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5 Ergebnisse

Die Fragestellung wird für die Abschlussnote in der Berufsfachschule (im Folgenden ANBS genannt) und für die Abschlussnote im Ausbildungsbetrieb (im Folgenden ANAB genannt) getrennt untersucht.

5.1 Vorhersage der Abschlussnote in der Berufsfachschule

5.1.1 Deskriptive Ergebnisse der Abschlussnote Berufsfachschule

Der Mittelwert der erreichten ANBS liegt in der Stichprobe auf der Schweizer Notenskala (1 tiefster Wert und 6 höchster Wert) bei einer 4.7 (vgl. Abbildung 2). Alle ANBS sind genügend und liegen zwischen 4 und 5.7. Die am häufigsten erreichte Note ist eine 4.5, gefolgt von einer 4.8. Die Verteilung der Noten ist leicht linkssteil (Schiefe .31) was bedeutet, dass weniger Lernende über dem Mittelwert liegen als darunter. Knapp ein Viertel der Lernenden haben eine Note 5 oder höher erreicht. 18 Lernende (5.6%) haben Ihre Noten nicht zur Verfügung gestellt.

Abbildung 2 Histogramm der erreichten Abschlussnoten in der Berufsfachschule.

5.1.2 Das Berechnungsmodell zur Prädiktion der Abschlussnote Berufsfachschule

In einem explorativen, datengestützten Vorgehen werden Faktoren identifiziert, welche unter gegenseitiger Kontrolle den Ausbildungserfolg in der Berufsfachschule, gemessen an den Abschlussnoten, vorhersagen. Dazu werden in einem ersten Schritt 35 erhobene Variablen unter Kontrolle des Einflusses auf der Klassenebene einzeln in Mplus getestet, ob sie die ANBS vorhersagen (vgl. Tabelle 3, M1a). Dieses Vorgehen wird gewählt, weil mit den vorliegenden Theorien die erwartete Vorhersagekraft dieser unterschiedlichen Prädiktorvariablen auf unterschiedlichen bildungspsychologischen Ebenen unter gegenseitiger Kontrolle nicht plausibel begründet werden kann. Um nicht voreilig Informationen auszuschliessen werden alle getesteten Variablen, welche um das Signifikanzniveau p=.1 die ANBS vorhersagen, für die weitere Modellierung berücksichtigt. Die Korrelationen dieser Variablen sind in der folgenden Tabelle 2 abgebildet.

Tabelle 2 Korrelationstabelle der in Tabelle 3 Modell 1a berücksichtigten Variablen.

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

1 ANBS

2 Extravers.

-0.17

3 Gewissenh.

0.25

-0.09

4 Realschul.

-0.25

-0.02

0.11

5 Progymna.

0.16

0.03

-0.06

-0.15

6 Deut.LV

0.20

-0.01

-0.05

-0.14

0.07

7 Bild.aspir.

0.16

0.19

0.08

-0.04

-0.02

0.01

8 Schulzufr.

0.32

0.00

0.18

-0.13

-0.01

0.02

0.13

9 Wi.Le.S.

0.26

-0.08

0.41

-0.03

0.04

-0.04

0.14

0.36

10 Wi.Le.AB

0.09

0.11

0.29

0.08

0.06

-0.05

0.06

0.02

0.34

11 Belast.QV

-0.17

-0.21

0.08

0.11

-0.05

-0.17

-0.17

-0.14

0.18

0.19

12 Fin.Unab.

-0.21

0.02

-0.09

-0.01

0.06

0.02

-0.20

-0.15

-0.13

0.14

0.13

13 Anz.Lern.

0.08

0.06

-0.04

-0.03

-0.08

0.20

0.04

-0.01

-0.07

-0.08

-0.06

-0.09

14 Att.int.sta.

-0.21

-0.18

-0.27

0.05

-0.02

-0.03

-0.30

-0.21

-0.24

-0.09

0.20

0.11

0.04

15 Att.exter.

-0.15

-0.11

-0.02

0.03

-0.06

-0.04

-0.14

-0.24

-0.01

0.05

0.31

0.00

0.11

0.27

16 Entfaltung

0.14

0.16

0.12

-0.08

0.10

0.05

0.07

0.07

0.13

0.11

-0.07

0.02

0.07

-0.14

-0.11

Im nächsten Schritt werden alle Variablen vom ersten Modell in einem gemeinsamen Modell unter Kontrolle des Einflusses auf der Klassenebene gleichzeitig geschätzt (M1b). Unter gegenseitiger Kontrolle der Prädiktorvariablen verändern sich die Vorhersagewerte und die Signifikanzniveaus. Aufgrund der Mehrebenenstruktur der Daten wird in einem nächsten Schritt (M2) die Zufriedenheit mit der Berufsfachschule als Kontextvariable einbezogen, weil angenommen wird, dass sich Unterschiede in den ANBS auf Unterschiede der Zufriedenheit mit der Berufsfachschule auf Klassenebene zurückführen lassen. Denn unter Kontrolle der individuellen Zufriedenheit kann die Zufriedenheit mit der Berufsfachschule auf Klassenebene als Indikatorvariable für Aspekte der Unterrichtsqualität innerhalb von Klassen verstanden werden. Alle übrigen Prädiktorvariablen werden auf der Individuumsebene modelliert, weil für diejenigen nur Effekte auf dieser erwartet werden. Das resultierende Modell 2 zeigt, dass unter gegenseitiger Kontrolle und Fixierung auf der Individuumsebene die Variablen zur Misserfolgsattribution, das Kriterium der Entfaltung bei der Berufswahl und die Wichtigkeit der Leistungen im Ausbildungsbetrieb die ANBS nicht signifikant vorhersagen. Deshalb werden diese der Reihe nach entfernt (nach Signifikanzniveau) und das Modell jeweils neu berechnet. Die Signifikanzniveaus der übrigen Prädiktorvariablen verändern sich dabei nicht, weshalb nach Entfernung dieser vier Variablen das Modell 3 resultiert. Obwohl aufgrund der Interkorrelationen dieser signifikanten Prädiktorvariablen keine massgeblichen Parameterverzerrungen zu erwarten sind (vgl. Tabelle 2), werden in einem letzten Schritt alle 17 signifikanten Korrelationen in das Berechnungsmodell mit aufgenommen. Da die Berücksichtigung der Korrelationen weder in den Regressionskoeffizienten noch in den Signifikanzniveaus der Prädiktorvariablen massgebliche Veränderungen mit sich bringen, wird dieses Modell zugunsten des Modells 3 verworfen.

Tabelle 3 Prädiktoren der Abschlussnote in der Berufsfachschule.

Tabelle 3 Fortsetzung

5.1.3 Beschreibung der Ergebnisse

Im Berechnungsmodell 3 sagt die Variable Realschulabschluss auf der Sekundarstufe I die erreichte ANBS negativ, die Variable Progymnasiumsabschluss auf der Sekundarstufe I positiv hervor. Ebenfalls positiv wird die ANBS vom durchgeführten Deutsch Leseverständnistest und davon, ob die Lernenden angeben nach der Berufslehre weitere Ausbildungen absolvieren zu wollen, vorhergesagt. Weiter sagen die Variablen Zufriedenheit mit der Berufsfachschule und Wichtigkeit der Leistungen in der Berufsfachschule die erreichte ANBS positiv vorher. Lernende in Ausbidungsbetrieben mit mehr Lernenden im Beruf Kaufmann/-frau erreichen höhere schulische Abschlussnoten. Tiefere schulische Abschlussnoten erreichen hingegen Lernende, die angeben, dass das bevorstehende Qualifikationsverfahren als belastend wahrgenommen wird. Ebenfalls tiefere schulische Abschlussnoten erreichen die Lernenden, welche angeben, dass für sie die rasche finanzielle Unabhängigkeit von den Eltern bei der Berufswahl eine Rolle gespielt hat. Von den sechs untersuchten Persönlichkeitsdimensionen sagen zwei die schulische Abschlussnote signifikant vorher: Gewissenhaftigkeit positiv und Extraversion negativ. Insgesamt erklären diese 11 Prädiktoren 36.3% (R2: 0.363) der Varianz auf der Indiviuumsebene der ANBS.

Für die Prädiktorvariablen Misserfolgsattribution internal stabil, Misserfolgsattribution external und Kriterium der Entfaltung bei der Berufswahl werden bei deren Einzelbetrachtung signifikante Vorhersagewerte für die ANBS festgestellt. Unter Kontrolle mit allen Prädiktorvariablen können diese Effekte nicht bestätigt werden.

Zusätzlich zu den 11 signifikanten Prädiktorvariablen auf der Individuumsebene wird ein signifikanter Effekt auf der Klassenebene festgestellt. Somit wird in Klassen, die im Durchschnitt zufriedener mit ihrer Berufsfachschule sind, im Durchschnitt höhere Abschlussnoten in der Berufsfachschule erreicht. Zusätzlich zu diesem signifikanten Klassenebeneneffekt liegt auch folgender signifikanter Kontexteffekt vor: Wenn zwei Lernende mit identischer individueller Zufriedenheit mit ihrer Berufsfachschule aus unterschiedlichen Klassen verglichen werden, wird für denjenigen Lernenden eine höhere ANBS erwartet, der aus der Klasse mit einer im mittleren Ausmass höheren Zufriedenheit mit der Berufsfachschule kommt.

5.1.4 Interpretation der Ergebnisse

Die Schulbildung der Sekundarstufe I sagt, wie bereits in anderen Studien festgestellt, die ANBS signifikant vorher. Lernende mit einem Progymnasialabschluss auf Sekundarstufe I erzielen eine höhere, Lernende mit einem Realschulabschluss auf Sekundarstufe I eine tiefere ANBS. Somit bleiben Unterschiede der Lernenden beim Berufslehreintritt, die auf den unterschiedlichen Sekundarschulabschluss I zurückgeführt werden können, im schulischen Teil der Berufslehre erhalten. Allerdings kann nichs darüber gesagt werden, inwiefern sich diese Unterschiede während der Berufslehre verändern.

Lernende mit besseren Ergebnissen im Deutschleseverständnistest erzielen die höheren ANBS. Das ist aufgrund der Wichtigkeit des Sprachverständnisses für alle in Deutsch unterrichteten Fächer nicht überraschend, und könnte als interessanter Anknüpfungsspunkt für die gezielte individuelle Förderung dienen.

Lernende mit einer Bildungsaspiration, die über die absolvierte Berufslehre hinaus geht, erzielen die höheren ANBS. Ob diese Bildungsaspiration bereits durch höhere Noten in der individuellen Bildungslaufbahn zustande kommt, oder ob sie als Ursache für höhere Noten anzusehen ist, kann mit den vorliegenden Daten nicht überprüft werden. Interessant ist hier aber, dass es einen Zusammenhang zwischen Bildungsaspiration und schulischer Noten gibt. Das scheint die Forschungsbefunde von Müller und Schweri (2009), dass höhere Lehrabschlussnoten mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit im Bildungssystem zu bleiben einhergehen, zu bestätigen.

Zufriedenere Lernende mit der Berufsfachschule und Lernende, denen gute Leistungen in der Berufsfachschule wichtiger sind, erzielen die höheren ANBS. Inwiefern die Zufriedenheit und die Wichtigkeit der Leistungen als Resultat von bereits höheren Noten in der vorangehenden Bildungslaufbahn anzusehen sind, wäre Gegenstand einer weiteren Untersuchung.

Die Persönlichkeitsdimension Gewissenhaftigkeit sagt die ANBS positiv, Extraversion dagegen sagt die ANBS negativ vorher. Für die Dimension Gewissenhaftigkeit geht das mit vorangehenden Forschungsergebnissen einher. Überraschend ist vor allem, dass unter Berücksichtigung der Fülle an unterschiedlichen Prädiktorvariablen die Persönlichkeitsdimensionen einen signifikanten Effekt auf die ANBS aufweisen. Somit kommt der Persönlichkeit für den Erfolg in der Berufsfachschule eine grosse Bedeutung zu und deren Berücksichtigung scheint für zukünftige Forschungsfragen in der Berufsbildungsforschung sehr wichtig.

Erwartungsgemäss erzielen Lernende, welche das bevorstehende Qualifikationsverfahren als belastender wahrnehmen, eine tiefere ANBS. Inwiefern die wahrgenommene Belastung als Resultat von erreichten Noten während der Berufslehre anzusehen ist, kann allerdings nicht beantwortet werden. Interessant scheint diesbezüglich für zukünftige Forschungsprojekte, wie die Lernenden mit der wahrgenommenen Belastung des Qualifikationsverfahrens umgehen.

Negativ wird die ANBS davon beeinflusst, wie die Lernenden das Kriterium der raschen finanziellen Unabhängigkeit von ihren Eltern bei der Berufswahl einschätzen. Die Lernenden die angeben, dieses Kriterium mehr berücksichtigt zu haben, erzielen eine tiefere ANBS. Hier stellt sich die Frage, inwiefern dieses Kriterium mit dem sozioökonomischen Hintergrund zusammenhängt. Das wäre Gegenstand einer weiteren Untersuchung. Dieser Forschungsbefund steigert das Verständnis darüber, welche Information in der ANBS steckt und gibt Hinweise dafür, welche Entwicklungsaufgaben in die Zeit der Berufslehre fallen, und welchen Einfluss diese auf den Erfolg in der Berufslehre haben können (positiv und negativ).

All diese dargestellten Prädiktoren sind der Mikroebene zuzuordnen und zeigen deutlich auf, dass die ANBS vor allem mit Prädiktoren dieser Ebene erklärt werden kann. Aber auch Einflüsse auf der Mesoebene konnten festgestellt werden: So kann für eine steigende Anzahl an Lernenden, die im Ausbildungsbetrieb im Bereich Kaufmann/-frau pro Lehrjahr ausgebildet wird, einen positiven Effekt auf die ANBS festgestellt werden. Ob das mit dem Selektionsverfahren der Ausbildungsbetriebe, mit der Zusammenarbeit der Lernenden untereinander oder mit anderen Faktoren zusammenhängt, wäre Gegenstand einer weiteren Untersuchung.

Weiter kann für die Mesoebene gezeigt werden, dass Klassen, die im Durchschnitt zufriedener mit ihrer Berufsfachschule sind, im Durchschnitt auch höhere ANBS erzielen. Zu diesem Klassenebeneneffekt kann für die Zufriedenheit mit der Berufsfachschule ein Kontexteffekt festgestellt werden. Dieser besagt, dass unter Kontrolle der individuellen Zufriedenheit Lernende aus einer durchschnittlich zufriedeneren Klasse auch höhere ANBS erzielen. Bezüglich dieser Klasseneffekte interessiert besonders, welche Faktoren diese Zufriedenheit mit der Berufsfachschule auf der Klassenebene ausmachen. Wie auf der Individualebene ist es denkbar, dass diese durch die höhere Leistungsfähigkeit der Klasse zustande kommt. Vorstellbar sind aber auch Faktoren wie die Lehrpersonenkompetenz, das Unterrichtsklima oder die wahrgenommene Unterstützung der Lernenden durch die Berufsfachschule. Diese Frage kann hier nicht beantwortet werden, scheint für zukünftige Untersuchungen aber von Bedeutung.

Im Vergleich zu anderen Studien kann der positive Effekt der Betriebsgrösse auf die ANBS nicht bestätigt werden. Auch kein Einfluss auf die ANBS wird für Lernende, die den Ausbildungsbetrieb gewechselt haben, und für solche, die ihre Berufslehre in einem Ausbildungsbetriebsverbund absolvieren, gefunden. Weiter zeigen das Geschlecht der Lernenden und die Berufsbildung der Eltern kein Effekt auf die ANBS. Zudem ist interessant, dass weder für die Zufriedenheit und für die Identifikation mit dem Beruf, noch für die allgemeinen Kontrollüberzeugungen ein Einfluss auf die ANBS gefunden wird. Auch der positive Zusammenhang der Selbstwirksamkeitserwartung und der beruflichen Ausbildung kann in der vorliegenden Untersuchung für die berufliche Selbstwirksamkeitserwartung und der ANBS nicht gefunden werden.

 
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