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3.2 Zur Situation der ArbeitsleistungserbringerInnen

Auch in diesem Abschnitt sind aufgrund der vagen Berufsklassifikationen nur ungenaue Angaben möglich, ähnlich wie die Angaben zu den Wirtschaftszweigen im vorherigen Abschnitt. Daher sind die meisten Angaben nur als Tendenz von Entwicklungen zu verstehen. Die Berufsklassifikation ist auch aufgrund der vielen möglichen Arbeitsfelder von Sozialarbeitern schwierig. Nach eigenen Schätzungen besteht die Möglichkeit, in ca. 150 verschiedenen Bereichen tätig zu werden (Heinz, 2012), womit bereits ein zentralen Problem für die Herausbildung einer kollektiven Identität erkenn bar wird, nämlich der Heterogenität der Arbeitsbereiche in dieser Berufsgruppe, welche das Zugehörigkeitsgefühl (Kap. 2.3.2) hemmen. Diese erschwert die Konstruktion einer Einheit aufgrund der starken Fragmentierung der Sozialarbeiter in den einzelnen Unternehmen und führt dazu, dass die Herausbildung einer sozialen Bewegung nach der Zeit des Studiums sehr unwahrscheinlich wird. Der einzige Zeitraum, an dem die künftigen Sozialarbeiter noch vereint sind und es möglich ist, die kollektive Identität zu stärken, ist die Zeit des Studiums. Daher sind auch hier die Hochschulen in der besonderen Verantwortung, die Studierenden nicht nur methodisch auszubilden, sondern auch auf die schwierigen Arbeitsbedingungen vorzubereiten oder zumindest die Problematik zu thematisieren (Framing Ansatz).

Abbildung 17: Anzahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in 1.000 (Branchenreport 2014 von Statista)

Des Weiteren wächst die Nachfrage an Sozialarbeitern ebenso wie sich die Umsätze seit Jahren kontinuierlich erhöhen, s. Abbildung 17.

Nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage hätten demzufolge die Sozialarbeiter eine gute Verhandlungsposition, um Forderungen zu stellen und bessere Arbeitsbedingungen zu verlangen, vorausgesetzt, es gäbe einen Zusammenschluss von Sozialarbeitenden.

Ein weiteres Problem aus Sicht des Collective Identity Ansatzs liegt in der anhaltenden Kluft der Bezahlung zwischen Frauen und Männern, s. Abbildung 18.

Diese ist seit Jahren gleichbleibend, auf einem Niveau von ca. 22,4 %. Frauen erhalten demnach ungefähr ein Viertel weniger Gehalt als Männer für die gleiche Arbeitsleistung. Für Berufsgruppen mit einem hohen Frauenanteil ergibt sich daraus von vornherein eine Benachteiligung in der Entlohnung. Davon betroffen ist auch die Soziale Arbeit, mit einem durchschnittlichen Frauenanteil von ca. 78 % (Statista, 2014).

Abbildung 18: Gender Pay Gap in % (WSI 2013)

Abbildung 19: Gehaltsvergleich nach Berufsgruppen (eigene Darstellung)

Die Bedeutung des Gehalts ist in einer kapitalistischen Gesellschaft nicht nur von materieller Art und bedeutsam für die zur Verfügung stehenden Ressourcen einer Berufsgruppe (RM Ansatz), sondern ist vielmehr auch Ausdruck von gesellschaftlicher Anerkennung und Wertschätzung, welche sich auf allen Ebenen: psychologisch, kulturell, ökonomisch, politisch und sozial auswirkt (Doyle, 1999 o. a. Simmel, 2009). Eine Folge von ausbleibender Anerkennung ist ein mangelndes Selbstbewusstsein, da Identitätsarbeit auch von außen abhängig ist (Wolf, 2014). Die unzureichende gesellschaftliche Anerkennung dieser Berufsgruppe führt somit zu einem minderwertigen beruflichen Selbstbewusstsein und hemmt damit die Herausbildung einer kollektiven Identität und eines beruflichen Habitus. Ein Vergleich mit anderen Berufsgruppen (Computerbild, 2014, Daten von Statista 2013) zeigt, dass sich die Bezahlung insgesamt am unteren Drittel bewegt, s. Abbildung 19.

Abbildung 20: Gehälter in akademischen Berufsausbildungen (spiegel.de)

Demnach erhalten Frauen im Gesundheitsund Sozialwesen durchschnittlich 2.447 Euro brutto, während Männer 3.968 Euro brutto im Monat bekommen. In der sozialen Arbeit erhalten eine Sozialpädagogin ca. 2.667 Euro und ein Sozialpädagoge ca. 3.080 Euro (WSI-Lohnspiegel-Datenbank, 2012). Im Gehälterverglich mit akademischen Ausbildungen wird Soziale Arbeit gar nicht mehr aufgeführt, s. Abbildung 20 (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung, 2012).

Als Bezugspunkt für die Einschätzung kann hier das aufgeführte Lehramt dienen, welches in der Abbildung 19 noch relativ gut erschien, im Rahmen von „Erziehung und Unterricht“ aber in diesem Vergleich nur noch einen schlecht entlohnten Beruf darstellt.

Darüber hinaus zeigt eine Studie des Instituts für Arbeitund Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen, dass zu den Gewinnern der aktuellen Mindestlohndebatte der sonstige Dienstleistungsbereich mit 28,9 % (ohne Gastgewerbe und Landwirtschaft) und sogar der Bereich von Erziehung und Unterricht mit 11,5 % zählen würden. Die Prozentangabe meint

Abbildung 21: Unbezahlte Arbeit nach Geschlecht (DGB Index Gute Arbeit 2013)

hierbei den Anteil der Personen aus dem jeweiligen Wirtschaftszweig, welche aktuell unter 8,50 pro Stunde erhalten (Bosch & Weinkopf, 2014).

Vor diesem Hintergrund findet in der Sozialen Arbeit zunehmend eine Aufspaltung zwischen „geringwertiger“ und „höherwertiger“ Tätigkeit statt, bei der die schlechteren Arbeitsund Einkommensbedingungen hauptsächlich zu Lasten von Frauen gehen und in Führungspositionen eher Männer vertreten sind (Stolz-Willig, 2011). Im Hinblick auf die gesellschaftliche Anerkennung und Wertschätzung werden hierbei zwei Fakten deutlich. Zum einen wird die Arbeitsleistung von Frauen generell weniger wertgeschätzt und zum anderen ist die gesellschaftliche Anerkennung von Sozialer Arbeit als gering zu bezeichnen.

Ebenfalls von Bedeutung aus geschlechtsspezifischer Sicht ist die Bereitschaft zu unbezahlter Arbeit, da Frauen öfter als Männer unbezahlte Arbeit leisten, s. Abbildung 21.

Während Männer in 61 % der Fälle nie unbezahlte Arbeit für den Betrieb erbringen, sind es bei den Frauen nur 55 %. Die Bereiche, in denen am häufigsten unbezahlte Arbeit geleistet wird, sind ebenfalls eindeutig, s. Abbildung 22. Wie der Übersicht zu entnehmen ist, wird im Sozialwesen am zweithäufigsten unbezahlte Arbeit geleistet, gleich nach „Erziehung und Unterricht“ mit einem ähnlich hohen Frauenanteil.

Als weitere Ursache des negativen Berufsbildes werden im Branchenreport 2014 die als „herausfordernd“ bezeichneten Arbeitsbedingungen genannt (Statista, 2014: 7). Wie herausfordernd diese Folgen der Ökonomisierung sind, wurde inzwischen in mehreren Monografien, unter anderem von Wohlfahrt, Nodes, Seithe, Enggruber, Mergner, Dahme, Stolz-Willig, be-

Abbildung 22: Unbezahlte Arbeit nach Branchen (DGB Index Gute Arbeit 2013)

schrieben. Dabei lassen sich drei allgemeine Tendenzen konstatieren: Zum einen kommt es zu einer zunehmenden Deregulierung und Flexibilisierung der Beschäftigungsverhältnisse (Zunahme flexibler Arbeitszeitmodelle und Befristungen), zum anderen zu einer Labilisierung und Fragmentierung der Beschäftigung (z. B. Honorarkräfte, Leiharbeiter, Minijobs, Midijobs, IchAGs) und darüber hinaus zu einer Verehrenamtlichung der Sozialen Arbeit (Wohlfahrt, 2007 zit. n. Hocke, 2012: 18). Beschleunigt wurde diese Entwicklung in den Beschäftigungsund Entlohnungsbedingungen durch den Übergang im Jahr 2005 vom BAT (Bundes-Angestelltentarifvertrag) zum TVÖD (Tarifvertrag für den Öffentlichen Dienst) und die dadurch entstandene Tarifflucht der Freien Träger (Stapf-Finé, 2013, o. a. Eichinger, 2009).

Abbildung 23: Berufsgruppen mit den meisten Arbeitsunfähigkeitstagen aufgrund von Burn-out-Erkrankungen in 2011 (Statista 2014)

Die Prekarisierung wirkt sich dabei gleich auf mehrere Paradigmen der Bewegungsforschung aus, unter anderem auf die kollektive Identität aufgrund der mangelnden Anerkennung und des negativen Berufsbilds durch die Arbeitsbelastungen, des Weiteren auf den RM Ansatz durch die geringe Entlohnung und den hohen Zeitaufwand. Darüber hinaus schüren diese die existenziellen Ängste vor dem sozialen Abstieg, was die Mobilisierung belastet (Structural Strains Ansatz).

Eine Folge dieser Prekarisierung lässt sich anhand der Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund von Burn-out-Erkrankungen ablesen, s. Abbildung 23. Hauptsächlich betroffen sind demzufolge Personen aus sozialen Tätigkeitsbereichen, allen voran: Heimleiter, Sozialpädagogen, Sozialarbeiter und Sozialpfleger. Darüber hinaus ist diese Art der „Verbrennung“ von Menschen ein lukratives Geschäft für die Unternehmen, da diese die Gewinne erzielen, verursacht durch Arbeitsverdichtung und Effizienzdruck und die kostenintensiven Folgen der Behandlung der Gesellschaft überlassen. Damit dem begegnet werden kann, bedarf es einer beruflichen Interessenvertretung, welche noch immer „nur am Rande der Bedeutungslosigkeit“ (Racke, 2003) existiert. Die Schätzungen der gewerkschaftlich organisierten SozialarbeiterInnen gehen von ca. 20 % aus, welche dazu noch aufgesplittert sind bei Ver.di mit 11,4 %, GEW mit 7,5 % und dem DBSH mit 1,1 % (Heinz, 2012), wodurch eine weitere Fragmentierung stattfindet und eine Bewegungsorganisation erschwert wird. Im Kontrast zur Unzufriedenheit, bedingt durch die Prekarisierung, steht eine hohe Zufriedenheit durch die Sinnhaftigkeit der eigenen Arbeit und die Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen im Team (Luma, 2012 zit. n. Stapf-Finé, 2013). Diese Zufriedenheit könnte eine teilweise negierende Wirkung auf die Unzufriedenheit haben.

Inwieweit die Ökonomisierungsprozesse noch voranschreiten müssen, damit es zu Protesten kommt (Structural Strain Ansatz), bleibt abzuwarten. Zu konstatieren ist jedoch die stetige Zunahme der Prekarisierung, welche nicht erst im Berufsleben beginnt, sondern bereits im Studium anfängt, wie das folgende Kapitel zeigt.

 
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