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7.4 Migrationsgesellschaft

Ausweislich des Zensus 2011 haben 15,3 Mio. der insgesamt 80,2 Mio. Einwohner Deutschlands einen Migrationshintergrund, dies entspricht einem Anteil von 19,2 %. Nach der amtlichen Terminologie fallen unter diese Personengruppe alle nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewanderten sowie alle in Deutschland geborenen Ausländer und alle in Deutschland als Deutsche Geborenen mit zumindest einem zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil. Mehr als die Hälfte (60,2 %) der Personen mit Migrationshintergrund sind Deutsche, 39,8 % sind Ausländer. Zugewanderte (63,0 %) sind unter den Menschen mit Migrationshintergrund weit häufiger vertreten als in Deutschland Geborene (37,0 %). Von den knapp 6,2 Mio. Ausländern in stellten zum Zensusstichtag Türken mit 1,5 Mio. (24,4 %) die größte Gruppe, gefolgt von knapp 490.000 (7,9 %) Italienern (Zahlen nach den Pressemitteilungen des Statistischen Bundesamtes Deutschland Nr. 430 vom 17.12.2013, Nr. 135 vom 10.04.2014 und Nr. 193 vom 03.06.2014).

Die in Deutschland lebenden Zugewanderten kommen aus 190 verschiedenen Staaten. Dennoch wird die Zuwanderung vorrangig durch Europa geprägt: 70,6 % der Migranten und deren direkten Nachkommen haben ihre Wurzeln in einem europäischen Land, vor allem in einem Mitgliedsstaat der Europäischen Union (31,6 %). Außereuropäische Zuwanderer kommen vornehmlich aus dem asiatischen Raum (15,7 %), gefolgt von Afrika (3,5 %) und Amerika (2,5 %).

Der Unterschied zwischen den Menschen mit und ohne Migrationshintergrund ist hinsichtlich mehrerer empirischer Merkmale deutlich ausgeprägt:

• Die Bevölkerung mit Migrationshintergrund ist deutlich jünger (durchschnittlich 35 Jahre) als die Bevölkerung ohne Migrationshintergrund (durchschnittlich 45 Jahre). Mehr als die Hälfte (55,0 %) der in Deutschland geborenen Personen mit Migrationshintergrund ist noch minderjährig.

• Migranten leben fast ausschließlich (96,7 %) in den westlichen Ländern und Berlin. 43,4 % der Migranten wohnen in Großstädten mit mindestens 100.000 Einwohnern.

• Im erwerbsfähigen Alter von 15 bis 64 Jahren sind Migranten zu zwei Dritteln (66,6 %) und Personen ohne Migrationshintergrund zu drei Vierteln (75,9 %) erwerbstätig. Dieser Unterschied ist bei Frauen noch deutlicher ausgeprägt als bei Männern: 40,2 % der Frauen im erwerbsfähigen Alter mit Migrationshintergrund sind nicht erwerbstätig (27,9 % der Frauen ohne Migrationshintergrund).

• 15,5 % der Bevölkerung mit Migrationshintergrund und einem Alter von mindestens 15 Jahren haben keinen Schulabschluss, bei der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund beträgt der Anteil 2,3 %. Personen, die selbst zugewandert sind, weisen besonders häufig keinen Schulabschluss auf (18,8 %). Bereits in Deutschland geborene Personen mit Migrationshintergrund haben mit 5,3 % aber anteilig immer noch mehr als doppelt so häufig keinen Schulabschluss wie Personen ohne Migrationshintergrund.

• Personen mit Migrationshintergrund leben seltener allein (11,6 %) als Personen ohne Migrationshintergrund (18,0 %). Die klassische Familie mit Ehepaaren und Kindern kommt bei Migranten häufiger vor (54,0 % gegenüber 37,2 % der Vergleichsgruppe). Ehepaare ohne Kinder sind dagegen erheblich seltener (15,1 % gegenüber 23,9 % der Vergleichsgruppe).

Für die Diskussion der Phänomene der Migrationsgesellschaft im Hinblick auf das Kulturmanagement ist die Unterscheidung zwischen einem statischen und einem prozesshaften Kulturbegriff von besonderer Bedeutung.

Die Vorstellung, dass Kultur als statischer Begriff die eindeutigen Merkmale einer Gruppe von Menschen beschreibt, geht auf Herder zurück. Herder verstand Kultur als ein System von Werten, Normen und Interpretationsmustern, das von Vorstellungen geprägt wird, die sich im Lauf der Zeit zumindest nicht grundsätzlich ändern. Einzelne Abweichungen verstand er als lediglich vorübergehende Phänomene. Dieses System bezog Herder auf einzelne Völker, die in seiner Erfahrungswelt relativ homogene Gemeinschaften von Menschen gemeinsamer Herkunft waren. Deren Kultur konnte somit deutlich von den Kulturen anderer Völker unterschieden werden.

Teils bewusst, teils unbewusst ist dieses statische Kulturverständnis immer noch in fremdenfeindlichen Argumentationen präsent, die „Kultur als unveränderliches Merkmal von Menschen“ (Beer und Fischer 2003, S. 61) darstellen und daher die Möglichkeit von Integration oder Assimilation für ausgeschlossen halten.

Außerhalb diese Ausgrenzungsstrategien wird im zeitgenössischen Kulturverständnis jedoch einhellig davon ausgegangen (z. B. Müller-Bachmann 2002; Beer und Fischer 2003), dass jede Kultur prozesshaft, dynamisch sowie in einem kontinuierlichen Wandel begriffen ist, keine klaren Grenzen gegenüber anderen Kulturen aufweist und sich keinesfalls nur auf ethnische Gruppen beziehen lässt. Allerdings wird die sich daraus ergebende gesellschaftliche Situation häufig mit den Konzepten der Interund Multikulturalität beschrieben, die ihrerseits implizit – und mutmaßlich zumeist unbewusst – einen statischen Kulturbegriff zugrunde legen. Beide Ansätze bemühen sich zwar – im Fall der Interkulturalität im Außenbezug und im Fall der Multikulturalität im Innenbezug der Gesellschaft –, Kommunikation zu fördern und Konflikte zu vermeiden. Sie widmen sich damit aber Phänomenen, die erst aus der Prämisse eines statischen und damit separatistischen Kulturbegriffs entstehen. Beide Konzeptionen sind damit „gut gemeint, aber ergebnislos“, weil sie sich nur dem Auffangen von „Problemen des Zusammenlebens verschiedener Kulturen“ (Welsch 1994, S. 11) widmen, anstatt diesen entgegenzuwirken. Sie sind damit aber nicht nur wenig effektiv für eine wirkliche Problemlösung, sondern tendenziell auch gefährlich, weil sie zum Legitimationswerkzeug für Ausgrenzung und für den Rückzug von Migranten in die ihnen zugeschriebene ethnische Kultur werden können.

Eine Alternative zu einem expliziten oder impliziten Rückgriff auf den statischen Kulturbegriff bietet die Vorstellung der Transkulturalität, die sowohl Gesellschaften als auch einzelne Personen beschreiben kann. Das Konzept trägt der veränderten Verfassung heutiger Kulturen Rechnung, die „intern durch eine Pluralisierung möglicher Identitäten gekennzeichnet“ sind und „extern grenzüberschreitende Konturen“ aufweisen (Welsch 1994, S. 11). Für die Individuen bedeutet das, dass nicht mehr maßgeblich die jeweilige Nationalkultur die kulturelle Zugehörigkeit prägt, sondern verschiedene kulturelle Bezugsysteme – wie beispielsweise Schichtzugehörigkeit, religiöse Kulturen, Musikkulturen – von Bedeutung sind. Deshalb können alle Menschen als „kulturelle Mischlinge“ (Welsch 1994, S. 12) bezeichnet werden. Entstehungsfaktoren der transkulturellen Verfasstheit der Welt sind insbesondere die Vernetzungen durch die Medientechnologien und den internationalen Verkehr, die wiederum mit globalen wirtschaftlichen Verflechtungen, Migrationsprozessen und dem Tourismus als Massenphänomen zusammenhängen. Für den einzelnen Menschen haben diese Entwicklungen zur Folge, dass ein immer größerer Teil der kulturellen Manifestationen der gesamten Menschheit für ihn erreichbar ist. Dies zwingt ihn aber gleichzeitig, eine individuelle Lebensplanung zu entwerfen und zu realisieren, da die Gesellschaft keine vorgefertigten Rollenbilder mehr bereithält.

Der Politikwissenschaftler und syrische Migrant Bassam Tibi (geb. 1944) brachte 1998 mit seiner Publikation „Europa ohne Identität? Die Krise der multikulturellen Gesellschaft“ den Begriff einer europäischen Leitkultur in die öffentliche Diskussion um einen möglichen gesellschaftlichen Wertekonsens ein. Als zentrale, der Moderne entspringende Werte einer solchen europäischen Leitkultur sah er vor allem

• die Demokratie,

• den Laizismus (als Trennung von Staat und Kirche),

• die Aufklärung (als Vorrang der Vernunft vor der religiösen Offenbarung),

• die individuellen Menschenrechte (auch in Abgrenzung zu Gruppenrechten) und

• die Zivilgesellschaft (als Ausdruck von Pluralismus und Toleranz).

Die Verständigung auf eine derartige europäische Leitkultur – deren Werte in Deutschland alle im Grundgesetz enthalten sind – verstand Tibi als einen möglichen „gemeinsamen Nenner“ und eine mögliche gemeinsame zivilisatorische Identität für das Zusammenleben zwischen den Staatsbürgern eines Landes und den Zuwanderern. Sein Konzept einer europäischen Leitkultur interpretierte er als Grundlage für ein friedliches Miteinander anstelle eines bloßen Nebeneinanders. Er sprach sich für einen Kulturpluralismus mit einem Wertekonsens und gegen einen wertebeliebigen Multikulturalismus sowie gegen Parallelgesellschaften aus. Die von ihm vorgeschlagenen Werte sah er als Werte, die unabhängig von der ethnischen Identität und den individuellen kulturellen und historischen Werten jedes einzelnen Menschen lebbar sind.

Im Herbst 2000 löste der Begriff der Leitkultur in Deutschland eine weit reichende gesellschaftliche Diskussion über das Thema Zuwanderung und die Forderung nach einer Integration von Einwanderern aus, die daraus resultierte, dass der Begriff als „deutsche Leitkultur“ nationalisiert und auf Deutschland als Nation bezogen wurde, während Tibi stets von einer „europäischen Leitkultur“ gesprochen hatte.

Diese politische Instrumentalisierung, gegen die sich auch Tibi wehrte, führte dazu, dass die von ihm angestoßene Debatte eine von ihm nicht intendierte Tendenz bekam und der Begriff zu einer polemischen Formel („Unwort des Jahres“ 2000) wurde. Die Diskussion wurde schließlich relativ bald eingestellt und in den Folgejahren nur noch in verschiedenen aktuellen Bezügen wieder kurz aufgegriffen.

Zwar enthält Tibis Ansatz durchaus auch diskussionswürdige Elemente – wie beispielsweise seine konsequente Differenzierung zwischen ungesteuerter Zuwanderung und planmäßiger Einwanderung –, er kann aber als Weiterentwicklung des Systems der Transkulturalität mit dem Ziel einer praktischen Anwendbarkeit und gegen die Tendenz einer diffusen Beliebigkeit gerade für das Kulturmanagement eine sinnvolle Basis für die Arbeit in der Migrationsgesellschaft sein. Kulturmanagement wird die damit zusammenhängenden Fragen in der nächsten Zeit vermehrt aufgreifen und den Migranten, aber auch der Gesellschaft insgesamt ein Forum für die Diskussion dieser wichtigen Zukunftsthemen bieten müssen. Nicht zuletzt aufgrund der öffentlichen Finanzierung, aber auch der formalen wie inhaltlichen öffentlichen Beobachtung, der Kultureinrichtungen unterstehen, wird dies jedoch nicht ohne eine vermittelbare konzeptuelle Fundierung möglich sein.

Der unternehmerische Bereich der Gesellschaft hat das Konzept der Transkulturalität vor allem in den Massenmedien und in der Werbung – mutmaßlich eher aufgrund der Faktizität von Angebot und Nachfrage als aufgrund theoretischer Reflexionen – schon viel nachdrücklicher aufgegriffen als die Non-Profit-Organisationen. „DSDS oder Germany's next Topmodel könnten eine globale Leitpopkultur sein, die für die Integration von Migranten wichtiger ist als eine deutsche Leitkultur“. Während in der gesellschaftlichen Debatte noch um den Wertekanon gerungen wird, „liefern sich in den renditeorientierten Privatsendern unterschiedlichste Migrantengruppen packende Duelle, die ihre Lust nach Ruhm, Reichtum und einem besseren Leben beeindruckend attestieren. … Anstatt stets von den Freunden der Multikultur als Opfer gehätschelt zu werden, wollen sich diese Migranten in den Härten des kapitalistischen Alltags bewähren“ (Welt online vom 17.04.10).

Spätestens vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass die Migrationsgesellschaft nicht nur Fragen nach der Integration stellt, sondern auch die Mehrheitsgesellschaft verändert. „Auf der anderen Seite zeigen Castingshows, aber auch Comedians und Rapstars wie Bushido und Sido, dass es keine deutsche Leitkultur gibt, die als Leitplanke der Integration dient, sondern eine globale Leitpopkultur, die jungen Migranten ihren Weg in eine lebenswerte Gegenwart bahnt. Ketzerisch formuliert, könnte man sagen, dass Dieter Bohlen und Heidi Klum mehr für die Integration tun als Integrationspolitiker wie Armin Laschet und Cem Özdemir. In diesen Shows erfahren die Mehrheitsdeutschen, wie nah und nicht wie fern ihnen jene Jugendlichen und Kinder sind, mit ihren Träumen, Hoffnungen und Wünschen. Eine gemeinsame Zukunft erscheint so lebenswerter – und die unterschiedlichen Wurzeln und Traditionen sind eben keine Barriere, sondern ein Gewinn“ (Welt online vom 17.04.10).

Zu einem Prototyp der Realisierung des Konzeptes der Transkulturalität in der Arbeit der kulturellen Institutionen und Projekte wurde „Born in Europe“, ein seit 2001 über mehrere Jahre durch den EU-Fonds „Kultur 2000“ unterstütztes Gemeinschaftsprojekt des Nationalen Museums der Weltkulturen, Göteborg, des Dänischen Frauenmuseums, Århus, des Dänischen Nationalmuseums, Kopenhagen, der APOREM (Vereinigung der portugiesischen Firmenmuseen), des Wassermuseums (EPAL), Lissabon, des Österreichischen Museums für Volkskunde, Wien, und des Museums Neukölln, Berlin, das das Vorhaben initiierte.

Das Projekt „Born in Europe“ thematisierte die Bedeutung, die Europa als Vision und politische Realität für seine Bewohner hat. Es verband globale Fragestellungen mit der sozialen und kulturellen Realität, insbesondere von Migranten, in mehreren europäischen Städten. Damit wurde der Versuch einer Annäherung an verschiedene Facetten des kulturellen Selbstbewusstseins in Europa und eines Beitrags zur kritischen Diskussion über die zukünftige Gestalt Europas, seine Widersprüche, Besonderheiten und Chancen unternommen. Im Mittelpunkt standen die Frage nach der Herkunft und der Identität der neuen Europäer und die Menschen, die ihre Hoffnungen, Ängste und Erwartungen an das Leben in Europa zum Ausdruck brachten. Dem abstrakten gesellschaftlichen Thema Migration sollten konkrete Gesichter geben werden. Die Chancen und Risiken der Migration wurden dazu auf einer alltäglichen Ebene dargestellt.

Unter anderem wurden 25 Migrantenfamilien aus zwanzig verschiedenen Herkunftsländern mit ihren neugeborenen Kindern aus Berlin, Göteborg, Lissabon, Kopenhagen und Århus porträtiert. Die Migrationswege der Familien der Schüler der 10. Klasse eines Berliner Gymnasiums und das Selbstverständnis von sechs Schülerinnen dieser Klasse wurden durch eine Multimediainstallation und einen Videofilm repräsentiert. Den Abschluss des Projektes bildete 2004 eine große Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau, für die Fotound Videoarbeiten von 14 Künstlern aus zehn verschiedenen europäischen Ländern aus dem Gesamtprojekt ausgewählt wurden.

Exemplarisch konnte „Born in Europe“ zeigen, dass die Lebenswirklichkeit in der Gesellschaft inzwischen so komplex geworden ist, dass Fremdheit weitestgehend nur noch ein Konstrukt ist, das vor allem in gesellschaftlichen Konflikten mehr oder minder bewusst zur Abgrenzung eingesetzt wird. „Freilich besitzt der Ausdruck Fremdheit hierzulande eine erstaunliche Selbstverständlichkeit. Trotz aller Veränderungen erscheint das Eigene immer noch intakt – als fremd gilt weiterhin, wer nicht ‚hierher', wer nicht zu ‚uns' gehört. Dabei wird Fremdheit vor allen Dingen als kulturelle Unterschiedlichkeit verstanden. Im Gegensatz zu den Lippenbekenntnissen und der allgegenwärtigen Rhetorik der Postmoderne lassen sich die Idee von Johann Gottfried Herder implizit in allen Debatten heraushören“ (Terkessidis 2002, S. 31).

 
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