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1 Einleitung

Mehr als zwei Drittel der Jugendlichen in der Schweiz beginnen nach der obligatorischen Schulzeit eine berufliche Grundbildung (SBFI, 2014), deren Abschluss eine wesentliche Voraussetzung für den Einstieg und die Integration in das Beschäftigungssystem darstellt (OECD, 2000; Fend, 2001; Baumeler, Ertelt & Frey, 2012; SBFI, 2014). Jedoch werden nicht alle begonnenen beruflichen Grundbildungen erfolgreich beendet. Neben einem Anteil von ca. 10% nicht bestandener Lehrabschlussprüfungen lässt sich mit rund 25% eine bedeutsame Quote vorzeitig gelöster Lehrverträge beobachten (Stalder & Schmid, 2012; BFS, 2013; vgl. dazu auch den Beitrag von Lamamra & Duc in diesem Band). Nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass damit einem substanziellen Teil dieser Jugendlichen ein dauerhafter Dropout aus dem Bildungssystem droht, stehen Anstrengungen zur Vermeidung von Lehrvertragsauflösungen (LVA) auf der berufsbildungspolitischen Agenda. Daher stellt sich zwangsläufig die Frage nach den Gründen für LVA. Zwar liegen verschiedene Studien zur Ausprägung sowie zu den Ursachen und Folgen vorzeitig aufgelöster Lehrverträge vor (z.B. Bohlinger, 2002; Stalder & Schmid, 2006; Lamamra & Masdonati, 2009; Schmid, 2010), allerdings fokussieren die meisten dieser Arbeiten auf die „betroffenen“ Jugendlichen. Zum Einfluss der beteiligten institutionellen Lernorte „Berufsschule“ und „Ausbildungsbetrieb“, der Professionalität des dort tätigen Ausbildungspersonals und der Gestaltung der Lern- und Arbeitsumgebungen ist deutlich weniger bekannt. Vor diesem Hintergrund wird im vorliegenden Beitrag der Ausprägung der Ausbildungsqualität im Lehrbetrieb und dem Zusammenhang zwischen der Ausbildungsqualität und dem Auftreten von Lehrvertragsauflösungen nachgegangen.

2 Lehrvertragsauflösungen

Mit rund 85% wählt die deutliche Mehrheit der schweizerischen Jugendlichen in der beruflichen Grundbildung die duale Ausbildungsvariante, bei der Lernende einen Vertrag mit einem Ausbildungsbetrieb abschliessen (SBFI, 2014). Mit dem Begriff „Lehrvertragsauflösung“ wird eine vorzeitige Auflösung oder Kündigung dieses Lehrvertrags bezeichnet. In der Schweiz liegt der jährliche Anteil an Lehrvertragsauflösungen wie erwähnt bei ca. 25% (Stalder & Schmid, 2012). Dabei zeigen sich jedoch grosse Unterschiede zwischen den Berufen: höhere Auflösungsquoten sind in Berufen wie z.B. Koch/Köchin (33%), Maurer/in (30%) oder Maler/ in (25%) zu finden, während in Berufen wie z.B. Drogist/in (10%) oder Kaufmann/frau (12%) deutlich tiefere Auflösungsquoten zu verzeichnen sind (Stalder & Schmid, 2006). Die meisten Lehrvertragsauflösungen finden im ersten Ausbildungsjahr statt (60 bis 65%; 29% davon während der Probezeit). 25% ereignen sich im zweiten und lediglich 10% im dritten und vierten Ausbildungsjahr (Frey, Ertelt & Balzer, 2012). In dem Fall, dass die Jugendlichen nach einer LVA keine neue Ausbildung beginnen, wird der Begriff des Dropouts verwendet (Schmid, 2010). Dies betrifft ca. 25% der Jugendlichen mit einer LVA. Somit führt bei weitem nicht jede LVA zu einem Dropout. Insbesondere Jugendliche mit Dropout haben hohe individuelle „Kosten“ zu tragen, die mittel- und langfristig gehäuft mit nur temporärer Beschäftigung oder Arbeitslosigkeit und sozialer Desintegration einhergehen (Frey, Ertelt & Balzer, 2012). Damit sind zugleich gesellschaftliche Kosten der sozialen Sicherung verbunden, die sich über die Jahre erheblich kumulieren. Nicht zu unterschätzen ist auf gesellschaftlicher Ebene der Befund, dass insbesondere in kleineren Betrieben die Ausbildungsbereitschaft nach einer erfahrenen LVA substanziell sinkt (Stalder & Schmid, 2006). Unabhängig davon, ob eine LVA einen Dropout zur Folge hat oder nicht, entstehen den Betrieben wirtschaftliche Kosten, da die Betriebe die Investitionen in die Ausbildung der Jugendlichen und zugleich „entgangene“ Ausbildungsbeginner verlieren. Stalder und Schmid (2006) schätzen die durchschnittlichen betrieblichen Kosten für eine Lehrvertragsauflösung mit ca. 11'000 Franken. Hochgerechnet auf eine Grundgesamtheit von ca. 65.000 neuen Lernenden pro Jahr hätte dies bei einer LVA-Quote von 25% betriebliche Kosten von rund 180 Mio. Franken zur Folge.

Die Gründe für Lehrvertragsauflösungen können auf verschiedene Faktoren zurückgeführt werden (vgl. z.B. Lamamra & Masdonati, 2009; Baumeler, Ertelt & Frey, 2012). Oft scheint es dabei eine Kombination aus verschiedenen Gründen und weniger eine einzelne Ursache zu sein, die zur Auflösung führt (Stalder & Schmid, 2006; Lamamra & Masdonati, 2009). Diese können einerseits individuelle Ursachen auf Seiten der Jugendlichen, wie z.B. eine falsche Berufswahl, eine zu geringe Motivation der Jugendlichen, ungenügende Leistungen in Schule und Betrieb sein. Die Auflösungsgründe können aber auch auf der Ebene der Schule und des Betriebs verortet werden. So ist die Quote in grösseren Betrieben tiefer als in kleineren Betrieben (Amos, 1997; Stalder & Schmid, 2006). In der Literatur werden zudem Faktoren wie das Arbeitsklima im Betrieb, die Ausbildungsbedingungen oder die Selektion der Lernenden genannt (zur Selektion vgl. u.a. Forsblom, Negrini, Gurtner & Schumann, 2014). Eine wichtige Rolle bei auftretenden LVA scheinen mit Blick auf einzelne Studien die betriebliche Ausbildungsqualität und die Kompetenzen der Berufsbildner/innen zu spielen (vgl. z.B. Schöngen, 2003; Rastoldo, Amos & Davaud, 2009; Piening, Hauschildt & Rauner, 2010; Frey, Ertelt & Balzer, 2012). Dies zeigt z.B. eine Befragung des Westdeutschen Handwerkskammertages (2002): nach dieser Studie lösen mehr als ein Drittel der befragten Jugendlichen den Ausbildungsvertrag wegen der schlechten Ausbildungsqualität. Lernende mit Vertragsauflösung beurteilen dabei die pädagogischen Kompetenzen ihrer (ehemaligen) Berufsbildner/innen insgesamt kritischer als Lernende ohne Auflösung (Stalder & Schmid, 2006). Dabei handelt es sich aber lediglich um Aussagen der Lernenden über mögliche Gründe einer Lehrvertragsauflösung, deren Zusammenhänge wurden jedoch nicht empirisch streng geprüft. Zur empirischen Prüfung des Zusammenhangs zwischen Lehrvertragsauflösungen und betrieblicher Ausbildungsqualität sowie zum Qualitätsstand in den Ausbildungsbetrieben sind kaum Studien vorhanden.

 
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