Erkenntnisse aus zehn Fallanalysen

Fall 1: Frau A.: Die Sicht der Angehörigen ist nicht immer auch die Sicht der Älteren (Bericht Pflegedienst)

Der Fall von Frau A. wird mündlich vom Pflegedienst in das Team eingebracht. Frau A. lebt seit 15 Jahren in einer Wohnung der Wohnbaugenossenschaft Bauund Sparverein eG. Sie wird von Bekannten als eher eigenbrötlerisch und zurückgezogen geschildert. Ihre wirtschaftlichen Angelegenheiten regelt sie weitgehend noch selbst mithilfe eines Steuerberaters und ihrer Bank. Die alltäglichen Angelegenheiten im Haushalt kann sie nach eigener Auffassung noch übernehmen. Ihre Aufgaben bei der Winterräumung und die Reinigung des Hausgangs hat sie an einen Dienst, der mit dem Bauund Sparverein eG zusammenarbeitet, gegen Bezahlung vergeben. Größere Einkäufe erledigt einbis zweimal pro Woche ein Freund, der mit seiner Partnerin alle zwei Wochen auch für Frau A. einkauft. Anschließen „verräumt“ das befreundete Paar das Eingekaufte in der Wohnung und die drei trinken zusammen Kaffee. Eines Tages kommt die Tochter, die in Hamburg lebt, zur Mutter zu Besuch und stellt fest, dass nach ihrer Auffassung „schon ewig“ nicht mehr ausreichend vorsorgend eingekauft wurde. Der Bekannte der Mutter sei zudem derzeit „wohl in der Klinik oder im Urlaub oder wo auch immer und man weiß ohnehin nicht, wie es mit ihm weitergeht, auf jeden Fall kann meine Mutter dazu keine Auskünfte geben“ (wörtlicher Bericht der Vertreterin des Pflegedienstes). Die Tochter ist nur vier Tage bei der Mutter zu Besuch und hat das Gefühl, „Nägel mit Köpfen machen“ zu müssen und schließt deshalb einen Vertrag mit dem ambulanten Dienst im Quartier ab. Dieser Vertrag sieht einmal wöchentlich Hilfe beim Baden durch den Pflegedienst sowie einmal wöchentlich den Einsatz der Organisierten Nachbarschaftshilfe zum Einkaufen, beim Spazierengehen und zur Reinigung der Wohnung vor. Es wird auch schon darüber gesprochen, dass „früher oder später“ die Mutter zumindest das Mittagessen im Heim einnehmen solle. Später ist der Besuch der Tagespflege angedacht. Da eine Pflegestufe noch nicht realistisch ist, will die Tochter die Kosten erst einmal selbst übernehmen.

Die Mutter lässt, solange die Tochter noch da ist, alles geschehen. Sie unterschreibt auch den von der Tochter vereinbarten Vertrag in Anwesenheit derselben. Nach deren Abfahrt kommt sie jedoch zum ambulanten Dienst, um den in Auftrag gegebenen Vertrag zu widerrufen. Sie brauche keine weitere Hilfe. Ihr Bekannter werde ebenso weiter für sie da sein wie die anderen bereits bei ihr tätigen Dienste, so beispielsweise der Besuchsdienst der Kirchengemeinde. Der ambulante Pflegedienst versucht noch, mit der von ihm informierten Tochter zusammen den Vertrag zu sichern, was aber nicht gelingt. Derzeit lebt Frau A. weiter wie bisher.

In dem an den Bericht anschließenden Fachgespräch der Projektgruppe „Quartiersarbeit“ wird deutlich:

Der ambulante Dienst sah sich in diesem Fall nicht wirklich in der Pflicht und auf keinen Fall in der Lage, die ausreichende Wirksamkeit der ehrenamtlichen Strukturen um Frau A. herum abzuklären. Eine Kontrolle oder Begleitung von ehrenamtlich Tätigen oder Nachbarn jenseits der Organisierten Nachbarschaftshilfe ihres Trägers sei ebenfalls nicht möglich. Man erkenne zwar, dass gegebenenfalls freiwillige, ehrenamtliche Strukturen durch professionell arbeitende beziehungsweise professionell begleitete Strukturen ersetzt würden. Aber die Prüfung und Begleitung Ehrenamtlicher sei nicht im Pflegeversicherungsgesetz vorgesehen und ein entsprechend privat finanziertes Modul sei wohl kaum realistisch. Die Hilfestrukturen seien nun einmal so. Und die professionelle Hilfe sei in vielen Fällen die einzige Chance, intensivere Hilfen, vielleicht sogar Heimunterbringungen zu vermeiden, insbesondere dann, wenn auch nächtliche Überwachung notwendig würde. Der Fall müsse immer „vom Ende her“ gedacht werden, um Risiken zu vermeiden.

In diesem Zusammenhang sind nun die weiteren Fälle interessant, die auch unter der Frage analysiert werden, ob beziehungsweise unter welchen Bedingungen durch eine engere Beziehung unter den Nachbarn und die Begleitung der Nachbarschaft durch den ambulanten Dienst im Quartier eine Heimunterbringung hätte vermieden werden können.

 
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