Wege nach der Lehrvertragsauflösung, welche die Komplexität des Übergangs aufzeigen

A) Heterogenität der Wege oder das Ende des linearen Karrieremodells

Vier Jahre nach der Lehrvertragsauflösung vermittelt eine Momentaufnahme der Situation der Jugendlichen ein insgesamt positives Bild: Die Mehrheit von ihnen befindet sich in Ausbildung (N=20), davon ein grosser Anteil in einem ähnlichen Bildungsgang. Dazu kommt eine grosse Anzahl an Personen (N=9), die wieder eine Ausbildung begonnen und abgeschlossen hat, von denen wir allerdings nicht wissen, ob sie einen Arbeitsplatz gefunden haben. Eine letzte grosse Gruppe von Personen geht einer beruflichen Tätigkeit nach (N=9). Acht Personen haben einen Abschluss erworben (EFZ oder EBA); eine Person hat ihre Ausbildung nicht beendet und geht einer Beschäftigung für unqualifizierte Personen nach. Nur einige wenige Personen (N=4) sind in einer noch prekäreren Situation, nachdem sie eine zweite Lehrvertragsauflösung hinter sich haben.

Trotz dieses insgesamt positiven Bildes wirft die Tatsache, dass sich die Mehrheit der Jugendlichen vier Jahre nach der Lehrvertragsauflösung immer noch in Ausbildung befindet, Fragen auf. Wir haben daher versucht, die verfolgten Wege ausgehend von vier Aspekten nachzuvollziehen: Die Lehrvertragsauflösung, die den Ausgangspunkt darstellt, von dem aus wir die Karrieremodelle nachgezeichnet haben[1], die Wiederaufnahme einer Ausbildung, die Beendigung der Ausbildung und der Erhalt eines EFZ, die Berufstätigkeit. Dazu kommen die Übergangszeiten zwischen der Lehrvertragsauflösung und der Wiederaufnahme einer Ausbildung (S1½) und zwischen dem Ende der Ausbildung und der Berufstätigkeit (S2) [2]. Wir sprechen von der Schwelle 1½, um diese Phase von den beiden Schwellen zu unterscheiden, die in der Literatur üblicherweise angenommen werden: Der Schwelle 1 und der Schwelle 2. Sechs Karrieremodelle nach der Lehrvertragsauflösung wurden identifiziert (siehe Abbildung 1).

Diese Wege charakterisieren sich durch ihre Heterogenität (siehe Abbildung 1). Manche sind linear (neuer Ausbildungsplatz – Abschluss – erster Arbeitsplatz) (Weg 2), andere sind diskontinuierlich. Manche Wege stehen schliesslich für noch stärkere Diskontinuitäten (die Wege 4, 5a, 5b): Erneute Lehrvertragsauflösung, Verlassen des Bildungssystems, Wechsel von kurzzeitigen Beschäftigungen und Übergangsphasen.

Abbildung 1 Wege nach einem Abbruch in der Berufsausbildung.

Diese diskontinuierlichen Wege zeugen von einem Wandel, wenn nicht gar vom Ende des linearen Karrieremodells, so wie es noch häufig in der Darstellung von zahlreichen Akteuren in der Berufsbildung auftaucht, ein Modell, das aus der Zeit der Vollbeschäftigung stammt (siehe Abbildung 2).

Abbildung 2 Schema des linearen Modells des Übergangs von der Schule in die Arbeitswelt.

Die Abweichung der sechs Wege von diesem Modell gestattet es, die Frage nach der Arbeitssozialisation in einer neuen Art und Weise aufzugreifen. Die sechs Wege spiegeln einen Arbeitsmarkt wider, der gekennzeichnet ist durch Lehrvertragsauflösungen, Phasen der Arbeitslosigkeit, der Ausbildung etc. (NicoleDrancourt & Roulleau-Berger, 2002; Paugam, 2000). Letztlich geht es darum, die Omnipräsenz der Übergangsphasen hervorzuheben. Während die Zeit des Übergangs S2 recht repräsentativ ist für die aktuelle Situation auf dem Arbeitsmarkt (hohe Arbeitslosigkeit bei den jungen Absolventen) (Département federal de l'économie, 2005; OFS, 2011), erscheint die Übergangsphase S1½ in noch nicht dagewesener Weise. Diese wiederkehrende Präsenz von Übergangsphasen lädt uns ein, den Inhalt dieser Zeiträume zu untersuchen, vor allem um herauszukristallisieren, inwiefern sie zum Sozialisationsprozess beitragen.

B) Übergangsphasen, die durch Wechsel gekennzeichnet sind

Wie schon erwähnt können Übergangsphasen besonders lange sein. Während der S1½ wird oft eine Ausbildung oder ein Ausbildungsplatz gesucht und sie ist gekennzeichnet durch zahlreiche Situationswechsel: Besuch von unterstützenden Übergangsmassnahmen, Nebenjobs, Arbeitslosigkeit und Phasen ohne Tätigkeit.

„Ich war eine Zeit lang arbeitslos, anschliessend war ich in der Mobilet [Übergangsmassnahme] und war wieder arbeitslos. Das war etwas lang. […] es gab noch eine andere Sache bei den Jugendlichen, die ihre Ausbildung abgebrochen haben [TEM]! […] ich habe Praktika als Maler gemacht, […] dann, nach der Arbeitslosigkeit haben sie mich in die Werkstatt 36 [Massnahme für eine Wiedereingliederung von Arbeitslosen] gesteckt.“

Ehemaliger Auszubildender als Schreiner, in einer Ausbildung für Fachleute Betriebsunterhalt (T2)

Der Wechsel, der von diesem Auszubildenden beschrieben wird, veranschaulicht die Schwierigkeiten, die mit der Wiederaufnahme einer Ausbildung verbunden sind, das heisst eine neue Ausbildung auswählen zu können und vor allem einen Ausbildungsplatz nach einer Lehrvertragsauflösung zu finden und das auf einem angespannten Markt.

C) Wenn sich Übergang mit einer Anhäufung von Tätigkeiten reimt

Einige Personen akkumulieren Tätigkeiten, Übergangsphasen werden dadurch zu Phasen der Überbelastung:

„Äh, ich hatte 2007 angefangen, in einem Meinungsinstitut zu arbeiten. […] Ich höre nächste Woche damit auf. Weil ich habe einen anderen Job in einem Pflegeheim in C. [Name der Stadt] gefunden. Ich arbeite an den Wochenenden und die Umfragen habe ich abends unter der Woche gemacht. […] Ja, das ist… weil grad habe ich drei Sachen. Ich habe die Schule, das Praktikum und das EMS plus die Umfragen, das ist…“

Ehemalige Auszubildende als Kosmetikerin, Auszubildende als Pflegeassistentin (Schule) (T2)

Dieser jungen Frau geht es während der S1½ darum, Geld zu verdienen, aber auch sich an die Domäne zu gewöhnen, in der sie sich neu orientieren möchte. Zum Zeitpunkt des Interviews hat sie eine Ausbildung angefangen, aber die Tätigkeit, die ihr zu viel war, noch nicht beendet. Solche Situationen, in denen sich Tätigkeiten anhäufen, finden sich auch während der S2, wenn Absolventen zwischen Ausbildungen und prekären Beschäftigungen (niedrige Erwerbsquote, befristete Arbeitsverhältnisse) hin- und herwechseln, während sie darauf warten, in ein „richtiges“ erstes Arbeitsverhältnis einzumünden. Die Anhäufung von Aktivität ist in dieser S2-Phase eng verbunden mit den Unsicherheiten des Arbeitsmarktes. Während sie darauf warten, den ersten Arbeitsplatz zu finden, absolvieren die Jugendlichen Praktika, aber sie versuchen auch, sich weiter zu bilden, ihre Hauptsorge ist die Dequalifikation.

D) Die Erfahrung der Inaktivität

Ein Teil der befragten Jugendlichen macht während dieser Phase auch die Erfahrung der Inaktivität, also Phasen ohne Ausbildungsoder Arbeitstätigkeit. Das steht in starkem Gegensatz zu den Phasen, die durch eine Anhäufung von Tätigkeiten gekennzeichnet sind. Die Inaktivität kann genauso kurz sein (ein Monat) oder sich über einen beträchtlichen Zeitraum erstrecken (eineinhalb Jahre).

„Das war ein einziges Gehen-lassen, äh, ich war wirklich, also, ich hatte keine Lust, was zu machen. Äh, ich bin zu Hause geblieben und habe es schleifen lassen, ich hatte Stapel an Briefen zu verschicken und dann äh habe ich sie nicht geschickt. Und dann, gleichzeitig, hatte ich Lust, da rauszukommen, aber ich hatte keine Lust, etwas dafür zu tun.“

Ehemalige Auszubildende als Kosmetikerin, in Ausbildung als Pflegeassistentin (T2)

Während der S2 macht die Inaktivität umso mehr Angst, als dass sie die berufliche Eingliederung gefährdet.

„Ein Jahr lang habe ich nichts gefunden. […] Das hat mich ziemlich beschäftigt, ich hatte keine Lust, als Kassiererin in einem Laden zu enden…“

Absolventin als Tierpflegerin (T2)

Aber abgesehen von der Frage der Eingliederung besteht da auch die Angst vor Dequalifikation, welche die Inaktivität besonders schädlich macht. Tatsächlich haben diese Jugendlichen vor kurzem ihr EFZ erhalten und möchten in ihrem Kompetenzbereich arbeiten. In diesem Fall wird die Dequalifikation als sozialer Abstieg wahrgenommen, die Tatsache, dass man nicht den erlernten Beruf ausübt, als Risiko, einen Beruf für unqualifizierte Personen ausüben zu müssen, der sozial nicht wertgeschätzt wird und der von daher als Rückschritt betrachtet wird.

Aufgrund ihrer Zusammensetzung (Wechsel, Anhäufung, Inaktivität) betrachten wir diese Übergangsphasen als repräsentativ für den Übergangsprozess in seiner aktuellen Gestalt. Ausserdem sind diese Phasen keine Ausnahmen. Der Arbeitsmarkt ist durch genau diese Irregularität gekennzeichnet: Phasen der Weiterbildung, der Arbeitslosigkeit, des Tätigkeitswechsels markieren den Verlauf zahlreicher Berufswege, insbesondere bei jungen Menschen (Fournier & Bourrassa, 2000; Trottier, 2000). So gesehen kann der Übergang wahrhaftig als Anpassungsprozess an die Mechanismen des Beschäftigungswesens betrachtet werden. Man könnte sogar sagen, dass die von diesen Jugendlichen erwartete Flexibilität während diesen Phasen (Besuch von unterstützenden Übergangsmassnahmen, Wiederaufnahme der Ausbildung, prekäre Beschäftigung, Inaktivität, Weiterbildung etc.) das vorwegnimmt, was auf dem Arbeitsmarkt in Form von Anpassungsfähigkeit und Flexibilität erwartet werden wird.

  • [1] Das, was der Lehrvertragsauflösung vorausgeht, z. B. Wechsel des Bildungsganges oder des Berufes, die keine Auswirkung auf die Zusammensetzung der Wege haben, berücksichtigen wir nicht.
  • [2] Wir betrachten die Phase als Übergang 1½, sobald sie länger als sechs Monate dauert. Für den Übergang 2 betrachten wir die Phase ab dem Ende der Ausbildung.
 
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