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3.5 Kulturentwicklungsplanung

Zentrale Aufgabe der Kulturentwicklungsplanung (KEP) ist es, die Bestandsaufnahme kultureller Angebote und Einrichtungen mit kulturpolitischen Zieldiskussionen zusammenzuführen und daraus Entwicklungsperspektiven für kulturelle Aktivitäten und die kulturelle Infrastruktur zu planen (Heinze 2004). Im Kontext der Bestandsaufnahme der Kulturszene sind die wichtigsten Daten und Fakten zur Kulturarbeit zusammenzutragen (Kulturnetzanalyse) sowie die Inhalte und Grundstrukturen der öffentlichen und freien Kulturarbeit darzustellen.

Auf dieser Basis kann der Bedarf an inhaltlichen und strukturellen Veränderungen entsprechend der Analyse der Stärken und Schwächen der jeweiligen Kulturarbeit aufgezeigt werden. Dabei geht es vor allem darum, das Kulturangebot hinsichtlich seiner Zielsetzungen zu operationalisieren, um auf diesem Weg willkürliche Konsolidierungseingriffe vom Kulturbereich fernzuhalten und alle Beteiligten, insbesondere die finanzpolitisch orientierten Gesprächspartner, zu einer Diskussion auf operationalisierter Basis zu zwingen. In diesem Sinne ermöglicht Kulturentwicklungsplanung gerade auch in Zeiten knapper Haushaltsmittel, kulturpolitische Konzepte entsprechend den finanziellen Bedingungen zu entwickeln und die passenden strukturellen Veränderungen zu ihrer Umsetzung zu diskutieren und in die Wege zu leiten. Sie erleichtert damit eine zielgerichtete Förderung der Kultur.

Kulturentwicklungsplanung ist nur dann erfolgreich, wenn sie als kommunikativer und kooperativer Prozess betrieben wird. Dies bedeutet, dass von Anfang an möglichst viele kulturelle und kulturpolitische Akteure in die Diskussion und Erarbeitung der Kulturentwicklungsplanung einbezogen werden müssen. Neben der Einholung der Expertenmeinungen aus der öffentlichen Kulturverwaltung, den freien, gemeinnützigen Einrichtungen und von den privatwirtschaftlichen Anbietern und der Berücksichtigung des jeweils spezifischen Erfahrungswissens und der Zukunftssicht dieser Kreise sollten auch die Wünsche, Anregungen und Bedürfnisse verschiedener Interessengruppen erhoben und ausgewertet werden, um einen für alle Beteiligten größtmöglichen Konsens zu erzielen. Die einzubeziehenden Interessengruppen können beispielsweise sein:

• Engagierte Bürger einer Kommune: Es soll ein Einblick in die Bürgersicht gewonnen und in Erfahrung gebracht werden, wie das kulturelle Angebot der Stadt aus der Perspektive der Adressaten beurteilt wird.

• Jugendliche und junge Erwachsene: Sie gehören zur wichtigsten Zielgruppe kultureller Angebote im Rahmen ästhetischer Erziehung und kultureller Bildung.

• Lehrer: Sie sind selbst Nutzer von Kulturangeboten, können darüber hinaus aber auch als Multiplikatoren fungieren.

• Nutzer von Museen, Theatern, Bibliotheken oder anderen Kulturangeboten

Eine in diesem Sinne konzipierte Kulturentwicklungsplanung sichert und erhöht die Legitimation der öffentlichen Kulturförderung auch in Zeiten finanzieller Not. Eine gemeinsam von Vielen erarbeitete und getragene Kulturentwicklungsplanung leistet darüber hinaus einen Beitrag zur Sicherung der kulturellen Infrastruktur. Jede Kulturarbeit hat – konzeptionell – eine Balance zwischen historisch gewachsenem kulturellem Schaffen in seiner herkömmlichen, unverwechselbaren Art sowie den jeweiligen zeitlichen Entwicklungen und Erwartungen herzustellen. Dies betrifft sowohl die „Hardware“ als auch die „Software“ der Kulturarbeit.

Bezogen auf die „Hardware“ bedeutet dies, Baulichkeiten und andere Einrichtungen vorzuhalten, die als unverzichtbarer Rahmen für kulturelle Veranstaltungen und das kulturelle Leben erforderlich sind (z. B. Kulturhäuser, Theater, Stadthallen, Museen, Musikschulen, Bibliotheken). Die Kombination von Tradition und zeitgemäßer Ausformung kultureller Angebote („Software“) sowie die ständige Bereitschaft, sich neuen Entwicklungen und Perspektiven zuzuwenden, machen den Nährboden, die Vielfalt und Attraktivität des kulturellen Angebots aus. Kultur und kultureller Anspruch sollten ständiger Begleiter und Gradmesser öffentlichen Handelns und öffentlicher Verantwortung sein.

Jede Gemeinde und jede Stadt hat den kulturellen Auftrag, ein Basisangebot vorzuhalten. Dieses umfasst nach derzeitigen Maßstäben Musikschulen, Kunstschulen, Bibliotheken, Volkshochschulen und Weiterbildungseinrichtungen als unmittelbaren Kernbereich. Darüber hinaus gilt es aber auch, im Veranstaltungsund Unterhaltungssektor zumindest subsidiär tätig zu werden.

Spezifische Schwerpunkte, Aktivitäten, Höhepunkte und Akzente im kulturellen Erscheinungsbild können zumeist nur interkommunal organisiert und finanziert werden. Dies bedeutet, dass zwar einerseits die jeweilige kommunale Selbstverantwortung erhalten und gestärkt werden muss, andererseits aber durch einen Verbund ein zusätzlicher Impuls gesetzt und eine Abrundung der Angebotssituation realisiert werden kann.

Künftig wird die Nachfrage nach öffentlichen und privaten kulturellen Leistungen und Angeboten weiter ansteigen und gleichzeitig die Angebotssituation noch breiter und vielfältiger werden. Für die Kulturpolitik stellt sich deshalb die Frage, wie sie mit einem verantwortbaren Aufwand an öffentlichen Mitteln ein möglichst vielfältiges, ansprechendes und an einen breiten Adressatenkreis gerichtetes Programm anbieten kann.

Jede Kulturarbeit muss einerseits hat auf die historisch gegebenen Bedingungen und Strukturen reagieren und sich andererseits neuen kulturellen Erlebnisformen öffnen, um eine Musealisierung des Kulturlebens zu vermeiden. Kulturpolitik muss daher immer einen Sinn für das Machbare und das Zukünftige bewahren. Die Diskussion entlang dem Bestehenden ist deshalb zu ersetzen durch das schöpferische Vordenken von Entwicklungen, in denen sich Kulturarbeit künftig entfalten kann. Den Rahmen dazu kann die Kulturentwicklungsplanung liefern.

Eine Kulturentwicklungsplanung gliedert sich in einen Analysebereich und einen Zielund Maßnahmenbereich (Wagner 1997, S. 63–73). Die Kulturanalyse im Sinne einer Stärken-/Schwächenanalyse teilt sich wiederum in die Betrachtung der öffentlich getragenen Kulturarbeit und die Reflexion der Kulturarbeit von Vereinen, Gruppen und nichtöffentlichen Institutionen. Als Folgerung aus der Stärken-/ Schwächenanalyse müssen Ziele für die Kulturarbeit gefunden werden. Das Zielsystem ist als hierarchisches Zielsystem zu verstehen.

Die Entwicklung von Visionen ist eine wichtige Planungsvoraussetzung. Visionen sind Bilder der Varianten der Zukunft. Sie machen vorstellbar, welche Möglichkeiten es zum Beispiel für eine Stadtgesellschaft geben kann. Visionen sind wirtschaftlich relevant, weil sie das Denkspektrum und die Entscheidungsvielfalt für unterschiedliche Zukunftsplanungsmöglichkeiten deutlich machen und helfen können, durch entsprechende Handlungen unerwünschte Folgen zu vermeiden und gewünschte Situationen herbeizuführen.

Zwischen der Ebene der Visionen und der Ebene der strategischen Ziele befindet sich die Planungsebene der Leitbilder. Leitbilder beschreiben bildhaft angestrebte gesellschaftliche Zustände, etwa in einer Stadt, und versuchen, durch ihre Formulierung die Wahrnehmung der Menschen anzusprechen. Sie sind die auf prägnante Aussagen verkürzten, abstrakten strategischen Zielkataloge und stellen eine Kommunikationsbrücke zwischen der strategischen Zielebene und der Visionsebene her. Von wirtschaftlicher Bedeutung sind Leitbilder, weil sie erreichen können, dass auf leicht verständliche Weise eine Entwicklungsgemeinsamkeit möglichst vielen Menschen verständlich gemacht wird. Wenn ein Leitbild gelungen ist, führt es zu einer Bündelung von Ressourcen.

Ein Ziel ist die Beschreibung eines Zustandes, der in Zukunft erhalten oder erreicht werden soll. Unterschieden werden allgemeine kulturpolitische Zielsetzungen und konkrete, auf Einrichtungen und Themen bezogene Teilziele. Die Zielformulierung für eine Kulturentwicklungsplanung findet auf zwei Ebenen statt: Auf der oberen Ebene werden die grundlegenden und wichtigsten Ziele formuliert, auf der unteren Ebene werden die Teilzielsysteme festgehalten. Beide Arten von Zielen können sowohl institutionsund ämterbezogene Ziele (z. B. die Entwicklung der Arbeit der Volkshochschule, des Museums, der Stadtbibliothek) als auch übergreifende Zielsysteme (z. B. Förderung der Musikkultur, Förderung der Partizipation aller gesellschaftlichen Gruppen), die als Querschnittsaufgabe realisiert werden müssen, sein.

Die Formulierung der Ziele muss ergänzt werden um das Beschreiben der Maßnahmen, mit denen die Ziele verwirklicht werden sollen. Da die in den Kulturentwicklungsplänen enthaltenen Maßnahmen immer umfangreicher sind als die gegebenen oder angenommenen finanziellen und personellen Ressourcen, müssen Prioritäten gesetzt werden. Dabei spielen politische und ökonomische Gewichtungen ebenso eine Rolle wie die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.

Die Grenzen jeder Kulturentwicklungsplanung werden durch die Erfahrung bestimmt, dass in komplexen Feldern wie der Kultur eine teleologische Steuerung durch die Politik im Sinne klarer Zielsetzung nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich ist, weil eindeutige Ziele und Zielsetzungen die Dynamik komplexer Felder auf eine Linientreue reduzieren würden. Erforderlich ist deshalb eine kontextuelle Steuerung in dem Sinne, dass Rahmen gesetzt werden, in denen Gestaltung möglich ist. Kulturpolitik darf nicht der Versuch sein, über Geldbeziehungen Kultur zu gängeln, sondern sollte sich zum Ziel setzen, als kontextuelle Steuerung einen Rahmen vorzugeben, in dem frei gehandelt werden kann.

Hinsichtlich der Diskussion über ästhetische Qualitätskriterien ist zu berücksichtigen, dass künstlerische Prozesse sehr fragile Prozesse sind, die auf individuelle Erkenntnis gerichtet sind und eine individuelle Bereicherung im Kontext des komplexen Prozesses des Organisierens von Erlebnissen für Individuen anstreben. Als Herausforderung an Kulturpolitik und Kulturmanagement gilt deshalb, sich gemäß dieser Besonderheit künstlerischer Prozesse und kultureller Bedürfnisse zu verhalten.

Die strukturellen Spezifika und die ästhetischen Dimensionen von Empfindungen gegenüber Kunst können parallele Strukturen in der Organisation von Verwaltungsund Wirtschaftsprozessen stimulieren. In diesem Zusammenhang spricht Ulrich Krempel (1994) von „reinen“ und „unreinen“ Feldern des Arbeitens mit Kunst. Die „reinen“ Felder in der Vermittlung von Kunst sind diejenigen Felder, die z. B. ein Museum in seinen Abteilungen repräsentiert, in denen es um die Aufbereitung von Kunst und die Möglichkeit intensiver ästhetischer Erfahrung geht. Dem stehen die so genannten „unreinen“ Felder gegenüber, die von außerkünstlerischen Wertmaßstäben und Parametern geprägt werden. Dazu gehört beispielsweise der Markt, auf dem eine ökonomische Festsetzung, nämlich die Bewertung durch Geld, an die Stelle künstlerischer Wertfestschreibung tritt. In diesem Spannungsverhältnis steht die ästhetisch-moralische Verpflichtung des Kulturmanagers, der entscheiden muss, nach welchen Parametern er seine Arbeit ausrichtet.

Literatur

Deutscher Bundestag: Schlussbericht der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“, Drucksache 16/7000, 16. Wahlperiode, Berlin, 2007

Deutscher Museumsbund (Hrsg.): Standards für Museen, Kassel, 2. Aufl. 2006

Heinze, Thomas (Hrsg.): Neue Ansätze im Kulturmanagement. Theorie und Praxis, Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 2004

Höhne, Steffen: Kunstund Kulturmanagement. Eine Einführung, Fink, Paderborn, 2009 Institut für Demoskopie Allensbach: Kulturelles Interesse und Kulturpolitik. Eine Repräsentativumfrage über die kulturelle Partizipation, den Kulturbegriff der deutschen Bevölkerung und die Bewertung der Kulturpolitik (IfD-Bericht 4081), Allensbach, 1991

Keymis, Oliver: Vorhang auf für das neue Kulturfördergesetz NRW. In: Kulturpolitische Mitteilungen, Heft 146, (III/2014), Seite 30 f.

Krempel, Ulrich: Kunst und Kunst. Kunst und Markt. Von den Schwierigkeiten der Kunstvermittlung. In: Heinze, Thomas (Hrsg.): Kulturmanagement. Professionalisierung kommunaler Kulturarbeit, Westdeutscher Verlag, Opladen, 1994, Seite 241–247

Schleihagen Barbara: Bibliotheksgesetze in Europa – Mittel politischer Steuerung und Gestaltung. Gedruckter Artikel. In: Bibliothek. Forschung und Praxis 1/2008, elektronischer Artikel, bibliotheksportal.de/bibliotheken/bibliotheken-international/ bibliothekspolitik-international/bibliotheksgesetze.html – Zugriff 18.02.2015

Steinhauer, Eric W.: Bibliotheksgesetzgebung in Deutschland. Praxis – Probleme – Perspektiven. In: Lison, Barbara (Hrsg.): Information und Ethik. Dritter Leipziger Kongress für Information und Bibliothek, Leipzig, 19. bis 22. März 2007, Dinges & Frick, Wiesbaden, 2007, Seite 375–386

Steinhauer, Eric W.: Das Hessische Bibliotheksgesetz als Rechtsnorm. Juristisch-politische Anmerkungen zu einem vermeintlichen „Schaufenstergesetz“. In: Bibliotheksdienst 44 (2010), Seite 637–642

Wagner, Bernd (Hrsg.): Kommunale Kulturentwicklungsplanung. Beiträge und Materialien, Institut für Kulturpolitik, Bonn, 1997

Winterfeld, Klaus: Das sächsische Kulturraumgesetz. Eine Bilanz nach elf Jahren, Leipziger Universitätsverlag, Leipzig, 2006

 
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