gerade kleinerer Sportvereine der dem rechtsradikalen Denken eigenen Modernisierungsskepsis sehr entgegen: "Die in der Öffentlichkeit gerne (teils seit Jahrzehnten) thematisierten Probleme (z. B. Individualisierung, Rückgang der Ehrenamtlichkeit, Wandel zum Dienstleistungsverein, Wunsch nach Professionalisierung, Wertewandel) bilden sich in den empirischen Studien zu den Sportvereinen nicht ab. So kann auf empirischer Grundlage vermutet werden, dass die Handlungslogik des wechselseitigen und zielgerichteten Nutzens, der für Dritter Sektor-Organisationen typisch ist, in den Sportvereinen als freiwillige Vereinigungen fest verankert sind" (ebd.).

Mit anderen Worten bietet sich der vereinsmäßig organisierte Fußball vor allem als Konzept zur Produktion lokaler verwurzelter nationaler Identität in einer globalisierten Welt an. Insofern bettet sich auch die Kritik an der Globalisierung des Fußballs nahtlos in die generell zu beobachtenden Versuche der extremen Rechten ein, auf den populären Zug der Globalisierungskritik aufzuspringen und diesen im Sinne der eigenen politischen Agenda umzuleiten. Der Wunsch nach kollektiver Identität fängt die verbreiteten Ängste vor einer als Vereinzelung verstandenen Moderne ein, der das Individuum quasi hilflos ausgeliefert ist. Überdies bietet sich die Schablone der Globalisierungskritik auch zur Aktivierung antisemitischer Affekte gegen das vermeintlich jüdisch-dominierte Kapital an. Bereits seit Anfang der 1980er Jahre beobachten Szenekenner einen Anstieg des Antisemitismus auf den Fußballplätzen der Nation, wo – wieder vor allem abseits der Profiligen – regelmäßig in Fangesängen "U-Bahnen nach Auschwitz" gebaut werden und Schiedsrichter als angeblich käufliche "Juden" angefeindet werden (vgl. Blaschke 2011: 154 ff.). Im September 2006 brachen die Spieler des TUS Makkabi eine Partie gegen die VSG Altglienecke in der 76. Minute ab, nachdem der Schiedsrichter massive antisemitische Parolen ("Vergast die Juden") aus dem Publikum hartnäckig ignoriert hatte. Als der so angefeindete Verein die Vorgänge öffentlich machte, wurde ihm vorgeworfen, lediglich auf eine "nationale und internationale Medienkampagne" (Blaschke 2008: 125) zur Selbstdarstellung aus zu sein.

Gerade in Berlin haben antisemitische und rechtsextreme Provokationen im Fußball traurige Tradition: Noch in den 1990er Jahren agierten im Umfeld von Hertha BSC Fanclubs wie "Wannseefront", "Endsieg" und – besonders drastisch – "Zyklon B", so benannt nach dem zur industriellen Massenvernichtung der Juden verwendeten Gas (vgl. Engel 2005, vgl. Blaschke 2008: 134 f.).

  • [1] netz-gegen-nazis.com/lexikontext/Neonazis-im-Sport, eingesehen am 22. 2. 2009.
 
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