Innerfamiliäre Hilfestrukturen im Wohnquartier

Forschungsexkurs: Familiennachzug – Intergeneratives Leben

Vera Kallfaß-de Frênes und Barbara Weber-Fiori

Forschungsinteresse und methodisches Vorgehen

Der größte Teil der Versorgung von Menschen im hohen Alter und bei Behinderung wird schon und noch immer durch Angehörige geleistet. Andererseits lässt sich bei der Analyse des biografischen Übergangs von der eigenen Häuslichkeit ins Heim oft feststellen, dass dieser Übergang durch Schwachstellen in der innerfamiliären Versorgung notwendig wird. Diese bestehen häufig darin, dass die prinzipiell pflegebereiten nahen Angehörigen zu weit entfernt vom Pflegebedürftigen leben (vgl. Geister 2012, S. 81 ff.).

Eine bereits im Jahr 1983 durchgeführte Untersuchung von Braun/ Articus (1983) zeigte an 100 privaten Altenhilfeempfängern auf, dass von diesen 84 Personen Hilfe aus der Verwandtschaft erhielten. Die restlichen Personen wurden durch die Nachbarschaft unterstützt. Circa 60 % der Hilfebedürftigen lebten im Haushalt der Helfer, 20 % der Helfer lebten in der Nachbarschaft der Hilfebedürftigen und weitere 20 % außerhalb des Nahraums der Hilfebedürftigen (vgl. Braun und Articus 1983, S. 24). Bei dieser Studie lässt sich erkennen, wie stark die Bindekraft des Nahraums ist. Auch wenn man davon ausgehen kann, dass sich fast 30 Jahre nach dieser Untersuchung die Bereitschaft, in der eigenen Wohnung gepflegt zu werden, beziehungsweise nachbarschaftliche und familiäre Pflegebereitschaft sich verändert haben, gibt diese Studie doch einen Hinweis darauf, dass räumliche Nähe die Pflege erleichtert.

Auch innerhalb des Wohnungsbestandes im Wohnquartier Galgenhalde leben mehrere, der Gemeinwesenarbeit bekannte Familien zwar in getrennten Wohnungen, aber intergenerativ nahe beieinander. Im vorliegenden Bericht soll anhand von acht Interviews mit Familienangehörigen der jüngeren Generation, die mit der Elterngeneration im Haus oder im Nahraum/im Quartier leben, aufgezeigt werden, wie das Modell des Wohnens von mehreren Generationen im selben Wohnquartier zustande kam und wirkt. Im Fokus der Begleitanalyse steht ferner, welche Formen von familiärer, ehrenamtlicher und semi-professioneller beziehungsweise professioneller Unterstützung bei der Versorgung der Älteren zum Tragen kommen und welche Chancen und Risiken für die Pflegenden und Gepflegten sich daraus ergeben können. Auch sind die subjektiven Erfahrungen der Respondenten und die (ungeahnten, ungeplanten) Potenziale, die aus der Familiennähe erwachsen, von Interesse.

Aus den Ergebnissen soll abgeleitet werden, inwiefern das Modell des generationenübergreifenden Zusammenlebens in verschiedenen Wohnungen eines Wohnquartiers dazu führt, einen längeren Verbleib von pflegebedürftigen Menschen in ihrem gewohnten Wohnumfeld zu fördern. Im Hintergrund steht dabei immer auch die Frage, inwiefern dieses Modell zu einem „Produkt“ der Wohnungswirtschaft als Reaktion auf demografische Veränderungen werden könnte.

Im vorliegenden Forschungsexkurs werden die Fälle für die Befragung bewusst anhand des Kriteriums „Familienteile aus verschiedenen Generationen leben in getrennten Wohnungen im selben Wohnquartier“ ausgewählt. [1] Durch Recherchen und Gespräche mit Teilnehmerinnen der „Patenhocks“ wurden einschlägige Konstellationen identifiziert und schließlich acht Fallbeispiele in das Sampling einbezogen. Um die Sicht der Unterstützungsleistenden zu erfassen, wurden jeweils die Familienmitglieder aus der jüngeren Generation befragt

Alle Befragten beziehungsweise deren Familienangehörige leben gemeinsam im Quartier Galgenhalde. Sechs der Befragten leben mit ihren Angehörigen in derselben Straße oder in anliegenden Straßen. Zwei Respondenten leben mit den Angehörigen im selben Haus in getrennten Wohnungen. Bei der Mehrzahl der Be-

Tab. 6.1 Geführte und in die Auswertung einbezogene qualitative Interviews

Wohnsituation des Respondenten

Fall 1

Die Respondentin ist bereits vor über 20 Jahren in die Galgenhalde (nach-) gezogen. Ihre an Demenz erkrankte Mutter lebt dort seit über 50 Jahren

Fall 2

Die Respondentin lebt seit 10 Jahren im selben Haus wie ihre Schwiegermutter

Fall 3

Die Mutter der Respondentin, die selbst seit über 10 Jahren in der Galgenhalde lebt, ist vor ca. drei Jahren in das Wohnquartier Galgenhalde gezogen

Fall 4

Die Eltern der Respondentin sind bereits vor fast 30 Jahren in die Galgenhalde gezogen. Die Respondentin selbst lebt mit ihrer Familie seit ca. fünf Jahren wieder im Wohnquartier

Fall 5

Die Schwiegermutter der Respondentin lebt bereits seit über 50 Jahren im Quartier. Sie selbst zog vor 27 Jahren mit ihrem Mann in das Wohnquartier nach

Fall 6

Die Respondenten zogen aus der elterlichen Wohnung in eine frei werdende Wohnung im selben Haus, um in der Nähe der Eltern bleiben zu können

Fall 7

Die Tochter der Respondentin, die selbst seit ca. 20 Jahren in der Galgenhalde lebt, ist vor ca. zwei Jahren wieder in das Wohnquartier, in dem sie noch als Jugendliche lebte, zurückgezogen

Fall 8

Die ältere Generation lebt seit über 25 Jahren im Quartier. Die Tochter zog vor über 10 Jahren wieder in das Wohnquartier, in dem sie als Kind mit der Familie lebte, zurück

fragten fand der Familiennachzug zu einer Zeit statt, als eine konkrete Pflegebedürftigkeit der älteren Generation noch nicht gegeben war. Bei vier Familien besteht eine umfassende Unterstützung der älteren Generation. Zwei davon erbringen dabei auch pflegerische Leistungen. In drei Familien besteht für die Unterstützung der Älteren noch kein kontinuierlicher Bedarf, sondern dieser wird sporadisch bei besonderen Anlässen oder in Krankheitsphasen erbracht. In drei Familien wurde bereits ein Elternteil bis zu dessen Tod intensiv gepflegt (Tab. 6.1).

Der Gesprächsleitfaden umfasste sieben Fragen:

• Welche Familienmitglieder leben hier im Haus?

• Wie lange leben Sie schon in dieser Konstellation in diesem Haus?

• Wie entstand diese Konstellation, dass Sie mit Ihren Familienangehörigen zwei Wohnungen in einem Haus bewohnen?

War es geplant (im Sinne einer Voraussicht auf das Alter, als Alternative?) oder entstand dies zufällig?

• War es Ihre Idee oder die Idee Ihrer Eltern oder Dritter?

• Wie leben Sie jetzt das intergenerative Leben in einem Haus/in der Hausnachbarschaft?

• Worin liegen die Vorteile beziehungsweise die Nachteile des Bei-/Nebeneinanderwohnens?

• Holen Sie sich bereits Dienste oder werden Sie sich Hilfe durch Dienste holen?

• Wie planen und gestalten Sie Ihre Gemeinschaft weiter?

In die qualitative Datenauswertung werden leitfadengestützte Interviews mit acht Bewohnern des Wohnquartiers Galgenhalde einbezogen.

  • [1] Hier war wichtig, dass die Respondenten der älteren Generation bereits über 65 Jahre alt war.
 
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