Kultursoziologische Zugänge zur Nachbarschaft

Die Anfänge der Stadtsoziologie und die Begründung der Soziologie

Die Unterschiede der Beziehungen innerhalb der Stadtund der Landbevölkerung stellen ein zentrales Thema in der älteren Stadtund Gemeindesoziologie beziehungsweise frühen Nachbarschaftsforschung dar. Diese Unterscheidung impliziert meist zugleich eine Unterscheidung zwischen vormodernen und modernen Gesellschaften. Mit diesen Differenzen setzen sich die Klassiker der Soziologie, wie beispielsweise Ferdinand Tönnies (1991 [1887]), Georg Simmel (1984 [1903]), Max Weber (1964 [1921, 1922]) und Emile Durkheim (1992 [1883]), auseinander. Dabei setzen beinahe alle Versuche, die moderne Gesellschaft zu verstehen, am Prozess der Urbanisierung[1] an. Im Zuge der industriellen Revolution, der zunehmenden Modernisierung und Individualisierung „geht eine grundlegende Neustrukturierung der Arbeit sowie des Alltags und damit des gesamten Gefüges der Gesellschaft einher“ (Löw et al. 2008, S. 14). Vor diesem Hintergrund des sich vollziehenden Wandels vor allem in Arbeit, Bildung und Lebensformen begründet sich die Soziologie im angehenden 20. Jahrhundert als moderne Wissenschaft. Sie entsteht durch die Auseinandersetzung mit sozialen Umbrüchen[2] (vgl. Löw et al. 2008, S. 14, 29), allen voran in der Großstadtkritik von Georg Simmel (1858–1918). Nach Löw hat Simmel „bis heute grundlegende Beiträge zur Soziologie der Stadt und des Raumes verfasst“ (Löw et al. 2008, S. 29). Anknüpfend an die vorangegangenen Ausführungen der Dimensionen als Voraussetzungen von Nachbarschaft ist im Folgenden die Raumbezogenheit als Voraussetzung für menschliches Handeln nach Simmel herauszustellen. Zuvor veröffentlichte Ferdinand Tönnies (1855–1936) mit seinem Schlüsselwerk „Gemeinschaft und Gesellschaft“ (1887) das erste deutsche explizit soziologische Werk. In ihm legt er theoretische Grundlagen von Gemeinschaft und Gesellschaft. Als Pionier steht er damit in der Reihe der klassischen Denker der Soziologie, die fast ausnahmslos ihre Handlungstheorien so anlegen, dass deren Kategorien die wichtigsten Aspekte des Übergangs von „Gemeinschaft“ zu „Gesellschaft“ treffen (vgl. Habermas 1981, S. 22). Gemeinschaft ist „für eine soziologische Betrachtung nur dann sinnvoll […], wenn sie im Zusammenhang mit der Gesellschaft diskutiert wird“ […], „andererseits taucht die Diskussion über die Gemeinschaft immer dann auf, wenn gesellschaftliche Umwälzungen zu thematisieren sind“ (Spurk 1990, S. 8).

  • [1] Während der Begriff der Verstädterung den quantitativen Aspekt der Massenzuwanderung bezeichnet, wird Urbanisierung begrifflich davon abgegrenzt, bleibt aber inhaltlich auf Verstädterung bezogen und meint die Verbreitung der Lebensweise, die sich in den Städten ausgebildet hat, zur gesamtgesellschaftlichen Form […]. Das Leben in dörflichen und suburbanisierten Gebieten orientiert sich fortan am Lebensstil der Städter. Zu dieser Lebensweise gehören neben Anonymisierung und Rationalisierung […] auch Bürokratisierung, Demokratisierung, Technisierung […] und die Verbreitung der Massenkommunikaiton. (Löw et al. 2008, S. 24)
  • [2] Die „Verstädterung und Urbanisierung setzen in Deutschland erst relativ spät, […] mit Beginn der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein“ (Löw et al. 2008, S. 24).
 
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