Statuserhaltmotiv

Da geschlechtstypische Lebensplanungen keinen bedeutsamen Einfluss auf die Präferenz so genannter „Frauenoder Männerberufe“ haben, wird nachfolgend die Frage untersucht, ob das eigene oder das elterliche Statuserhaltmotiv ausschlaggebend ist für geschlechtsspezifische Berufsaspirationen (Tabelle 2). Bei der Analyse wird in mehreren Schritten vorgegangen. Zunächst ist die Relation des sozioökonomischen Status der von den Töchtern und Söhnen präferierten Wunschberufe zum bislang erreichten sozioökonomischen Status des Elternhauses (ISEI) die abhängige Variable. Sie indiziert den von uns objektiv gemessenen Statuserhalt. Bei Kontrolle des ISEI des Elternhauses zeigt sich, dass Mädchen eher als Knaben statushöhere Berufe bevorzugen (Modell 1). Je niedriger das elterliche Bildungsniveau ist, desto weniger ausgeprägt ist – gemessen am Status des präferierten Wunschberufs – der aspirierte intergenerationale Statusaufstieg, was im Allgemeinen als „risikoaverses“ Verhalten beschrieben wird (vgl. Breen & Goldthorpe, 1997). [1] Je ausgeprägter das elterliche Statuserhaltmotiv ist, desto eher werden von den Kindern statushöhere Berufe präferiert, während das Statuserhaltmotiv der Jugendlichen keine bedeutsame Rolle spielt. Die Präferenz für „Frauenberufe“ läuft im Unterschied zur Präferenz für „Männerberufe“ dem objektiv gemessenen Statuserhalt zuwider. Offensichtlich handelt es sich im Gegensatz zu den Männerberufen bei den Frauenberufen um statusniedrige Berufe, die wenig geeignet scheinen, den intergenerationalen Statuserhalt zu garantieren.

Wegen der Korrelation des Statuserhaltmotivs von Eltern und ihrer Kinder wird in einem weiteren Modellschritt das elterliche Statuserhaltmotiv nicht berücksichtigt, aber dafür die – aus Sicht der befragten Jugendlichen – notwendige Ausbildung für den Wunschberuf kontrolliert (Modell 2). Das Statuserhaltmotiv der Jugendlichen selbst weist zwar in die theoretisch erwartete Richtung, ist jedoch statistisch insignifikant. Vielmehr sind die Jugendlichen soweit realistisch bei ihren Berufsaspirationen, als dass eher Berufe präferiert werden, die gemessen am Status als „risikoaverse“ Zielsetzungen im Sinne des Statuserhalts angesehen werden können. Offensichtlich sind es eher Berufe, die eine Berufsmatur oder einen Mittelschulabschluss voraussetzen, die am ehesten mit einem Statuserhalt einhergehen, während die berufliche Grundbildung in Bezug auf den Wunschberuf und den elterlichen Status als weniger statuserhaltend wahrgenommen wird. Wird nun die elterliche Perspektive eingenommen, und die in ihren Augen benötigte Ausbildung für den Statuserhalt und die realistische Bildungsaspiration kontrolliert, dann zeigt sich, dass die Eltern eher die Berufsmatur und das Gymnasium als die Berufslehre für ihre Kinder vorsehen, je eher Berufe im Vergleich zum sozioökonomischen Status des Elternhauses präferiert werden, die zum Statuserhalt beitragen (Modell 3). In dieser Hinsicht sprechen die Befunde, sowohl jene der idealistischen Ausbildungsaspiration der Kinder wie auch jene der realistischen Bildungsaspirationen der Eltern – für instrumentelle Erwartungen bei der Berufsaspiration und in Bezug auf die avisierte Bildungsentscheidung, die der Status position theory (Keller & Zavalloni, 1969) und der Prospect theory (Kahnemann & Tversky, 1979) zufolge für einen intergenerationalen Statuserhalt entwickelt werden.

Tabelle 2 Statuserhalt, soziale Herkunft und geschlechtsspezifische Berufsaspirationen (OLS-Regression).

Tabelle 2 Fortsetzung

  • [1] Der negative Effekt des sozioökonomischen Status des Elternhauses spiegelt zum einen den Grenzwert wieder, wonach es mit steigendem ISEI immer unwahrscheinlicher wird, dass Kinder statushöhere Berufe präferieren. Zum anderen ist dieser Befund ein Hinweis dafür, dass das Statuserhaltmotiv in dem Sinne bedeutsam für die Berufsaspiration ist, dass zumindest der Status erreicht werden soll, den das Elternhaus bereits einnimmt. Zusätzliche Statusgewinne werden wegen steigendem Aufwand und Risiko in geringerem Masse avisiert, je höher der bereits von den Eltern erreichte sozioökonomische Status ist.
 
< Zurück   INHALT   Weiter >