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1. Kulturbegriffe

Die Frage „Was ist Kultur?“ wurde nicht zu Unrecht als „Gretchenfrage der Moderne“ (Baecker 2011, S. 237) bezeichnet. Dennoch ist der Kulturbegriff im öffentlichen Diskurs, insbesondere in den Medien und in den politischen Debatten, allgegenwärtig und zu einem viel strapazierten Modewort geworden. Am Beginn dieser Einführung in das Kulturmanagement steht deshalb eine Reflexion über die Implikationen dieses Begriffs und seine verschiedenen Anwendungen im Kulturmanagement und in verwandten Themengebieten.

1.1 Alltagssprache

In der Alltagssprache wird der Kulturbegriff zunehmend inflationär gebraucht. Von der Unternehmenskultur über die Aktienkultur bis zur Spielkultur wird kein Thema von einer begrifflichen kulturellen Überhöhung ausgenommen. In einer Sendung des Hessischen Rundfunks am 13.5.2010, die der Bedeutung der Pause gewidmet war, wurde darauf hingewiesen, dass mit der Verkürzung der Mittagspause bzw. deren vollständigem Ausfall der Verlust von gleich drei Kulturen verbunden sei: der Zeitkultur, der Gesprächskultur und der Geschmackskultur. „Ohne Kultur geht nichts mehr. Nicht die Organisation des eigenen Lebens und die Repräsentation der Gesellschaft, nicht die Vermittlung von Politik und der Verkauf von Waren. Alles scheint auf jenes diffuse Medium Kultur verwiesen, das in den theoretischen Konstrukten von gestern noch als relativ autonomer Bereich der Gesellschaft gegenübergestellt werden konnte. Heute sieht es so aus, als hätten wir es mit einer ungeheuren Expansion des Kulturellen zu tun, die bald alle Lebensbereiche und Lebenstätigkeiten zu umgreifen scheint“ (Knödler-Bunte 1987, S. 21).

Dieser weitgehend unreflektierte Gebrauch führt zu einer Beliebigkeit des Kulturbegriffs, die bis zu dessen Sinnentleerung reicht. Gleichzeitig zeigt dieses Phänomen aber auch, wie sehr eine scheinbare Nähe zur Kultur die Erwartung impliziert, nahezu jedes Phänomen der Gewöhnlichkeit entheben zu können. „Daß sich mit dem Wort Kultur alles Benennbare benennen läßt, gilt der Kultursoziologie als Allgemeinplatz und als Hinweis darauf, daß es mit seinen begrifflichen Qualitäten nicht weit her ist. Wenn man sich Abhilfe von einem Algorithmus verspricht, mit dessen Hilfe man genauer eingrenzen kann, was als Kultur gelten soll und was nicht, entsteht die wenig überzeugende Situation einer Definition, die nicht weiß, wovon sie sich abgrenzt“ (Saake und Nassehi 2004, S. 102).

Die wichtigsten alltagssprachlichen Verwendungen und die damit zum Ausdruck gebrachten Facetten des Kulturbegriffs sind die folgenden (Hansen 2000):

• „Meier macht ständig einen auf Kultur“ – Kultur als Teil der Hochkultur der Künste und des Kulturbetriebs

• „Die Müllers haben keine Kultur“, der Kulturbeutel im Reisegepäck – Kultur als besonderer Lebensstil, Kultiviertheit des sozialen Umgangs, feine Lebensart, Erziehung und Bildung; Kultur hat insbesondere in diesem Zusammenhang auch einen wertenden Aspekt: Sie gilt in einer diffusen Weise als etwas Höheres und Besseres. Wer nicht über Kultur verfügt, sollte sich dies möglichst nicht anmerken lassen.

• „Frau Schulz reist gerne, weil sie sich für andere Kulturen und Länder interessiert“, die Subkultur der Grufties – Kultur als unterscheidende Lebensformen in Gemeinschaften und Ländern; Kultur hat unter diesem Aspekt zwangsläufig auch eine ausgrenzende Konnotation: Wer über die betreffende Kultur nicht verfügt, steht außerhalb dieser Gemeinschaft.

• „Der neue Jogurt von XY – jetzt mit probiotischen Kulturen“ – Kultur als domestiziertes Naturphänomen (Landwirtschaft, Kulturlandschaft)

• Das Kulturamt der Stadt N. N. – Kultur als Gesamtheit der geistigen und künstlerischen Lebensäußerungen

Den in den ersten beiden alltagssprachlichen Verwendungen zum Ausdruck gebrachten Begriff von Kultur nennt Thomas Bargatzky die „herkömmliche Auffassung des Mitteleuropäers“ (Bargatzky 1989, S. 60). Den empirischen Nachweis, dass es sich dabei um den gängigen Kulturbegriff der deutschen Bevölkerung handelt, erbringt eine Repräsentativumfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach, die im Oktober 1991 unter dem Titel „Kulturelles Interesse und Kulturpolitik“ veröffentlicht wurde (alle folgenden Zahlen aus Institut für Demoskopie Allensbach 1991).

Das Umfrageergebnis offenbart ein sehr traditionelles Kulturverständnis: Kunst, Sprache, Tradition, Tischsitten und Erziehung sind in dieser Reihenfolge die Assoziationen, die von mehr als der Hälfte der Bevölkerung auf die Frage nach dem Kulturbegriff genannt werden. Nur vier Prozent der Bevölkerung bringen Kultur mit der Assoziation „überflüssig“ in Verbindung. Zu einer früheren Umfrage aus dem Jahr 1982 haben sich dabei keine signifikanten Veränderungen ergeben, und auch eine Aufschlüsselung der Antworten auf Bevölkerungskreise mit großem, mäßigem oder geringem Interesse für kulturelle Themen führt nicht zu einer Verschiebung der meistgenannten Begriffe.

Auf die Frage nach Themenbereichen der Kultur werden von mehr als der Hälfte der befragten Menschen folgende Bereiche in dieser Reihenfolge benannt: Theater (90 %), Malerei (88 %), Geschichte (84 %), Bücher (83 %), Religion (57 %) und Reisen (54 %). Auch hier zeigen sich keine grundsätzlichen Veränderungen zu einer Befragung aus dem Jahr 1981.

Dass für die Bevölkerung primär das seit Langem Anerkannte zur Kultur zählt und wesentliche Elemente der modernen Kultur ausgegrenzt werden, zeigen noch deutlicher die Antworten auf die Frage nach kulturellen Einzelthemen. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung benennt die folgenden Themen in dieser Reihenfolge: Goethes gesammelte Werke (79 %), Musik von Mozart (76 %), Musik von Johann Sebastian Bach (74 %), Bilder von Rembrandt (74 %), als einzigen Beitrag aus dem 20. Jahrhundert die Bilder Picassos (63 %), das Werk Luthers (58 %) und Volkslieder (56 %). Auch hier hat sich während eines Jahrzehnts keine Veränderung der Reihenfolge ergeben.

Dieser Bevorzugung traditioneller kultureller Hervorbringungen entspricht auch die Beantwortung der Frage „Würden Sie sagen, dass die deutsche Kultur heute in einer Blütezeit steht, oder würden Sie das nicht sagen?“ Über die Hälfte der Befragten (51 % im Westen, 55 % im Osten) antwortet mit „Würde ich nicht sagen“.

1982 wurde bei der UNESCO-Weltkulturkonferenz MONDIACULT in Mexiko Stadt ein so genannter erweiterter Kulturbegriff als Arbeitsdefinition der UNESCO formuliert. Wie bereits im Rahmen mehrerer Konferenzen, die in der Zwischenzeit stattgefunden hatten, griff die 31. UNESCO-Generalkonferenz im November 2001 in Paris die Thematik nochmals auf und bestätigte in wörtlicher Übereinstimmung mit dem Beschluss von 1982, „dass Kultur als Gesamtheit der unverwechselbaren geistigen, materiellen, intellektuellen und emotionalen Eigenschaften angesehen werden sollte, die eine Gesellschaft oder eine soziale Gruppe kennzeichnen, und dass sie über Kunst und Literatur hinaus auch Lebensformen, Formen des Zusammenlebens, Wertesysteme, Traditionen und Überzeugungen umfasst“.

Auf diese Definition des Kulturbegriffs durch die UNESCO wird in Deutschland wie in allen anderen Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen bei allen verbindlichen Äußerungen der Legislative und der Exekutive zurückgegriffen.

 
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