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1 Einleitung

Den schweizer Arbeitsmarkt prägt die grosse Nachfrage nach Fachkräften mit kaufmännischer Ausbildung. Somit überrascht es nicht, dass die kaufmännische Grundbildung mit fast 30% aller Berufsabschlüsse die mit Abstand am meisten gewählte Berufsbildung der Schweiz ist. Laut der Abgänger/-innenbefragung der kaufmännischen Grundbildung 2013 fühlen sich über 95% der Absolventinnen und Absolventen der Berufslehre Kaufman/-frau sehr bzw. eher gut auf den Antritt einer Stelle als Kaufmann/-frau vorbereitet. Neben den generell guten Aussichten für einen erfolgreichen Berufseinstieg vermittelt die kaufmännische Grundbildung eine solide berufliche Grundlage, die sich beim Einstieg ins Erwerbsleben in einem vielfältigen Spektrum an Anschlusslösungen zeigt. Auch im Hinblick auf Weiterbildungs- und Spezialisierungsmöglichkeiten ist die kaufmännische Grundbildung für angehende Berufslernende sehr interessant (vgl. Wicki & Kraft, 2014).

Vor dem Übertritt von der Berufslehre in die berufliche Anschlusslösung steht für die Lernenden das Bestehen des Qualifikationsverfahrens und somit der erfolgreiche Abschluss der Berufsausbildung im Zentrum. Dies gelingt gemäss der Erfolgsquote der dualen kaufmännischen Berufslehre (erweiterte Grundbildung) des Jahres 2013 von schweizweit 93,4 % in den meisten Fällen. Die Erfolgsquote der Frauen war mit 93.8% im Vergleich zu jener der Männer mit 92.8% leicht höher (vgl. bfs.admin.ch). Analysen aus dem eigenen Forschungsprojekt [1] haben ergeben, dass die Vorbereitung für das Qualifikationsverfahren trotzdem von mehr als 85% der Lernenden als belastend oder eher belastend erlebt wird. Nur 15% empfinden diese Zeit als nicht oder eher nicht belastend. Die Frage nach den Faktoren, welche die Unterschiede im resultierenden Ausbildungserfolg erklären können, ist naheliegend. Da für die Schweiz diesbezüglich kaum Forschungserkenntnisse vorliegen, sollen in diesem Beitrag erste Resultate aus dem Forschungsprojekt ‚Fit für den Job' präsentiert werden.

2 Theoretischer Hintergrund

2.1 Der Ausbildungserfolg in der dualen kaufmännischen Berufslehre

Die Ausbildungsabschlussnote hat für den Einstieg in den Arbeitsmarkt eine Signalwirkung. In Anlehnung an die Signaling-Theorie (Spence, 1973) signalisiert die Ausbildungsabschlussnote den Arbeitgebern das Ausmass der Fähigkeiten und Fertigkeiten der Absolventen. Dabei nimmt der Informationswert der Abschlussnoten mit steigender Übereinstimmung der Leistungsbewertungskriterien des entsprechenden Ausbildungssystems mit jenen der Arbeitgeber zu. Bessere Noten in der Ausbildung werden mit einer höheren Leistungsmotivation, Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit verbunden. Gleichzeitig wird hinsichtlich der Leistungsbewertung in der Ausbildung erwartet, dass Aspekte wie Lernfähigkeit, Sach- und Sozialkompetenzen sowie Arbeitstugenden (Pünktlichkeit, Fleiss, Unterordungsvermögen u.ä.) als Bewertungskriterien einfliessen (vgl. Seibert & Solga, 2005, S. 364ff).

Äquivalent zu der Unterscheidung von objektivem und subjektivem Berufserfolg (vgl. Hughes, 1937; Abele, Spurk & Volmer, 2011) kann auch der Ausbildungserfolg in eine objektive und eine subjektive Komponente unterteilt werden. Dabei wird die objektive Komponente als direkt beobachtbar und messbar definiert, während die subjektive Komponente die individuelle Reaktion der Person auf die Erfahrungen in der Ausbildung darstellt (vgl. Spurk, Volmer & Abele, 2013, S. 434). Unter Berücksichtigung dieser Unterscheidung entspräche der Ausbildungserfolg, gemessen an der realisierten Ausbildungsabschlussnote, der objektiven Komponente des Ausbildungserfolgs. Unter dem subjektiven Ausbildungserfolg ist zum Beispiel die Zufriedenheit mit der Ausbildung, dem eigenen Ausbildungsabschluss oder die Identifikation mit dem Beruf zu verstehen. In der vorliegenden Studie wird der Fokus auf den objektiven Ausbildungserfolg, gemessen an den Ausbildungsabschlussnoten, gelegt. Mit der Gleichsetzung von Ausbildungserfolg und Noten sind die folgenden zwei Probleme verbunden:

Erstens greift die Reduktion des objektiven Ausbildungserfolgs auf die erreichte Ausbildungsabschlussnote grundsätzlich zu kurz, weil damit die Frage nach den Lernerfolgen und erworbenen Kompetenzen in der Ausbildung unberührt bleibt. Genau diese Frage steht aber für die Gestaltung und Entwicklung einer qualitativ hochwertigen Ausbildung im Zentrum des Interesses und wurde für die kaufmännische Grundbildung durch intensive Forschungsbemühungen zum Beispiel durch das DFG-Schwerpunktprogramm ‚Lehr-Lernprozesse in der kaufmännischen Erstausbildung' (vgl. Beck, 2000) bearbeitet (aktuell das ‚Leading House LINCA – Lehr-Lernprozesse im kaufmännischen Bereich' an der Universität Zürich (vgl. linca.uzh.ch).

Zweitens besteht die gerechtfertigte Kritik an den Gütekriterien für Noten als Beurteilungsinstrument von Leistung und Kompetenzen (Ingenkamp, 1971). Diese wurde wiederholt durch Forschungsbefunde gestärkt, indem beispielsweise vergleichbare Leistungen und Kompetenzen je nach Referenzgruppe (z.B. Bundesland oder Klasse) zu unterschiedlichen Noten führen (Neumann, Nagy, Trautwein & Lüdtke, 2009; Kronig, 2007). Studien belegen, dass bei gleicher Leistung die Referenzgruppe (Kontexteffekt) sowie der soziale Hintergrund (primärer und sekundärer Herkunftseffekt) die Notengebung beeinflussen können (z.B. Baeriswyl, Wandeler & Biewer, 2013; Trautwein & Baeriswyl, 2007; Maaz, Baeriswyl & Trautwein, 2011).

Im Wissen dieser Probleme scheint unter Berücksichtigung der SignalingTheorie die Operationalisierung des objektiven Ausbildungserfolgs mit der Ausbildungsabschlussnote in der vorliegenden Studie nachvollziehbar, zumal der Ausbildungserfolg oft anhand von Noten operationalisiert wird (vgl. Hülsheger, Maier, Stumpp & Muck, 2006).

  • [1] Das Forschungsprojekt ‚Fit für den Job' an der Universität Freiburg wird vom SBFI finanziert und untersucht den Übergang von der dualen Berufslehre im Beruf Kaufmann/-frau in die berufliche Anschlusslösung (Projektlaufzeit: 2013-2015).
 
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