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5 Resümee und Ausblick

Es gibt keinen Zweifel daran, dass sich die aktuelle Entwicklung weiter fortsetzt und zu einer stetig steigenden Prekarisierung innerhalb der Sozialen Arbeit führen wird. Ebenso betroffen sind davon auch die anderen sozialen Berufe, da die Ursachen ebenso für diese gelten.

Die Frage, warum es zu keinen Protesten oder einer sozialen Bewegung innerhalb dieser Berufsgruppe kommt, trotz der zunehmenden Prekarisierung, kann durch diese Arbeit in groben Ansätzen beantwortet werden. Methodisch erwies sich dabei die Kombination der Paradigmen von sozialen Bewegungen mit den sozioökonomischen Daten der Berufsgruppe als sinnvoller Ansatz für neue Erkenntnisse. Wie die Arbeit zeigt, bestehen multikausale Ursachen, welche bei den entpolitisierenden Neigungen durch die Entwicklungsursprünge beginnen und durch die Prekarisierung selbst beeinflusst werden. Hierbei wurden die Wirkungsweisen der sozioökonomischen Verhältnisse aus Sicht der einzelnen Paradigmen von sozialen Bewegungen deutlich und zeigen im Rahmen der abschließenden Faktorenübersicht, wie unwahrscheinlich eine Mobilisierung unter den bestehenden Verhältnissen ist. Somit gilt die Hypothese dieser Arbeit als bewiesen.

Wie die Faktorenübersicht darüber hinaus zeigt, lastet dabei die Mehrheit der Faktoren auf der kollektiven Identität, welche hierdurch massiv beeinträchtigt wird. Dieses Gefühl der kollektiven Verbundenheit kann sich von daher ab der Zeit nach dem Studium kaum noch einstellen und im Studium selbst fehlt es an Framing. Entscheidend beitragen könnte dazu auch die Thematisierung der Bewegungsforschung selbst im Studium. Dies würde insbesondere die kollektive Identität stärken, da es die Entstehung der Profession und gleichzeitig den politischen Charakter verdeutlicht. Die Thematisierung könnte dabei an bestehende Module, wie die Geschichte der Sozialen Arbeit oder Sozialpolitik, anknüpfen, da die Bewegungsforschung hierbei eine Brücke zwischen den genannten Modulen darstellt und den Studierenden eine genauere gesellschaftliche Verortung ermöglichen würde. Des Weiteren würde dies die Erkenntnis über die Veränderbarkeit von gesellschaftlichen Verhältnissen unterstützen. Aus diesen Gründen kommt den Hochschulen eine besondere Bedeutung zu. Diese sind in der Verantwortung die Studierenden auf die Prekarisierung aufmerksam zu machen und dieser entgegenzuwirken. Unterstützt werden könnte dies durch die Gründung eines an der Hochschule angesiedelten Instituts, welches in regelmäßigen Abständen zu diesem Thema berichtet und dadurch auch zu einem Ansprechpartner für die Politik werden würde. Neben der inhaltlichen Arbeit dieses Instituts, geht aus den Erkenntnissen der Bewegungsforschung hervor, dass der Fokus bei der Veröffentlichung von Informationen auf den sog. sozialen Medien liegen müsste. Diese haben in den letzten Jahren immer stärker an Bedeutung gewonnen und sind zu einem entscheidenden Kriterium bei der Mobilisierung von Personen geworden. Wie der Wahlkampf in den USA im Jahr 2008 gezeigt hat, führte der Einsatz dieser Medien zu einem Überraschungserfolg und zu einem enormen Spendenaufkommen für den damaligen politischen Außenseiter Barack Obama. Vielfältig erweitern ließe sich diese Idee durch die Einbindung von Studierenden, wie es im Konzept des Campus Office von 2012 beschrieben ist.

In den USA sind es übergeordnete Organisationen, wie die National Association of Social Workers (NASW) oder das Council on Social Work Education (CSWE), welche diesbezüglich wichtige Aufgaben übernehmen, indem sie z. B. über das Wahlverhalten der Abgeordneten informieren, Lobbyarbeit leisten oder für ein einheitliches Curriculum an den Hochschulen Sorge tragen. Darauf zu warten, dass sich nach dem Structural Strains Ansatz die Verhältnisse weiter verschlechtern, bis es zu einer sozialen Bewegung kommt, wäre nach diesem Erkenntnisstand eine fatale Strategie für die Arbeitsleistungserbringer, da bis dahin die flächendeckende Prekarisierung der eigenen und weiterer Berufsgruppen in Kauf genommen wird, obwohl dem durch ein stärkeres Framing an den Hochschulen entgegengewirkt werden könnte. Am Beispiel der aktuellen Debatte um die Hebammen in Deutschland werden die Folgen einer zunehmenden Prekarisierung deutlich, welche erst kurz davor standen, nicht länger praktizieren zu können, bevor politisch genug Druck für Lösungsund Verbesserungsvorschläge aufgebaut wurde. Bei diesem Vergleich existieren nicht nur Parallelen in der zunehmenden Prekarisierung, sondern auch in der politischen Verhandlungsposition auf Bund und Länderebene, welche bislang ebenso verteidigungslos und damit fremdbestimmt waren. Ohne eine politische Einmischung wird sich von daher an der aktuell prognostizierten Entwicklung nichts ändern. Bereits jetzt gehen Schätzungen davon aus, dass 28,9 % im sonstigen Dienstleistungsbereich vom gesetzlichen Mindestlohn profitieren werden. Dabei bezieht sich diese Arbeit permanent auf relativ unpräzise Datenlagen, da bislang keine konkreten Daten zur Situation innerhalb der Sozialen Arbeit erhoben werden, wodurch sich die Problematik noch weiter verschärft. Ein Problem, das nur undeutlich beschrieben werden kann, kann ebenso nur schwerlich gelöst werden. Die NASW hat diesbezüglich die genaue statistische Erfassung der Berufsgruppe als eine Schlüsselkomponente für die gesellschaftliche Wahrnehmung und Anerkennung beschrieben.

Die Ergebnisse dieser Arbeit zeigen die Vielschichtigkeit der Problematik auf, aber gleichzeitig auch, an welchen Punkten die Veränderungen erfolgen müssen. Dabei sind es vermeintlich kleine Schritte, wie das Netzwerk Prekäres Praktikum, die „Erfurter Erklärung für gute Arbeit in der sozialen Arbeit und der Kindheitspädagogik“ oder Projekte wie „Hochschule in Verantwortung“ der Alice Salomon Hochschule in Berlin, welche bereits zur Verbesserung beitragen können. Von großer Bedeutung werden die Verhandlungen ab 2015 sein, bei denen die Tarife der Entgeltordnung (EGO) für den Sozialund Erziehungsdienst der Kommunen (SuE) neu verhandelt werden. Jedoch erscheint in Anbetracht der gesellschaftlichen Ursachen für die Prekarisierung die Frage „Sozialreform oder Revolution?“ von Rosa Luxemburg aus dem Jahr 1899 wieder zunehmend an Aktualität zu gewinnen. Ähnlich wie bei den Anfängen der Frauenbewegung und Arbeiterbewegung muss anscheinend die Soziale Arbeit erst wieder lernen, sich selbst beizustehen, obwohl es sich hierbei paradoxerweise um eine gesamte Profession von Helfenden und Unterstützenden handelt. Insofern ist die einleitend erwähnte plakative Frage: „Sozialfall Sozialarbeiter?“ durchaus berechtigt und impliziert auch die paradoxe Situation.

 
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