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Transitionsforschung in der Schweiz – ein kurzer Überblick

Kurt Häfeli, Markus P. Neuenschwander & Stephan Schumann

Am Übergang von der Schule in den Beruf werden wichtige Weichen gestellt, die den Lebenslauf eines Menschen vorbereiten. Jugendliche müssen sich zwischen verschiedenen Ausbildungsgängen und Berufen entscheiden und sich für gewünschte Zulassungen qualifizieren. Dabei unterscheiden sich die Anforderungen im Bildungssystem deutlich von denjenigen im Wirtschaftssystem bzw. in der Arbeit. Entsprechend sind Schulen mit der Aufgabe konfrontiert, einerseits die eigenen bildungsimmanenten Ansprüche zu erfüllen, andererseits die Schülerinnen und Schüler auf den neuen beruflichen Kontext vorzubereiten. Die Betriebe stehen vor der Herausforderung, durch Produktivität ihr Überleben bzw. ihren Gewinn zu sichern und gleichzeitig ihren eigenen Nachwuchs zu qualifizieren und eine hohe Ausbildungsqualität bereitzustellen.

Entsprechend anforderungsreich gestaltet sich dieser Übergangsprozess für die jungen Menschen und deren Unterstützungspersonen. Daher ist es nicht erstaunlich, dass das Interesse an diesen Übergangsprozessen in der öffentlichen Wahrnehmung stark zugenommen hat. Nicht nur die Berufs- und Laufbahnberatung, sondern auch die Schule und Ausbildungsinstitutionen sowie die Betriebe suchen Wege, wie junge Menschen beim Berufseintritt unterstützt werden können, so dass jede Person zur richtigen beruflichen Funktion findet. Gleichzeitig sind der Übergang in den Beruf und die berufliche Entwicklung häufig von Unterbrüchen und Umwegen charakterisiert. Frühe berufliche Ziele werden immer seltener direkt erreicht. Aufgrund des Fachkräftemangels hat sich der Handlungsbedarf zugespitzt. Damit sind auch spätere Phasen der beruflichen Entwicklung (Berufswechsel, Nachholbildung, Weiterbildung etc.) relevant geworden.

1 Einbettung und Zielsetzung

Trotz der herausragenden Bedeutung des Übergangs von der Schule in den Beruf und der weiteren beruflichen Entwicklung für Individuen und Betriebe ist die Forschungslage in diesem Themenbereich erstaunlich mager. In einer Literaturübersicht konnten Häfeli und Schellenberg (2009) zwar knapp 60 Studien oder Projektevaluationen zum Übergang von der Schule in die Arbeitswelt zusammenstellen, die in der Schweiz von 2000-2009 durchgeführt wurden. Allerdings waren viele dieser Untersuchungen in ihren Aussagen begrenzt, weil sie nur einige wenige Merkmale untersuchten, sich auf Stichproben mit eingeschränkter Aussagekraft bezogen oder ein querschnittliches Design aufwiesen. Zudem konzentrierten sie sich meist auf die erste Schwelle, d.h. den Übergang von der Sekundarstufe I in die Sekundarstufe II, in zweiter Linie auf die Berufsausbildung, wobei die wichtigen Lehrvertragsauflösungen selten untersucht wurden. Wenig Beachtung fand die zweite Schwelle der Übergang von der Sekundarstufe II in die weiterführende Tertiärstufe oder in den Arbeitsmarkt.

Einige wenige Studien waren breit angelegt und als Längsschnitt konzipiert: TREE (Bertschy, Böni, & Meyer, 2007), FASE B (Neuenschwander, Frey, & Gasser, 2007), INTSEP (Haeberlin, Imdorf, & Kronig, 2004), LEVA (Schmid & Stalder, 2008), Hochbegabung (Stamm, 2005, 2007), COCON (Buchmann, 2007), ZLSE (Spiess Huldi, 2009). Einige dieser Studien sind in der Zwischenzeit abgeschlossen (Eckhart, Haeberlin, Sahli Lozano, & Blanc, 2011; Neuenschwander, Gerber, Frank, & Rottermann, 2012; Schmid, 2010), andere wurden fortgesetzt (Bergman, Hupka-Brunner, Keller, Meyer, & Stalder, 2011; Buchmann, 2013; Buchmann & Kriesi, 2012; Schellenberg, Häfeli, Schmaeh, & Hättich, 2013). Eine bilanzierende Gesamtschau daraus zu ziehen, ist schwierig, da die Studien zu unterschiedlich angelegt sind. Es wird aber doch klar, dass die soziale Herkunft, der Schultyp der Sekundarstufe I und die schulische Leistungsfähigkeit, aber auch das Geschlecht und die Nationalität bzw. der Migrationshintergrund eine wichtige Rolle spielen (Häfeli & Schellenberg, 2009; Neuenschwander, 2014). Der Erfolg im Bildungswesen scheint also wesentlich von sozialstrukturellen Merkmalen abhängig zu sein. Insgesamt zeigen diese Befunde, dass berufliche Kompetenzentwicklung und Berufserfolg als Produkt vielfältiger Einflusssysteme (Person, Schule, Beruf, Familie) verstanden werden müssen und sich nicht auf wenige Einflussbedingungen oder -systeme reduzieren lassen. Zur Erklärung dieser Befunde werden je nach Studie unterschiedliche theoretische Konzepte verwendet, die das Zusammenspiel von Person und Umwelt thematisieren. Diese unterschiedlichen konzeptuellen Zugänge sind zum einen hilfreich für eine möglichst perspektivenreiche Erschliessung des Gegenstands, zum anderen sind sie häufig nur schwer miteinander zu verknüpfen.

Trotz diesen Studien bleiben weiterhin bedeutsame Lücken, auch wenn in der Zwischenzeit neue Projekte durchgeführt wurden (etwa zur zweijährigen Grundbildung mit Attest (Hofmann & Häfeli, 2012; Kammermann & Hättich, 2010) oder zu Übertritten, Korrekturen und Verläufen während der Berufslehre (Berweger, Krattenmacher, Salzmann, & Schönenberger, 2013).

Aufgrund dieser Ausgangslage und angesichts der Aktualität und praktischen Relevanz des Themas hat sich das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) entschieden, der Transitionsforschung höhere Aufmerksamkeit zukommen zu lassen und verschiedene Forschungsvorhaben zu finanzieren. Damit sollen Ergebnisse generiert werden, die für die öffentliche Steuerung der Transitionsprozesse genutzt werden können. Zwischenzeitlich liegen erste Ergebnisse der erstaunlich vielfältigen Transitionsforschung in der Schweiz vor. Diese Projekte entwickelten nicht nur wichtige theoretische Grundlagen, sondern auch empirische Evidenzen für die Analyse und Steuerung bedeutsamer Passagen im Lebenslauf. Die Projekte sind in verschiedenen Disziplinen wie Psychologie, Soziologie, Erziehungswissenschaften oder Bildungsökonomie verortet. Dadurch ergeben sich vielfältige Perspektiven auf die Übergänge und Entscheidungsprozesse an der ersten Schwelle (Sekundarstufe I – II), während der Berufsausbildung und an der zweiten Schwelle (Sekundarstufe II – Tertiärstufe oder Arbeitsmarkt) sowie im weiteren Berufsverlauf.

Für den vorliegenden Band wurden die sieben Projekte, welche im Zeitraum 2010-2014 vom SBFI im Rahmen der Transitionsforschung gefördert wurden, eingeladen, einen Originalbeitrag zu verfassen. Zusätzlich wurden von den Herausgebern – ohne Anspruch auf Vollständigkeit vier weitere Projekte ausgewählt und die Projektleitungen angefragt, zentrale und aktuelle Ergebnisse zur beruflichen Laufbahn aus ihren Studien zu berichten, wobei bei diesen zusätzlichen Projekten ein spezieller Fokus auf die bisher untervertretene französischsprachige Schweiz gelegt wurde.

Damit liegen nun erstmals ausgewählte Ergebnisse dieser elf Forschungsprojekte in einem Band vor. Es dürfte sichtbar werden, dass diese schweizerischen Projekte einen wichtigen Beitrag leisten können, um Transitionsprozesse in diesen zentralen bildungs- und berufsbiographischen Phasen besser zu verstehen.

 
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