Diskussion und Fazit

Ziel dieses Beitrages war es zum einen, die Ausbildungs- und Erwerbsverläufe der Schulabgangskohorte 2000 darzustellen. Zum anderen sollte der Einfluss von Kompetenzen, schulischen Leistungsmerkmalen und familiärer Herkunft auf erfolgreiche berufliche Transitionen analysiert werden, um zu ergründen, wie diese am Ende der obligatorischen Schulzeit beobachteten Einflussgrössen langfristig bis ins junge Erwachsenenleben hinein wirken. Ausserdem haben wir Statuserwartungen zu verschiedenen Messzeitpunkten sowohl als Inputfaktoren als auch als „Outcome“ analysiert.

Die von TREE untersuchten jungen Erwachsenen haben die obligatorische Schule im Jahr 2000 verlassen. Die Deskription ihrer nachobligatorischen Ausbildungs- und Erwerbsverläufe zeigt zunächst, dass diese Verläufe an der ersten Schwelle, d.h. am Übergang zwischen den Sekundarstufen I und II, etliche Übergangsschwierigkeiten und Diskontinuitäten aufweisen. Diese lassen sich z.T. mit dem damals angespannten Lehrstellenmarkt in Verbindung bringen. Auch der Übergang von der beruflichen Grundbildung in den Arbeitsmarkt verläuft nicht immer reibungslos - und über mehrere Jahre hinweg gestaffelt. 2010, also zehn Jahre nach Austritt aus der obligatorischen Schulzeit und im Alter von durchschnittlich 26 Jahren, haben rund zwei Drittel der Kohorte das Ausbildungssystem verlassen und sind ausschliesslich erwerbstätig. Berücksichtigt man auch die Erwerbstätigkeit derjenigen, die 2010 noch in Ausbildung waren, erhöht sich die Erwerbsquote der Kohorte auf über 80 Prozent. Im internationalen Vergleich ist diese Quote ausserordentlich hoch und verweist auf eine insgesamt günstige Arbeitsmarktintegration junger Erwachsener in der Schweiz (OECD, 2002). Für schätzungsweise drei Viertel der Kohorte dürfte der Übergang von der Ausbildung ins Erwerbsleben zu diesem Zeitpunkt vollzogen sein.

Wie gut können sich junge Erwachsene bis zum Alter von durchschnittlich rund 26 Jahren beruflich positionieren, und wie nehmen sie diese Position wahr? Aus den Antworten der Befragten lässt sich herauslesen, dass viele zwar bereits einen beruflichen Status erreicht haben, der in etwa dem ihrer Eltern entspricht, dass sie aber in Zukunft einen noch höheren Status antizipieren. Dabei müssen aber bedeutsame Unterschiede je nach Herkunftsschicht beachtet werden: Junge Erwachsene aus Elternhäusern mit tiefem beruflichem Status erreichen zehn Jahre nach Schulaustritt selber einen deutlich niedrigeren Status als solche mit Eltern, die beruflich gut gestellt sind. Trotzdem haben erstere im Alter von durchschnittlich 26 Jahren ihre Eltern im Mittel hinsichtlich des beruflichen Status überflügelt. Dies ist jungen Erwachsenen aus Elternhäusern mit hohem beruflichem Status zu diesem Zeitpunkt (noch) nicht gelungen.

Der frühestmögliche Zeitpunkt für einen Abschluss der Sekundarstufe II ist für die untersuchte Kohorte das Jahr 2003, also drei Jahre nach Austritt aus der obligatorischen Schule. 2010 waren die durchschnittlich 26-jährigen untersuchten jungen Erwachsenen somit seit maximal sieben Jahren zertifiziert erwerbstätig. Das lässt es plausibel scheinen, dass sie nach eigener Einschätzung ihren „endgültigen“ beruflichen Status zu diesem Zeitpunkt noch nicht erreicht haben. Sie gehen von der Einschätzung aus, dass sie bis zum Alter von 30 Jahren noch einen höheren als den 2010 erreichten Status erworben haben werden, dass für sie somit weitere Aufstiegs- und Teilhabemöglichkeiten existieren. Inwiefern sich diese optimistische Antizipation für die Befragten realisieren wird, wird erst die Zukunft zeigen.

Die multivariate Analyse der Einflussfaktoren zeigt, dass das Geschlecht sowohl den erreichten als auch den erwarteten beruflichen Status im Alter von 30 Jahren beeinflusst. Die soziale Herkunft hingegen prägt nur den tatsächlich mit 26 Jahren erreichten beruflichen Status. Mit Blick auf die Leistungsmerkmale erweisen sich vor allem der auf Sekundarstufe I besuchte Schultyp und die PISALesekompetenz (nicht aber die Noten am Ende der obligatorischen Schulzeit) als relevante Prädiktoren. Die Statuserwartung am Ende der obligatorischen Schulzeit beeinflusst den tatsächlich erreichten Status ceteris paribus ebenso wie die Statuserwartung zehn Jahre später. Bei den Indikatoren zum Bildungsverlauf erweist sich nicht überraschend der erreichte nachobligatorische Abschluss als bedeutsam. Ein verzögerter Übergang in die Sekundarstufe II (Zwischenlösung oder keine Ausbildung im ersten oder zweiten nachobligatorischen Jahr) hat dagegen keinen signifikanten Einfluss auf den beruflichen Status. Dies ist insofern keineswegs trivial, als solche Übergangsverzögerungen, wie zahlreiche andere TREE-Analysen zeigen (Scharenberg et al., 2014), ihrerseits die Chance beeinflussen, einen nachobligatorischen Abschluss zu erreichen.

Askriptive bzw. Herkunftsmerkmale wie Geschlecht, soziale Herkunft und Migrationshintergrund wirken, so legen unsere Analysen nahe, über den ganzen Bildungsverlauf bis ins junge Erwachsenenalter. Sie beeinflussen den in diesem Alter erreichten beruflichen Status selbst unter Kontrolle nachgelagerter Faktoren. Einen eigenständigen Einfluss übt auch die Statuserwartung am Ende der obligatorischen Schulzeit aus, und zwar sowohl auf den später tatsächlich erreichten Status als auch auf spätere Statuserwartungen.

Hinsichtlich der Leistungsmerkmale ergibt sich in multivariater Betrachtungsweise ein zwiespältiges Bild: Langfristige Wirkung auf die berufliche Position zeigen vor allem der auf Sekundarstufe I besuchte Schultyp und die (als Bewertungskriterium im Bildungssystem unsichtbaren) PISA-Kompetenzen, nicht aber die (sichtbaren) Noten am Ende der obligatorischen Schulzeit. Dies setzt unter meritokratischen Gesichtspunkten ein deutliches Fragezeichen hinter die schulinterne Leistungsbewertung der Sekundarstufe I.

Aus dem Vergleich des eigenen mit dem elterlichen beruflichen Status wird deutlich, dass die tatsächlich erreichte berufliche Position einerseits und deren Wahrnehmung andererseits nicht deckungsgleich sind. Der vorliegende Beitrag legt erstmals für die Schweiz eine Analyse vor, die den familiären Kontext, aus dem die Jugendlichen stammen (Statusvergleich mit Vater), deren Statuserwartungen und deren tatsächlich erreichte berufliche Position parallel und in ihrer längsschnittlichen Entwicklung in den Blick nimmt. Damit ergibt sich ein differenzierteres Bild des beruflichen Werdegangs junger Erwachsener in der Schweiz.

Jugend- und bildungspolitisch brisant ist u.E. erstens der starke Einfluss des auf Sekundarstufe I besuchten Schultyps und der sozialen Herkunft auf die gesamte nachobligatorische Ausbildungs- und Erwerbseinstiegsphase – auch unter konsequenter Kontrolle der erbrachten Leistung. Dies weist auf erhebliche, strukturell bedingte Verletzungen des meritokratischen Prinzips hin, die, so legen unsere Ergebnisse nahe, durch die starke Stratifizierung der Sekundarstufe im schweizerischen Bildungssystem noch verstärkt bzw. begünstigt werden. Nicht minder brisant ist jedoch zweitens der Befund, wie stark die genannten Faktoren auch auf Statuserwartungen und -aspirationen wirken: Die soziale Herkunft und das stratifizierte Bildungssystem sind in der Schweiz nicht nur für erreichte Bildungstitel und berufliche Positionen massgeblich, sondern auch dafür, was sich junge Menschen von ihrer Zukunft zu erhoffen und erwarten wagen.

 
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