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1.2 Historische Entwicklungen

Die Wortbedeutung des Kulturbegriffs geht auf das Lehnwort des lateinischen Substantivs „cultura“, das vom Verb „colere“ abgeleitet ist. Seine Bedeutung „pflegen, bestellen, bebauen“ bezog sich ursprünglich auf den Ackerbau. „Cultura“ ist deshalb umgestaltete Natur. Damit impliziert der Begriff der Kultur schon etymologisch sowohl den Aspekt der Aktivität als auch ein Spannungsfeld zwischen Pflegen und Bewahren einerseits und dem Hervorbringen von neuem andererseits. Der Aufbau einer so verstandenen Kultur bedeutet eine Emanzipation von der Natur und umfasst im weitesten Sinne alles, was der Mensch selbst gestaltend hervorbringt. Kultur ist damit der Gegensatz zu der vom Menschen nicht geprägten, sondern vorgefundenen Natur. Die Welt kann in diesem System mit zwei Begriffen vollständig beschrieben werden: Natur (alles, was an Materie vorhanden ist und was in dieser geschieht) und Kultur (alles menschliche Wissen und alle Haltungen und alle Produkte menschlichen Handelns).

Zur Beschreibung dieses Gegensatzes zur Natur wird der Kulturbegriff auch in der Gegenwartssprache noch explizit gebraucht, wenn von geplanten Anpflanzungen (z. B. Monokulturen) im Gegensatz zu Pflanzen die Rede ist, die sich ohne Zutun des Menschen entwickeln.

Im ersten Jahrhundert v. Chr. wurde der Begriff „cultura“ zum ersten Mal in einer analogen Anwendung von der äußeren auf die innere Natur übertragen. Cicero verwendete den Terminus „cultura animi“ (Pflege des Geistes) als Bezeichnung für die philosophische Erziehung eines Individuums und erweiterte ihn damit um eine abstraktere Bedeutung. Kultur wird damit zur Veränderung der äußeren und inneren Natur durch menschliche Arbeit sowohl an Objekten als auch an Subjekten.

Erst im 17. Jahrhundert wurde der Kulturbegriff auf Gemeinschaften bezogen. Als Ergebnis der Wandlung der Vorstellung von der Natur von einem Zustand des christlichen Paradieses zu einem außerhalb der geordneten Welt befindlichen unwirtlichen Raum setzte Samuel Freiherr von Pufendorf (1632–1694) dem trostlosen „status naturalis“ den anzustrebenden „status culturalis“ entgegen. Der Begriff der Kultur näherte sich damit dem Begriff der Zivilisation, zu dem er seit dem Ende des 18. Jahrhunderts in Deutschland nahezu als Synonym verwendet wurde. Dass „Kultur“ ein relativ neuer Begriff des deutschen Sprachgebrauchs ist, zeigt auch die Tatsache, dass es dazu im Wörterbuch der Gebrüder Grimm noch kein Stichwort gibt. „Kultur“ kommt dort nur in seiner traditionellen Bedeutung als Abgrenzung zur Natur im Zusammenhang mit der Landbestellung, dem Treibhaus, den Fichten, dem Wein, den Tulpen und Wiesen vor.

Johann Gottfried Herder (1744–1803) ergänzte den Kulturbegriff um die Annahme einer kontinuierlichen Entwicklung zu einem immer höheren Niveau, indem er davon ausging, dass im Laufe der Menschheitsgeschichte in allen Ländern der jeweilige Stand der Kultur allmählich zunehme. „Die Kultur eines Volkes ist die Blüte seines Daseins, mit welcher es sich zwar angenehm, aber hinfällig offenbaret. Wie der Mensch, der auf die Welt kommt, nichts weiß – er muß, was er wissen will, lernen –, so lernt ein rohes Volk durch Übung für sich oder durch Umgang mit anderen“ (Herder 1903, S. 157).

Im Zuge dieser Entwicklung steht die Kultur nicht mehr nur in Opposition zur Natur. Mittels der Kultur seiner Persönlichkeit unterscheidet sich der Mensch auch vom Tier und von weniger entwickelten Gemeinschaften. Die Kultur ordnet eine in dieser Zeit komplexer werdende Gesellschaft mit einsetzenden Differenzierungsprozessen und kann sich dabei mit der Naturwissenschaft und der Technik zusätzlicher Argumente bedienen.

Durch menschliches Handeln werden Naturordnungen zu Kulturordnungen. Diese fallen in verschiedenen Gruppen (z. B. Regionen, Epochen, Klassen) unterschiedlich aus. Dadurch entstehen im Prozess der kulturellen Entwicklung nach bestimmten Kriterien unterscheidbare kulturelle Identitäten. Erst diese Entwicklung einer nicht gleichförmigen kulturellen Dynamik in verschiedenen Gruppen und Zeitabschnitten begründet die Unterscheidung zwischen einer eigenen Kultur und den fremden Kulturen und damit die Idee einer kulturellen Pluralität und Interkulturalität.

Die Basis für die aktuelle wissenschaftlich reflektierte Verwendung des Kulturbegriffs legten die Anthropologen und die Ethnologen. Sie plädierten für einen sehr weiten Kulturbegriff, um ihn auf eine Vielzahl von verschiedenen Gesellschaften und Phänomenen anwenden zu können. „Man kann gut erkennen, daß mit der Einführung dieses Begriffs in die europäische Diskussion in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts auf eine immense Ausdehnung der bekannten Welt reagiert wurde, Ausdehnung sowohl in historischer als auch in territorialer Hinsicht. Für die damit gegebenen Vergleichsmöglichkeiten brauchte man eine gleichsam neutrale Grundlage – mochte es sich um Töpferei handeln oder um Religion, um politische Ordnungen oder um Formen der Familienbildung. Dafür wurde zunächst der Begriff der Kultur zur Verfügung gestellt“ (Luhmann 2008, S. 428). Kultur wird sie deshalb als die Gesamtheit aller Phänomene verstanden, die ihre Wurzeln in der menschlichen Fähigkeit haben, die eigenen Versuche einer Problemlösung systematisch auszuwerten und deren Ergebnisse in Schrift und Sprache festzuhalten und damit weitergeben zu können. Kultur ist dann ein komplexes Ganzes, das Wissen, Glaube, Kunst, Moral, Gesetze, Gewohnheiten und alle anderen Phänomene umfasst, die sich der Mensch als Mitglied der Gesellschaft aneignet.

Der Kulturbegriff unterliegt somit seit der Antike einer fortdauernden semantischen Erweiterung, die bis in die Gegenwart anhält.

 
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