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4.10 Fördervereine

Fördervereine sind nicht nur eine verbreitete rechtliche Basis für eine aktive und professionelle Kulturfinanzierung, sondern weit über den finanziellen Aspekt hinausgehend auch eine wichtige Unterstützung von Kultureinrichtungen in der Planung und Durchführung von Programmen und einzelnen Maßnahmen.

Fördervereine können einer oder mehreren Kultureinrichtungen zugeordnet sein und begleiten auf verschiedene Weise deren Arbeit. Die rechtliche und teilweise auch organisatorische Trennung der Kulturinstitution von der Arbeit des mit ihr verbundenen Fördervereins hat den Vorzug einer zugleich abgestimmten und dennoch auf beiden Seiten unabhängigen Tätigkeit, insbesondere bei der Realisierung von Aktionen des Fundraising und dem Einwerben von spendenbereiten Mitgliedern. Der Förderverein ist nicht – wie sonst ein Wirtschaftsbetrieb oder auch die Kulturinstitution selbst – auf kontinuierliche Auslastung seiner (knappen) Ressourcen angewiesen und eignet sich deshalb besonders für alle Arten von Sonderaufgaben, die den normalen Geschäftsbetrieb der Institution belasten würden (z. B. Planung und Vorbereitung von Sonderausstellungen, Jubiläen usw.). Weiterhin bilden Fördervereine ein Reservoir an ehrenamtlichen Helfern für besondere Anlässe (z. B. Führungen bei Sonderausstellungen).

4.11 Ehrenamtliches Engagement

Die öffentliche Hand stellt finanzielle Mittel und organisatorische Strukturen für die kulturellen Institutionen und Projekte bereit. Im Sinne eines gesellschaftlichen Modells des Ermöglichens, das den Mittelpunkt eines demokratischen und emanzipatorischen Staatsverständnisses bildet, besteht die Aufgabe des Staates darüber hinaus aber auch darin, sich um die Teilhabe aller Bürger zu bemühen. Die Verwirklichung dieses Ziels manifestiert sich auch im Engagement ehrenamtlich tätiger Menschen, die damit wichtige Partner des Kulturmanagements werden.

Die Entwicklung und Förderung der Kultur ist nicht nur eine staatliche Aufgabe. Das Engagement von mehr als drei Millionen Ehrenamtlichen, das bürgerschaftliche Engagement in Stiftungen, Vereinen und Verbänden, in Kirchen und Trägerorganisationen prägt das kulturelle Leben. Dieses Engagement hat in Deutschland eine jahrhundertlange Tradition. Ohne das finanzielle und zeitliche Engagement einer großen Zahl von Menschen wären das kulturelle Leben und die kulturelle Vielfalt in Deutschland nicht denkbar. (Deutscher Bundestag 2007, S. 46)

Ehrenamtliches Engagement ist mehr als ein Ersatz für nicht mehr bezahlbare hauptoder nebenamtliche Arbeitskräfte. Es ist Ausdruck eines Kulturverständnisses, das nicht nur nach Hilmar Hoffmanns die Diskussion lange prägendem Buchtitel von 1979 „Kultur für alle“ ermöglichen, sondern die Gesellschaft durch „Kultur von allen“ gestalten will. Ehrenamtliche Arbeit ist nicht nur finanzielle Entlastung, sondern eine Form der basisdemokratischen Partizipation aller Menschen an der Gesellschaft. In diesem Sinne postuliert auch der Schlussbericht der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ das Leitbild des „aktivierenden Kulturstaats“ als Weiterentwicklung der bisherigen Vorstellung vom „aktiven Kulturstaat“ (Deutscher Bundestag 2007, S. 52). Im „aktivierenden Staat“ soll sich auch der Akzent von der repräsentativen Demokratie hin zu einer partizipativen Demokratie verschieben.

Die Impulse, die im Rahmen dieses kulturpolitischen Modells von einer verantwortungsbewussten Partnerschaft zwischen Kultureinrichtungen und ehrenamtlich Engagierten ausgehen sollen, wurden schon 1997 in der so genannten Hanauer Erklärung des Kulturausschusses des Deutschen Städtetages zusammengefasst: „Um im Sinne einer neuen Kulturverantwortung bürgerschaftliche Mitarbeit, Mitverantwortung, Mitgestaltung und Mitfinanzierung in öffentlich geförderten Kultureinrichtungen zu erreichen, ist eine Umorientierung dieser Einrichtungen wünschenswert: Öffentliche Kultureinrichtungen sollten

• sich die vielfach vorhandene kulturelle, künstlerische und soziale Kompetenz der Bürgerschaft zunutze machen;

• engagierten Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit zur gestaltenden Mitwirkung in Kultureinrichtungen geben;

• die freiwillige und ehrenamtliche Mitarbeit von Bürgerinnen und Bürgern suchen und fördern;

• über ein zeitgemäßes Fund-Raising nicht nur die Finanzierungsstruktur verbessern, sondern auch ihre Verankerung in der Bevölkerung stärken (FriendRaising)“ (Deutscher Städtetag 1997, S. 60 f.).

Im virtuellen Raum lässt sich seit der Weiterentwicklung des World Wide Web zum als „Mitmach-Web“ titulierten Web 2.0 eine zu diesem Staatsverständnis analoge Tendenz feststellen: Nicht mehr einer spricht zu vielen, sondern viele kommunizieren miteinander (von der „one-to-many-Relation“ zur „many-to-many-Relation“). Seitens der Kultureinrichtungen wird die Mitarbeit der Ehrenamtlichen nicht immer unkritisch gesehen. Befürchtet werden vor allem zu weit gehende Mitspracheansprüche von fachfremden Personen, eine Entwertung, Entprofessionalisierung und Entqualifizierung der eigenen Arbeit bis zur Verdrängung hauptamtlich Beschäftigter sowie ein zusätzlicher Zeitaufwand für die Betreuung der Ehrenamtlichen. Häufig wird auch unterstellt, dass die Debatten um ein stärkeres ehrenamtliches Engagement im Kulturbereich nur die finanziellen Einsparungen der öffentlichen Haushalte im Kulturbereich kompensieren oder für das Publikum nicht wahrnehmbar machen sollen. Diese Bedenken sind grundsätzlich nicht unbegründet und es kann keine allgemeingültige Lösung dieses Problems geben. Der zugrundeliegende Konflikt ist mit der (historisch schon im 18. Jahrhundert beginnenden) Professionalisierung der Kulturarbeit entstanden, die die professionellen Künstler von den (aristokratischen und bürgerlichen) Dilettanten trennte und schließlich über sie erhob. Mittlerweise hat sich die Professionalisierung des Kulturbereichs bis zum Kulturmanagement hin ausgeweitet. Im Unterschied zum früheren Dilettanten, der als Amateur keineswegs immer ein Stümper, sondern durchaus auch ein Meister auf seinem Gebiet sein konnte, sind die ehrenamtlich Tätigen – vor allem die Senioren, die früher einmal selbst im kulturellen Berufsleben standen – aber in vielen Fällen selbst erfahrene Experten, die professionell ausgebildet sind.

Aus einer abstrakteren und im Sinne der Stärkung der Zivilgesellschaft argumentierenden Position wird gegen das bürgerschaftliche Engagement in seiner bestehenden Form kritisch eingewandt, dass es aufgrund seines hohen Grades an staatlicher Subvention – über Mittelzuweisungen und arbeitsmarktpolitische Instrumente – nicht geeignet sei, einen sich selbstbewusst zwischen Staat und Markt positionierenden dritten Sektor zu etablieren. Tatsächlich werden Non-Profit-Organisationen in Deutschland zu 64 % von der öffentlichen Hand finanziert, nur gut drei Prozent ihrer Mittel erhalten sie aus Spenden, ein Drittel erwirtschaften sie selbst. Für den in der Statistik ausgewiesenen Bereich „Kultur und Erholung“ beträgt die öffentliche Subvention 20,4 %, der Spendenanteil 13,4 %, die selbst erwirtschafteten Mittel liegen bei 66,2 % (Priller 2006, S. 74).

Der Ausgleich zwischen den Interessen der jeweiligen Kultureinrichtung und den spezifischen Angeboten, aber auch Erwartungen und Ansprüchen der Ehrenamtlichen ist eine wichtige Aufgabe des Kulturmanagements. Dabei sind insbesondere die folgenden Aspekte von Bedeutung (Lewinski-Reuter und Lüddemann 2008, S. 156–160):

• Aktivierung: Schaffung von Aktivierungsund Steuerungssystemen, aber auch geeigneter Rahmenbedingungen für die Gewinnung ehrenamtlich Engagierter im Kulturbereich, auch in Kooperation mit benachbarten gesellschaftlichen Bereichen, beispielsweise der Stadtentwicklung und dem sozialen Sektor

• Kommunikation: Darstellung der jeweils spezifischen Aufgaben des öffentlichen und des zivilgesellschaftlichen Sektors und angemessene Verteilung der Ressourcen, Schaffung von Transparenz zwischen den verschiedenen Bereichen innerhalb einer Kultureinrichtung, lösungsorientiertes Management auftretender Konflikte

• Koordinierung: Vermittlungstätigkeit zwischen Angebot und Nachfrage des ehrenamtlichen Engagements, Schaffung von Organisationsformen, die für beide Seiten die Kontaktaufnahme erleichtern

• Kooperation: Vermeidung von Konkurrenzen zwischen öffentlich getragenen und ehrenamtlichen Kulturangeboten, Schaffung von Kooperationen, die von allen Beteiligten nicht als Notgemeinschaft (z. B. aus Mangel an Geld und Personal), sondern als erfolgversprechende Zusammenarbeit unterschiedlicher Strukturen verstanden werden

• Qualifizierung und Professionalisierung: Einsatz von Ehrenamtlichen in Bereichen, die ihrer jeweils spezifischen Qualifikation Rechnung tragen, gezielte Fortbildung, Bemühen um die Kompatibilität der eigenen Strukturen

Aufgrund der im Rahmen des demographischen Wandels zunehmenden Zahl älterer Menschen werden sowohl die Frage der Sinnfindung und Selbstverwirklichung als auch das für das ehrenamtliche Engagement zur Verfügung stehende Zeitbudget in der Gesellschaft eine zunehmend wichtige Rolle spielen. Die Bedeutung des Ehrenamtes wird in diesem Zusammenhang auch im kulturellen Bereich voraussichtlich eine wesentliche Aufwertung erfahren. „In diesem Fall zeigt sich ein Vorteil der Alterung der Gesellschaft, weil Senioren sich überdurchschnittlich häufig bürgerschaftlich engagieren“ (Deutscher Bundestag 2007, S. 226). Durch das Engagement von Senioren werden Kulturbetriebe vermehrt auf Erfahrungen und Kenntnisse zurückgreifen können, die anders entweder gar nicht oder nur sehr teuer zur Verfügung stünden. Gleichzeitig wird dabei ein wichtiger Beitrag zur gesellschaftlichen Aktivität von Senioren und zur sinnvollen Verwendung sonst brachliegenden Wissens geleistet. Unentgeltliche, ehrenamtliche Arbeit ist unter diesem Blickwinkel sowohl eine Art von Mäzenatentum als auch eine Form von gesellschaftlicher Integration.

Nach der von infratest Sozialforschung München durchgeführten FreiwilligenStudie ist in Deutschland mehr als jeder Dritte (36 %) der über 14-Jährigen freiwillig tätig. Dabei bestehen allerdings zwischen den Flächenländern erhebliche Unterschiede: Während in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Niedersachen der Prozentsatz bei 41 % liegt, sind es in Mecklenburg-Vorpommern nur 29 % und in Sachen-Anhalt nur 26 %.

Geschätzt wird, dass in Deutschland im Jahr etwa 4,6 Mrd. h von ehrenamtlich Tätigen erbracht werden. Unter der Annahme eines unterstellten Stundenlohns von 7,50 € ergibt sich daraus ein volkswirtschaftlicher Beitrag für das Gemeinwesen von rund 35 Mrd. € jährlich.

Unter den gesellschaftlichen Bereichen des freiwilligen Engagements steht der Sektor „Kunst und Musik“ gemeinsam mit dem „sozialen Bereich“ mit jeweils 5,5 % nach „Sport und Bewegung“ (11 %), „Schule und Kindergarten“ (7 %) sowie „Kirche und Religion“ (6 %) an vierter Stelle. Von den 5,5 % im Kulturbereich freiwillig Engagierten entfällt der größte Teil mit 55 % auf die Chöre, Musikund Gesangsgruppen. Weitere Schwerpunkte sind „Kunst allgemein“, „Theater“ und „Heimatund Brauchtumspflege“ mit jeweils zehn Prozent. Die Museen und die Kulturmusikförderung folgen mit jeweils drei Prozent. Die restlichen neun Prozent verteilen sich auf die übrigen Sparten. Bei den Motiven unterscheiden sich die Freiwilligen im Kulturbereich nicht von denen in den anderen gesellschaftlichen Sektoren. An der Spitze stehen auch hier „mit anderen Menschen zusammenkommen“ und „die Gesellschaft mitgestalten“ (Gensicke et al. 2005).

Nur gut die Hälfte der statistisch erfassten Museen (55 %) wird hauptoder nebenamtlich geleitet, die anderen stehen unter einer ehrenamtlichen Leitung (45 %). Die Museen in öffentlicher Trägerschaft werden zwar in der Regel von hauptamtlich Beschäftigten geführt, aber ein Drittel der Einrichtungen arbeitet mit freiem und ehrenamtlichem Personal (Statistische Ämter des Bundes und der Länder 2005).

Bei einer gesonderten Erhebung des ehrenamtlichen Personals im Museumsbereich im Rahmen der statistischen Gesamterhebung an den deutschen Museen für das Jahr 2003 gaben über 3000 Museen an, ehrenamtliches Personal einzusetzen (49 %), 1475 verneinten die Frage (24 %) und 1650 machten keine Angaben (27 %). Insgesamt waren über 30.000 Ehrenamtliche tätig, davon mehr als die Hälfte in Volkskundeund Heimatmuseen. Bezogen auf die Trägerschaft waren davon 13.000 in Museen, die von Vereinen getragen werden, aktiv und etwa ebenso viele in öffentlich getragenen Museen (Staatliche Museen zu Berlin 2004, S. 49–62).

Von den etwa 20.000 Personen, die 2007 im museumspädagogischen Bereich in Museen arbeiteten, waren lediglich fünf Prozent hauptamtlich Beschäftigte, 34 % Honorarkräfte und knapp 50 % ehrenund nebenamtlich Beschäftigte (Staatliche Museen zu Berlin 2008, S. 45 f.).

Auch wenn die Zahl der ehrenamtlich Aktiven in den hauptamtlich geleiteten Museen in den letzten Jahren gestiegen ist, arbeitet der größte Teil der Freiwilligen im Museumsbereich in Institutionen ohne hauptamtlich Beschäftigte. Sie bewältigen deshalb grundsätzlich das gesamte Arbeitsspektrum, das beim Betreiben eines Museums anfällt. Zumindest im Museumsbereich wäre deshalb ohne das breite ehrenamtliche Engagement nicht nur das Leistungsangebot in den größeren Einrichtungen erheblich eingeschränkt, sondern viele Häuser – insbesondere die für den ländlichen Raum typischen Heimat-, Geschichts-, Naturkundeund spezialgeschichtlichen Museen – würden überhaupt nicht bestehen. Ehrenamtliche unterstützen damit nicht nur kulturelle Einrichtungen und Projekte, sie machen deren Arbeit in vielen Fällen überhaupt erst möglich.

 
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